Was ist Intelligenz?
Und was nicht
Wenn eines Tages die lachenden Schelme um Rat angerufen werden („regieren wollen sie selbstverständlich nicht), werden die Elfenbeintürme in der Tiefe der Zeit versunken sein mitsamt ihren von allem losgelösten Geistern und armen Kerlen wie Descartes, der beim Blick aus dem Fenster die Menschen mit Hüten verwechselt, weil er sich in seiner philosophischen Panikattacke nicht traut, die Menschen auf der Straße zu fragen, ob sie unter ihren Hüten Menschen seien oder vielleicht Automaten, gesteuert von einem bösen Betrüger. [1] In den Tiefen der Zeit versunken das immer schon falsche „Cogito, ergo sum“ des Geistes im Gefäß, der mit nichts verbunden ist, aber über alles redet. Der philosophus gloriosus, dessen Prototyp schon immer ein etwas abgezehrter erwachsener Mann, der in Einsamkeit und Freiheit vor sich hin denkt, geistert immerfort durch die Gemüter auch derjenigen, die die moderne Form des Denkens praktizieren, in der Arbeitsgruppe nämlich, dabei bewusst oder unbewusst darauf achtend, dass man sich im eigenen „Denkkollektiv“ [2] bleibe und nicht etwa das „Unwissenschaftliche“ in den heiligen Raum hereinlasse. Das wäre so, als würden die Philosophenkönige dem Pöbel erlauben, sich in Angelegenheiten der Republik einzumischen. Das hatte Platon sich in seiner Politeia anders gedacht wie nach ihm auch Bacon, der Erfinder der empirischen Wissenschaftsstils und mit ihnen alle die anderen Utopisten, die sich selbst an die Spitze setzten, die anderen arbeiten ließen und die Frauen … die hatten nur eine einzige Funktion, für sie überhaupt keinen Geist, manchmal auch Intelligenz genannt, brauchten, den die Philosophenkönige ihnen auch nicht zugestanden. Die „Aufklärer“ sahen das übrigens nicht viel anders.
John Dewey, ein Philosoph der anderen Art, kennt einen der Gründe, warum der Intelligenzbegriff so fundamental daneben gegangen ist. [3] Die griechischen Sklavenhalter, Platon war einer von ihnen, hatten einen tief sitzenden, fast physischen Widerwillen gegen Arbeit. Sie kontemplieren lieber und halten das für das Non-Plus-Ultra menschlicher Tätigkeit. Fürs Konkrete der Lebensverrichtungen und für die schwere Arbeit hat man Leute. An dieser Art Intelligenzbegriff hat sich so viel nicht geändert unter den klugen Köpfen, die ihre ganz persönliche Intelligenz am liebsten sich selbst ganz allein verdanken, frei von den Niederungen des Lebens und des Alltags und ganz und gar Herr seiner selbst, der alles unter Kontrolle hat. „Objektiv“ und „rational“ wachsen als Beschwörungsformeln über sich hinaus und verdampfen als ideologische, häufig auch politische Kampfbegriffen, so lange nicht geklärt ist, in welchen kulturellen Kontexten sie überhaupt entstanden.
Seit der klassischen Antike versuchten die „Denker“ immer wieder, der Unschärfe und der Komplexität des „kaleidoskopischen Flusses“ mit Systematisierungen aller Art und linearer Logik den Garaus zu machen. Diese Versuche haben sich tief in unsere „Geistes“-Geschichte eingeprägt und verbinden sich bis heute mit Namen, die bei vielen Ehrfurcht und Begriffe von überragender Intelligenz hervorrufen.
Aber diese Konzepte blieben nicht unwidersprochen. Robert Graves, der große Kenner des Altertums und seiner Geschichten, nannte Sokrates einen „törichten Naturalisten“, der keinen Dunst von der Funktion und Bedeutung der Geschichten hatte, die Menschen sich erzählten – die im übrigen nicht so verpeilt waren, an Elfen und Geister zu glauben, was Sokrates ihnen aber unterstellte. Für den französischen Soziologen Bruno Latour war der griechische Philosoph wegen seines Größenwahns bei der Erklärung der Welt, der selbst die Götter sich zu beugen hätten, der erste Fall eines „mad scientist“. [4] Und auch der us-amerikanische Ethnologe Edward T. Hall findet, dass unser „westliches Denken seit Sokrates“ ein Defizitmodell ist, ziemlich eingeschränkt mit seinem linearen Denken, das alles ausblendet, was nicht in eine bestimmte, eher unterkomplexe Art von Logik passt. [5] Was das mit Sprache zu tun hat? So ziemlich alles. Doch eins nach dem anderen.
