Mister Whorf
und ein Kunstwerk in 7000 Variationen
We dissect nature along lines laid down by our native language. The categories and types that we isolate from the world of phenomena we do not find there because they stare every observer in the face; on the contrary, the world is presented in a kaleidoscope flux of impressions which has to be organized by our minds—and this means largely by the linguistic systems of our minds. We cut nature up, organize it into concepts, and ascribe significances as we do, largely because we are parties to an agreement to organize it in this way—an agreement that holds throughout our speech community and is codified in the patterns of our language. The agreement is of course, an implicit and unstated one, but its terms are absolutely obligatory; we cannot talk at all except by subscribing to the organization and classification of data that the agreement decrees. We are thus introduced to a new principle of relativity, which holds that all observers are not led by the same physical evidence to the same picture of the universe, unless their linguistic backgrounds are similar, or can in some way be calibrated.“
Benjamin Lee Whorf [1]
Die mächtige Freundin
Sprache ist ein Kunstwerk in 7000 Variationen. Sie ist ein geselliges Wesen, das sich uns nur offenbart, wenn wir sie im Kreise unserer Leute erlernen. Sprache ist die Geliebte des Denkens, so innig mit ihm verbunden, dass das eine ohne das andere nicht leben kann. Sprache ist das Geschenk, das es uns in seiner Gestalt als Kulturtechnik ermöglicht, alles das zu verstehen und gemeinsam zu bewältigen, was um uns herum ist. Ohne Sprache keine Intelligenz, die uns zu Menschen macht. Ohne Sprache keine Anverwandlung der Welt, keine Auswahl aus dem Kontinuum, das die Welt in Wirklichkeit ist, keine wohlwollende und sinnvolle Ordnung in der grenzenlosen Fülle der Möglichkeiten, keine Verständigung, kein Menschsein.
Sprache ist Schönheit, Rhythmus und Melodie und unsere mächtigste Freundin, bevor alle diejenigen, die sie missbrauchen, ihrer nicht mächtig sind oder die sie verachten, zu den Waffen greifen.
Ja, Sprache kann auch peinigen, töten, vernichten, wenn man sie für finstere Zwecke missbraucht oder sie arrogant als oberflächlich abtut. Wer nichts über sie weiß, ist den von Sprache getragenen Manipulationen hilflos ausgeliefert. Das gilt vor allem für ihre Verächter unter ihren Feinden.
Wer sie nicht ehrt, sieht tatenlos zu, wie selbsternannte Weltenlenker die Vernichtung ganzer Zivilisationen herbeifabulieren und wie sie Menschen ihre Menschlichkeit absprechen, damit man sie ohne Skrupel morden kann.
[1] Benjamin Lee Whorf, Language, Thought and Reality, London 1956
Was Sprache nicht ist
Wir wissen auch, was Sprache nicht ist. „Sprache ist nichts, was einem zuvor Gedachten einfach übergestülpt wird.“ [1] Das Denken vollzieht sich stets im Sprechen, nicht davor, nicht außerhalb. „Das Sprechen ist seiner Struktur nach keine spiegelhafte Abbildung der Struktur des Denkens. Es kann deshalb dem Denken nicht wie ein fertiges Kleid übergestülpt werden. Das Sprechen dient nicht als Ausdruck des fertigen Gedankens. Indem sich der Gedanke in Sprechen verwandelt, gestaltet er sich um, verändert er sich. Der Gedanke drückt sich im Wort nicht aus, sondern vollzieht sich im Wort.“ [2]
Wie sollte das Denken ohne Sprache auch funktionieren? Sicher, es ist da (wie schon im Prolog kurz erwähnt). Wir haben es mit unseren sprachlosen Vorfahren und Verwandten unter den Primaten gemeinsam, wenn diffuse Bilder durchs halbwache Bewusstsein ziehen, deren Bedeutung sich erst in der Sprache manifestiert. Wenn wir Bilder sehen, die für sich allein gar nichts „sagen“, wird im Gehirn alles, was Sprache ist, unmittelbar aktiviert.
Sprachlos „denken“ wir, bis wir zwei Jahre alt sind. Danach verbindet sich das Denken unauslöschlich mit der Sprache, in der wir aufwachsen. Sie ist es, die bei jedem kreativen oder „höheren“ Denken automatisch aktiviert wird, was ganz und gar außerhalb unserer Kontrolle geschieht. [3] Und dann ist es wie mit dem Lesen. Wenn wir einmal lesen gelernt haben, können wir vertraute Schriftzeichen nicht mehr nicht lesen.
