Gelehrte Männer, der Geist und die Intelligenz

Eine immerwährende Suche

Jahrtausende hatten gelehrte Männer damit zugebracht, den genauen Standort des Geistes auszumachen. Das war schwieriger als sie dachten, und sie mussten sich dabei auf immer gefährlicheren Graten in immer dünnerer Luft bewegen. Nicht ohne Risiko suchten sie weiter und weiter, gingen über Berg und Tal und sogar in Höhlen, um Licht in die Dunkelheit der Welt zu bringen. Der Geist ließ sich so schwer fassen wie der berüchtigte Schnark. Dieses Wesen trieb im 19. Jahrhundert sein Unwesen auf den Britischen Inseln und konnte niemals dingfest gemacht werden. [1] Wie sein Kumpan, der Geist, trieb auch er tapfere Männer auf der Suche nach ihm zum Äußersten.

Da hatten die edlen Männer eine Idee. „Wir werden den Geist nie finden“, erkannten sie. Also verschworen sie sich miteinander zu einer kleinen Gruppe Eingeweihter. „Wir brauchen diesen Geist für unsere Zwecke und auch für die Durchsetzung unserer Interessen. Also warum ihn nicht einfach erfinden? Dann nennen wir ihn ‚frei‘, damit uns die lästige Wirklichkeit nicht in die Quere kommt. Sie ist ohnehin viel zu kompliziert.“

Also taten sie wie beschlossen und freuten sich ungemein über ihren „Geniestreich“, wie sie es nannten. Natürlich konnte man den „Geist“ nicht sehen. Aber die Menschen des Altertums (wie sich herausstellen sollte, nicht nur sie) waren an mythische Wesen gewöhnt, die man ebenfalls nicht sehen konnte. Das war also kein nachhaltiges Hindernis.

Der „Geist“ machte Karriere vor allem unter denjenigen Männern, die einen starken Drang zum Unsichtbaren hatten. Eine später hinzugekommene Organisation, die sich intensiv mit Körpergeißelung und -verachtung (Das Weib ist böse …) sowie variablen Unsichtbarkeiten beschäftigte, war im Zuge dieser Entwicklungen enorm hilfreich. Bald war der „Geist“ überall bekannt, wenn auch nicht überall verstanden. Die sogenannte Aufklärung brillierte mit der Erfindung der von allen irdischen Lastern befreiten „Rationalität“, wohnend im Manne, abwesend im Weibe und im Wilden. Im 20. Jahrhundert schließlich wurde die Erfindung auch bekannt unter der Bezeichnung „Geist-im-Gefäß“. Wie schon der Original-Geist hatte auch er keinerlei Verbindung zur Welt. Und wie sein Ahne sprach auch er über die ganze weite Welt, ohne sie je gesehen zu haben. Ein Franzose namens Latour beschrieb diese größte aller Erfindungen diffamierend als „Kantschen Science-Fiction-Alptraum“. [2] Doch trotz dieser schändlichen Beleidingung hatte die grandiose Erfindung längst gewonnen. Hier der Geist, da der Rest, Leib und Weib.

Die gelehrten Männer aller Zeiten hingegen übten sich in gepflegten Neurosen, ausgesuchter Misogynie, der Einhaltung vorgeschriebener abgezehrter Magerkeit und der schmucklosen Reduktion der Kleidung auf T-Shirt und kurze Hose. In gewissen akademischen Varianten dürfen es wahlweise auch ein möglichst zerschlissenes Hemd und sehr alte Hosen sein.

[1] Lewis Carroll, The Hunting of the Snark (An Agony in Eight Fits) 1876

[2] Bruno Latour, Die Hoffung der Pandora, Frankfurt a. M. 2000

Die neue Unsichtbarkeit

Neuerdings greift man vermehrt auf die alten bewährten Rezepte zurück, um eine neue Art von Unsichtbarkeit unters dumme Volk zu bringen. Wieder hatten kluge Männer eine Idee. „Wir werden die Intelligenz in der Maschine nie finden“, erkannten sie. Also verschworen sie sich miteinander zu einer kleinen Gruppe Eingeweihter. „Wir brauchen diese Intelligenz für unsere Zwecke und auch für die Durchsetzung unserer Interessen. Also warum sie nicht einfach erfinden? Dann nennen wir sie beizeiten Superintelligenz, die in Kürze die Angelegenheiten der Menschheit übernehmen wird, damit uns die lästige Wirklichkeit und die Menschen, die nicht hören wollen, nicht in die Quere kommen. Die Wirklichkeit ist zu kompliziert, und die Menschen sind bei der Durchsetzung unserer Interessen hinderlich.“

Also taten sie wie beschlossen und freuten sich ungemein über ihren „Geniestreich“, wie sie es nannten. Natürlich konnte man die „Intelligenz“ nicht sehen. Aber die klugen Köpfe in den Universitäten waren an mythische Wesen wie den reinen Geist und die frei schwebende Intelligenz alter Art gewöhnt, die man ebenfalls nicht sehen konnte. „Ideen“ und „Konzepte“ waren ihnen wesentlich näher als Statistik und simple Automatisierung, durchgeführt in ganz und gar physischen Umgebungen. Die dünne Luft der Abstraktionen war ihnen so viel angenehmer als die stickig heiße Atmosphäre der gigantischen Hallen voller Megamaschinen. Mit anderen Worten: Sie waren kein Hindernis. In Management und Politik, ebenfalls kein Hindernis, im Gegenteil, begrüßte man die körperlosen schnellen Eingreiftruppen, um loszuwerden, was man schon immer als lästig empfand.

So wie der „Geist“ vor allem unter denjenigen Männern Karriere machte, die einen starken Drang zum Unsichtbaren hatten, so tat es auch die Intelligenz. Der Science-Fiction-Alptraum war endlich wahr geworden.

Aber nicht für lange.