[1] Robert Newman, Neuropolis. A Brain Science Survival Guide, London 2017
[2] Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Basel 1935
[3] John Dewey, Logic. The Theory of Inquiry, New York 1938
[4] Bruno Latour, Die Hoffung der Pandora, Frankfurt a. M. 2000
[5] Edward T. Hall, The Silent Language, New York 1973
Das gesellige Gehirn
Ein Gehirn allein macht noch keinen klugen Kopf. Es braucht andere Gehirne, um sich richtig verschalten zu können und intelligent zu werden. Die Geschichte von Kaspar Hauser zeigt, was einem Menschen in völliger Isolation widerfährt. Er kann kaum seine Gliedmaßen richtig koordinieren, ist der Sprache nicht mächtig und offensichtlich bar jeglicher Intelligenz.
Doch was ist Intelligenz? Wenn es um menschliche Eigenschaften geht, ist kaum etwas so umstritten wie der Intelligenzbegriff. Soll man sich nach der Decke der als Genies bezeichneten Großdenker strecken oder reicht auch ein Fisch, der umso intelligenter wird, je komplexer das Korallenriff ist, in dem er lebt? Zeigt eine Reihe von Schädeln, die von den kleinen Australopithecus-Schädeln bis zu den großen Homo-sapiens-Schädeln reichen, die Evolution der Intelligenz oder doch eher ein „Xylophon“, wie der Wissenschaftspublizist und Komödiant Robert Newman (s. o.) launig ausführt, um gleich anschließend zu erklären, dass es mitnichten auf die Größe, sondern auf eine gute Verschaltung der Neuronen ankommt, und dass der kleinwüchsige Isaac Newton, gemessen an seiner Schädelgröße, irgendwo zwischen Homo ergaster und Homo heildelbergensis landen würde.
Begriffe und niedere Beweggründe
Da ist überhaupt einiges faul mit dem Intelligenzbegriff. Bis heute. Man ist sich darüber einig, dass die Grundausstattung für Intelligenz eine biologische Anlage ist, die sich jedoch schnell ins riesige Universum des Menschenmöglichen öffnet und eine Vielzahl kultureller Äußerungen und Intelligenzbegriffe hervorbringt. Die meisten derjenigen Begriffe, die heute als „modern“ gelten, sind reduziert, unterkomplex und rundheraus rassistisch, wie uns der Paläontologe und Wissenschaftshistoriker Stephen Jay Gould in „The Mismeasure of Man“, einer scharfen Kritik des allgemeinen Intelligenzbegriffs, mit auf den Weg gegeben hat. Nicht nur er plädiert dafür, in Sachen Intelligenz noch einmal neu nachzudenken. Schließlich ist die uns heute noch vertraute und weithin gängige Vorstellung von Intelligenz eine Schöpfung des 20. Jahrhunderts, die im Rahmen rassistischer Theorien weißer – männlicher – Überlegenheit entwickelt wurden, vor allem, um die Gräuel kolonialer Ausbeutung zu rechtfertigen. [1] Ganz genau so werden heute die Ausbeutungsstrukturen moderner neoliberaler Exzesse legitimiert, insbesondere von prominenten Figuren in der KI-Industrie.
„We want to flood the world with intelligence,” sagte einmal Mister Altman von Open AI, “we want people to just use it for everything.”
Besser kann man nicht ausdrücken, dass in dieser bodenlosen Anmaßung Intelligenz so gar nicht verstanden ist. Aber das istnicht weiter wichtig, weil es darum selbstverständlich gar nicht geht.
Man verteilt kostenlos kleine Päckchen, bis die naiven Konsumenten, dankbar für die Schnäppchen, nicht mehr ohne die „Intelligenz“ können. Und dann geht’s ans Bezahlen [2] Nicht vergessen, dass „intelligence“ im Englischen vor allem auch Geheimdienstspache ist für Information, in der Regel qua Überwachung.