[1] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2011
[2] Lew Wygotski, Denken und Sprechen. (1934/2002) Weinheim und Basel. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Joachim Lompscher und Georg Rückriem
[3] MPI Nijmegen
Üppige Gärten unendlich vieler Gedanken
Sprache, Denken und Intelligenz führen keine Selbstgespräche in Einsamkeit und Freiheit. Dazu wurden sie nicht geschaffen. Sie gedeihen in den üppigen Gärten unendlich vieler Gedanken, die in so vielen Kulturen gewusst und gesprochen werden können. Sie bringen unendlich viel Wissen über unsere Welt hervor, ein jedes in seinem eigenen prächtigen Kleid, ein jedes nach seiner Melodie und in seinem Rhythmus.
Es ist dies das Wissen, das wir in der öden sprachlichen und intellektuellen Monotonie, die wir seit dem kolonialen Überfall auf Länder, Menschen, Kulturen und Sprachen geschaffen haben und mit imperialistischem Furor weiter schaffen, Auswege aus unserer selbst verschuldeten Misere zeigen könnte. Es ist das Wissen über menschenmögliche Lösungen für unser aller Probleme, die wir selbst nicht hätten erfinden können. [1]
[1] David Graeber, David Wengrow, The Dawn of Everything, New York 2020
Ansichten eines Schelms
Wir sind nicht die einzigen, die sich einen Reim auf die Welt machen. Es gibt seit jeher viele andere, auch klangvollere Reime. Es gibt eine Vielzahl der Melodien und Rhythmen, deren Reichtum mehr als einmal den Agenturen für Eindeutigkeit geopfert wurde, die im Dienste ihrer Herren für sich selbst weltgeltendes Denken in Anspruch nahmen und welteinschließende Ordnungssysteme schufen.
„Die Sprache ist durchaus kein bloßes Verständigungsmittel, sondern der Abdruck des Geistes und der Weltansicht des Redenden.“
Wilhelm von Humboldt, Gesammelte Schriften VI
Nebelschlösser für Philosophenkönige
Die notorisch misogynen Geisteshelden aller Epochen, seit jeher Verächter der Sprache, nicht wissend um ihre wahre Macht, schufen mannigfaltige aus Nebel gebaute Schlösser für die Philosophenkönige aller Zeiten. Der kaleidoskopische Fluss und die Wirklichkeit waren – und sind – ihnen zu kompliziert und zu beängstigend. Ob wir es dabei mit oft genug waffengestützten ideologischen Agenturen für Eindeutigkeit oder dem heute weit verbreiteten extrem komplexitätsreduzierten technologischen Solutionismus zu tun haben, ist kaum von Belang. Wo immer die Verteidiger der Sprache und des Sprachdenkens auftauchten, wurden sie gnadenlos niedergemacht, ganz wie es der Philosophenkönig Platon mit dem großen Rhetoriker Gorgios tat. Seine Verleumdungskampagnen und Feldzüge wirken so nachhaltig, dass auch die überwältigende Empirie, die dem Gorgios oder auch dem Herodot oder dem großen Ibn Chaldun Recht gab, vor allem bei den „klugen Köpfen“ in ihren „Rationalitäts“- und „Objektivitäts“-Denkstilen nichts fruchtete.
Gorgios, Herodot, Ibn Chaldun, sie alle kannten den Zusammenhang von Sprache, Denken und Kultur, aber bis heute möchte man auf lieb gewordene Selbstvergewisserungsrituale lieber nicht verzichten, möchte die rhetorische „Kosmetik“ verachten und kann so gleichzeitig sprachliche Defizite verschleiern, die zugleich in der Regel kognitive Defizite sind, wie der Teil der Wissenschaft, der ganz unwissenschaftlich notorisch ignoriert wird, es wieder und wieder zeigt.
Die bereits erwähnten Geisteshelden der sogenannten Aufklärung wie Montesquieu und Rousseau hielten es für notwendig, das öffentliche Leben von allem Weiblichen zu reinigen. Auch die Rhetorik musste verschwinden, es sei denn, sie war ihnen selbst zu Diensten. [1]
„Die“ Wissenschaft, voll der Philosophenkönige aller Fächer, hat seit jeher in bestem Kolonialhabitus jeder anderen als ihrer eigenen Sprache die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen. Gemeint sind nicht etwa Formulierungen oder das übliche Kauderwelsch, das ein Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung einst einen „abgefeimten Zuhälterstil“ nannte. Gemeint ist die epistemische Gewalt, mit der Wissenschaft allein, zumal die Wissenschaft einer bestimmten Weltgegend, für sich allein das Recht haben will, sich einen Reim auf die Welt zu machen. In Zeiten des „anglozentrischen Nichtwissens“ (Werner Petermann) verengt dies das Blickfeld auf eben diese Welt immer weiter, und die Wirklichkeit wird nur noch zu einer vagen Vermutung. Aber wen interessiert schon die Wirklichkeit, wenn man „faktengestützte“ Gegenveranstaltungen hat, die in „gerichteter Wahrnehmung“ [2] Komplexität so behandeln, dass es dem eigenen Reduktionismus entgegenkommt?