[1] Stephen Jay Gould, The Mismeasure of Man, New York 1981
[2] Cory Doctorov, Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse and What to do Abaout It, Ney York 2025
Intelligente Anpassung
Wie immer dem sei, der wesentliche Faktor für die Herausbildung irgendeiner Art von Intelligenz ist das Leben in einer Gruppe, je komplexer, desto besser. Und was für einfache Korallenfische gilt, könnte auch für Menschen und ihre Vorfahren nicht falsch sein: intelligente Anpassung an die Umgebung. Lucy, Australopithecus afarensis, 3,2 Millionen Jahre alte Äthiopierin und „Mutter der Menschheit“ hat gezeigt, wie das geht. Sie fand sich sowohl auf dem Baum wie auch auf dem Boden gut zurecht und machte sich alle jeweiligen Ressourcen nutzbar. Alles zusammen wurde zu einem komplexen Geflecht von Anforderungen, in dem durch die Entwicklung von Routinen und Absprachen Komplexität reduziert werden musste und in dem eine Aufgabe im Mittelpunkt stand: zu leben und zu überleben und den unfertigen Nachwuchs zu schützen. Sprechen konnte Lucy noch nicht. das blieb ihren Nachfahren vorbehalten, die mit dieser neuen Fähigkeit einen gewaltigen Evolutionsschub Richtung Homo sapiens auslösten, womit ausdrücklich auch Homo sapiens neandertalensis gemeint ist.
Die Entwicklung der Sprache in der zunehmenden Komplexität des „gesellschaftlichen“ Lebens und daran gekoppelt eine neue, planende Art zu denken, führten zu schnellerer Verschaltung der Synapsen, was wiederum die Optimierung bestehender und die Erfindung neuer Kulturtechniken ermöglichte. Dies wiederum erforderte mehr und bessere Nahrung für die immer hungrigen Gehirne, die bald 20 Prozent aller zugeführten Ressourcen verbrauchten – das Ergebnis einer langen kontinuierlichen Entwicklung.
Schon seit die frühen Menschen begonnen hatten, in Gruppen zu jagen, anstatt nur mehr einzusammeln, was Raubtiere übrig gelassen hatten, hatte sich der Fleischanteil in der Nahrung erhöht. Als Homo erectus das Feuer gezähmt hatte, durch Kochen alle Nahrung weiter besser zugänglich gemacht und Pflanzen von Toxinen befreit hatte, war die Beschleunigung der Entwicklung zum immer hungrigen komplexen Gehirn in Gang gesetzt worden. [1] Die Sprache ist bei alledem eine conditio sine qua non. Evolution ist ein Prozess der Anpassung an Umweltbedingungen und die Schaffung komplexer sozialer Gebilde, die es ermöglichen, die Anpassungsleistungen zu optimieren, indem man sich miteinander abstimmt, gemeinsam plant und Handlungen aufeinander abstimmt, was andere Primaten nicht tun. Die Evolution des Denkens, des Handelns, der Bildung sozialer Gefüge und der Sprache gehen immer Hand in Hand.
[1] Richard Wrangham, Catching Fire: How Cooking Made Us Human. New York 2009
Gewollte Zerstörung
Was alles passiert, wenn man diese in so langer Zeit und aus gutem Grund gewachsene Innigkeit zerstört, können wir Tat für Tag besichtigen: in gewollter Vereinzelung und Vereinsamung, in gewollter digitaler süchtig machender Zombifizierung, in der gewollten Entfremdung der Menschen von grundlegenden Kulturtechniken, in der Vernichtung von mehr und mehr Sprachen, im Angriff auf Kreativität, Urteilskraft, moralische Koordinatensysteme und soziale Gefüge, Möglichkeiten, den Lebensunterhalt zu verdienen, auf den politischen Frieden und in nihilistischer Gier im kriegerischen Angriff auf weltweite Ressourcen, auf Ökosysteme, auf die Allmende. Was das mit Intelligenz zu tun hat: Gar nichts.
Was Intelligenz nicht ist und ein rhetorischer Trick
Was aber Intelligenz insgesamt ist, ist nach wie vor nicht ausgemacht. Es wird es wohl auch nicht sein. Denn wie Gould sagte, Intelligenzbegriffe entstehen in kulturellen Kontexten, sind oft ideologisch überfrachtet und ganz und gar untauglich, irgendetwas zu beweisen.
Das westliche Denken verwechselt Intelligenz seit jeher mit der regelbasierten Manipulation von Symbolen. Denken sei logische Deduktion in einer dualistisch gedachten Welt (s.o), in denen Rationalität und Emotionen strengstens voneinander getrennt sind ebenso wie der Verstand vom Körper getrennt sei. Das ist eine Illusion, die insbesondere in den analytisch-abstrakten und gänzlich entfremdeten Wissenschaften nach wie vor bevorzugt wird. Wie weit man damit daneben liegt, nimmt man lieber nicht so gern zur Kenntnis. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Denken soll lieber körperlos schwebend über den Wassern stattfinden und vor allem außerhalb jeglicher konkreter Kontexte in Einsamkeit und Freiheit. Natürlich ist das alles Humbug, schlicht falsch auch, geprägt von Geschlecht, Kultur und Klasse, wie wir schon lange wissen, aber alte Sünden werfen lange Schatten, und allzu viele „kluge Köpfe“ wollen doch lieber nicht auf ihre liebgewordenen Selbstvergewisserungsrituale verzichten.
Dass so viele Menschen, die man einmal für intelligent gehalten hatte, wie die Kaninchen auf die KI-Schlange starren und Unverständliches über „Unvermeidbarkeit“ und „Der-Geist-ist-aus-der-Flasche“ raunen, zeigt uns zu unserer großen Bestürzung, dass sie zum einen in den alten Geistesnebeln schweben und schwelgen, und dass sie zum anderen auf einen eher einfachen rhetorischen Trick hereingefallen sind.
Ein gewisser John McCarthy vom Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, wollte eine kleine Konferenz unter dem Titel „Automata Studies“ veranstalten. Das Interesse war mau. Also ersann er etwas anderes: „Artificial Intelligence“. Der Titel verfing sofort, bei den Förderern und im Wissenschaftsbetrieb. Bei irgendetwas Intelligentem will doch jeder gern dabei sein. Vielleicht färbt es ja ab, vermutet Karen Hao als einen Erfolgsfaktor der neu benamsten Automatenkonferenz.
Der Trick
Wie erklärt sich der verhängnisvolle Siegeszug dieser Bezeichnung und ihre unkritische Rezeption auch bei den „klugen Köpfen“? Von den geliebten Selbstvergewisserungsritualen war schon die Rede. Sprachlich gesehen, ist es erschreckend einfach. Stelle ich einer Abstraktion, in der Regel ausgedrückt durch ein unzählbares Substantiv, ein Adjektiv voran, gewinnt das Substantiv eine neue Qualität. Es gewinnt eine konkrete Kontur und tut so, als wären sich alle einig darüber einig, was es denn bedeute. Wie gesehen, ist das bei „Intelligenz“ mitnichten der Fall und wird es auch nicht sein, bis nicht ganz andere Dinge geklärt sind. Der ubiquitäre Gebrauch des Subjektschubs sorgt dann außerdem dafür, dass dieser plötzlich aus allen Poren sprießenden Intelligenz auch noch Intention unterstellt wird. Menschen sind so eingerichtet, bei der Wahrnehmung von Sprache Intention auszumachen, ein Evolutionsvorteil sondergleichen. Trügerische Plausibilität in Texten tut ein Übriges und haut den Lukas, wenn man nichts über Sprache weiß.
Künstliche Intelligenz ist nicht intelligent. Sie ist eine Simulation von Intelligenz. Sie ist statistische Mustererkennung, die ein Objekt an sich anhand seiner Eigenschaften nicht erkennen kann. Inzwischen hat sich auch außerhalb der Kreise der üblichen Verdächtigen herumgesprochen, dass die viel beschworene Superintelligenz oder Artificial General Intelligence (AGI) ein Hoax ist. Zu behaupten „In the same way it’s impossible to read a human mind, it’s hard to know what an AI is thinking“ (sagte einer von Anthropic) treibt den durchsichtigen Betrug auf die Spitze. Es denkt nicht, und das wird es auch nie. Derlei PR-Stunts werden nach hinten losgehen, und irgendwann begreift man das auch in Wissenschaft und Management (wo in weiten Teilen eugenisch inspirierte Intelligenzbegriffe nach wie vor fröhliche Urständ feiern). Die Frage ist nur, ob man den bis dahin angerichteten Schaden wieder gut machen kann.