[1] Barbara Vincken, Alle Menschen werden Brüder, Lendemain 71/72 1993
[2] Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, Basel 1935
Primitive Monotonie
Es ist nicht gut, in nur einer Sprache zu denken, um sich ein Bild von der Welt zu machen, wussten polyglotte Gelehrte schon vor mehr als 100 Jahren. Sie wussten dies in der Tradition Wilhelm von Humboldts und Johann Gottfried von Herders und Giambattista Vicos, die die Grundlagen für das schufen, was heute als die Sapir-Whorf-Hypothese von der Relativität der Sprache akzeptiertes Wissen über den Zusammenhang von Sprache und Denken ist. Sprache und Denken, Geschöpfe und Schöpfer all der Kulturen, Rhythmen und Melodien im kaleidoskopischen Fluss. Je mehr Sprachen und Denkmöglichkeiten man kennt, umso mehr Reime auf die Welt kann man verstehen.
Einsprachigkeit zeigt nichts als verzerrte Bilder, die einem am Ende den Schneid abkaufen werden.
Nur mit mehr als einer Sprache oder nur wenigen kann man das Menschenmögliche aller Gedanken erforschen, kann man zu einer echten Verständigung unter Menschen kommen und voneinander lernen.
In der imperialistisch gewollten Monotonie ist das nicht möglich, und das Menschenmögliche wird mit verschiedenen Methoden und Mitteln der Gewalt auf ein primitives Minimum reduziert. Die neueste Variante der Sprachvernichtung heißt Large Language Model. Die räuberischen Algorithmen „erfassen“ weniger als zwei Prozent, und nur 0,2 Prozent werden zu über 80 Prozent korrekt wiedergegeben. Angesichts der schieren Gewalt des ins Groteske gesteigerten Hypes, dem kenntnislose, bodenlos naive und heimlich schachernde oder offen unterstützende Regierungen weltweit auf den Leim gehen, kann man die Gefahr der Sprachvernichtung gar nicht genug überschätzen.
Die Homogenisierung der Sprachen und des Denkens hat längst begonnen. Aber wo keine Alternativen und Reibungen sind, da ist auch keine Intelligenz.
Wenn man sich eine Weile mit diesem Kunstwerk in 7000 Variationen befasst hat, ergreift einen eine tiefe Ehrfurcht vor der Schönheit, der Schöpferkraft und der Macht unserer kostbaren Freundin. Woher nehmen wir das Recht, sie zu missbrauchen, sie arrogant zu verachten und abzutun als lästiges härenes Kleid unserer „edlen“ Gedanken? Woher nehmen wir das Recht, zuzulassen, dass sie für die Befriedigung der nihilistischen Gier völlig entgleister Kreaturen korrumpiert und gnadenlos zerfetzt wird?
Mister Whorf
Benjamin Lee Whorf (1897 bis 1941) war ein Ingenieur, der zeigte, wie empathische Neugier und ein offener Verstand neue Welten und neue Wege des Wissens erschließen können. Er war Fachmann für die Sicherheit von Industrieanlagen. Seine Arbeit führte ihn zu Ursachen für Störfälle, die zuvor niemand in Betracht gezogen hatte. Eine Firma hatte Benzinfässer als „leer“ gekennzeichnet, was dazu führte, dass die Arbeiter sorglos mit ihnen verfuhren und in deren Nähe sogar rauchten. Eines Tages warf einer eine brennende Zigarette in ein „leeres“ Fass voller Benzindampf und verursachte so ein großes Feuer.
Diese Anekdote wurde von Verfechtern wie auch von Gegnern Whorfs ins Feld geführt. Das soll hier keine Rolle spielen. Wichtig ist, dass Whorf am Haken unseres Kunstwerks in 7000 Variationen war. Er verschrieb sich dem Studium der Sprache und des Zusammenhangs von Sprache und Denken. Um bei seiner Entdeckungsreise nicht in den philologischen Konventionen der europäischen Standardsprachen steckenzubleiben, begann er das Studium der mesoamerikanischen Sprachen, um den Unterschieden im Denken auf die Spur zu kommen. Er tat dies mit solcher Hingabe, dass er bald zu einem der führenden Experten dieser Sprachfamilie wurde, als Edward Sapir, neben seinem Lehrer Franz Boas der bedeutendste Ethnolinguist seiner Zeit, den Autodidakten Whorf unter seine Fittiche nahm. (Übrigens versteigt sich nur die deutsche Wikipedia zu dem peinlichen Dünkel, Whorf einen „Amateur“-Linguisten zu nennen.)