Doch die fahrlässigen Unterstellungen, die mit ihrem Gebrauch einhergehen, tragen dazu bei, dass gewisse Techkonzerne mit ihren eindeutig faschistoiden Tendenzen und Absichten so viel Macht gewinnen konnten.
Das Gerede von Intelligenz und noch mehr Intelligenz und Superintelligenz und Weltintelligenz der Techkonzerne ist natürlich auch nur ein weiterer mieser rhetorischer Trick, um die Geldflüsse am Laufen und die Kaninchen vor der Schlange zu halten, damit man sei eines Tages nach Strich und Faden ausnehmen kann.
Und was Ray Kurzweil (Jahrgang 1948) angeht: Wir hoffen für ihn, dass er den Eintritt der Superintelligenz oder Singularität, ab deren Eintreten die Gesetze der Physik nicht mehr gelten und man nicht wissen kann, was sein wird (ungefähr so wie am Jüngsten Tag) den er für 2045 voraussagt, noch erleben kann. Könnte ja klappen, und dann kann er sich, 97-jährig, irgendwohin hochladen.
Problemlösekompetenz
Wie wir sahen, entstand und entsteht diejenige Intelligenz, die wir Problemlösekompetenz nennen und die allgemein nicht streitig ist, in der Auseinandersetzung mit der sehr konkreten Wirklichkeit mit allem, was dazugehört. Regen, Schnee, Erdbeben, Menschen, Tiere, Trockenheit, weite Wege, Hunger, Durst und was es nicht alles ist. Mit welcher Wirklichkeit setzt sich die sogenannte Künstliche Intelligenz auseinander? In welchen sozialen Prozessen ist ihre Intelligenz gewachsen?
Normal kluge Kinder haben oft das Problem, nicht zu wissen, was sie werden sollen, weil da viele Möglichkeiten sind. Genau wie Sidney Lamb es beschrieb und wie wir es auch aus der Biologie wissen: Da ist die Grundausstattung an Verknüpfungen, die je nach eingegebenen Reizen so oder so stärker oder schwächer miteinander verbunden werden. Die allermeisten Kinder haben die Anlage, alles gut zu machen, wenn sie nur anständigen Unterricht haben.
Einen kleinen Schritt zurück: Wenn Klugheit dadurch entsteht, sich an auch schwierige Situationen anpassen zu müssen, dann hätten Kinder aus schwierigen Verhältnissen eigentlich einen Vorteil. Denn die Bedingungen, unter denen sie aufwachsen, sind nun einmal oft das Gegenteil von dem, was gut meinende moralisch hochbegabte Pädagogen sich unter einer idealen Lernumgebung vorstellen.
Intelligenz aus Not. So etwas gibt es natürlich. Es verläuft häufig nicht in bürgerlichen Bahnen. Dann haben es die, die es immer schon wussten, immer schon gewusst. Der stärkste Inhibitor der Entfaltung sind aber nach wie vor Klassenschranken, so sehr man das auch versucht zu negieren. Die dümmsten Plagen sind oft die, deren Eltern die dicksten Kartoffeln haben und die ihren Nachwuchs mittels guter Kontakte in komfortablen Positionen unterbringen. Wie viel Schaden sie da dann anrichten – und das tun sie – ist ihnen herzlich egal.
Reiche Kinder, die sich nie mit schwierigen Situationen herumschlagen mussten, sind in der Tat oft indolent, was auch zu Francis Galtons Zeiten so war. Aber klassenbewusst ging er davon aus, dass Genialität innerhalb einer Familie weitervererbt werde und dass sich solche Familien vornehmlich in den privilegierten sozialen Schichten finden ließen. Daher sollten die sich stärker vermehren, um die genetische Verbesserung der menschlichen Art voranzutreiben. Für dieses Vorgehen führte er den Begriff Eugenik ein. Wie sein Cousin Charles Darwin plädierte er dafür, dass ungeeignete oder arme Menschen, darunter die aus den Kolonien eingewanderten Untertanen der britischen Krone, sich nicht vermehren und einen freiwilligen Zölibat einhalten sollten. Auch der Papst der Ökonomen, Joseph Schumpeter, bedauerte, dass leider nur die armen – dummen – Leute mehrere Kinder bekommen und nicht die intelligenten und frönte malte ansonsten sein Bild vom charismatischen, superintelligenten Unternehmer.
Das Gerede von der künstlichen Intelligenz ist in erster Linie PR-Getue (s.o.). Das eigentliche Ziel ist es, der Mehrheit der Menschheit, alles, was da an Intelligenz ist oder sein könnte, auszutreiben, um aus ihnen illiterate Untertanen der neuen Feudalherren zu machen, was natürlich nicht gelingen wird.
In die Überlegungen dessen, was menschliche Intelligenz sei, schleichen sich vor allem in den Kreisen der Techkonzernherren und ihrer von ihnen alimentierten politischen Förderer längst wieder die alten rassistischen und sexistischen Konzepte ein.
Und was sie unbedingt zerstören müssen, ist die Erkenntnis und das Erleben davon, dass echte menschliche Intelligenz, so viel wissen wir, ein soziales Geschehen ist, das umso schöner und größer und kreativer wird in allen sprachlichen Varianten und Denkmöglichkeiten, je mehr Menschen zusammenarbeiten und miteinander sprechen.
Die Auswirkungen regelmäßigen „KI“-Gebrauchs sind schon längst offenkundig. Leute im Wissenschafstbetrieb (auf allen Ebenen) können ihre eigenen „KI“-generierten Texte nicht zitieren. Sie wissen schlicht nicht, was sie (angeblich) verzapft haben. Gedächtnis, Denkvermögen und Sprachfähigkeiten atrophieren rapide. Die ersten Unternehmen jaulen bereits laut auf, weil Hochschulabsolventen illiterate Analphabeten sind. Nun denn: gute Aussichten für alle diejenigen, die noch selber leben und selber denken. (Sagen inzwischen sogar manche Unternehmensberater.)
Neopuritaner
Dass der KI-Hype auch gewisse Gelüste neopuritanischer Leibfeinde nach reiner schwebender Geistigkeit bedient, erleben wir auch jeden Tag. Zu dumm nur, dass auch ihre kostbare Intelligenz wie die aller anderen Menschen auf ihr uraltes Reptiliengehirn angewiesen sind, das alle wesentliche Prozesse gänzlich außerhalb ihrer Kontrolle steuert. Wenn sie sich dann noch vergegenwärtigen müssen, dass ihre kleinen grauen Zellen mehr Informationen aus dem gesamten Organismus beziehen, als sie umgekehrt absenden, ist die Krise vorprogrammiert. Denn das Gehirn steht mit dem Darm in ständigem Austausch. Man nennt das die Darm-Hirn-Achse. Ist sie gestört, hat das fatale Folgen – auf den (klugen) Kopf, denn das Mikrobiom des Darms beeinflusst nun einmal die Gehirnfunktion. Ray Kurzweil wird seinen Darm schmerzlich vermissen, wenn er einmal oben ist.
Annäherungen
Falls wir einmal eine Annäherung versuchen wollten: Intelligenz ist nicht, gegeneinander zu arbeiten. Intelligenz ist nicht, in nihilistischer Gier den größt möglichen Profit zum Schaden der Vielen erzielen zu wollen, erworben auf ganz und gar unlautere und oft genug kriminelle Weise. Intelligenz ist nicht, den Planeten zu verwüsten, Menschen unter bösartig kolonialen Bedingungen auszubeuten, Menschen ihrer Werke, ihrer Kunst, ihrer Gedanken, ihrer Arbeit zu berauben und zu betrügen. Intelligenz ist nicht die Vernichtung von Sprachen und Kulturtechniken. Intelligenz ist nicht der absichtsvolle Bau und die Unterhaltung von Suchtmaschinen. Intelligenz ist nicht Massenüberwachung und Zensur und die Bereitstellung von Werkzeugen für brutale Kriege, getragen von suprematistischen Ideologien, die welteinschließende Machtsysteme über den Globus verbreiten wollen.
Intelligenz wäre eine prima Alternative.