Was Ihr versäumt
Ihr mit der uneingetunkten Feder
Maschinenmenschen, ja ihr mit der uneingetunkten Feder und euren Luftnummern, leset und bedenket, was ihr versäumet.
Für das Glück des Scheibens seid ihr verloren. Verloren für das Abenteuer. Verloren für die Geschichte, die euch weiter weg trägt als jedes Raumschiff. Verloren für die Freiheit, die man nur im Schreiben findet. Verloren für das Glück, im Schreiben ganz unverhofft den entscheidenden Gedanken hervorkommen zu sehen, ihn schreibend von allen Seiten zu betrachten, zu erleben, wie er sich mit anderen Gedanken zusammentut, mit ihnen streitet und dann mit dem einen, der sich wissend an ihn schmiegt, in den Sonnenuntergang reitet, zum weiten Horizont, wo der Zusammenhang wohnt, den entdeckt zu haben, das besonders große Glück ist.
Verloren für die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben (Heinrich von Kleist). Verloren auch dafür zu schreiben, um herauszufinden, worüber ihr nachdenkt (Edward Albee). Verloren für die Arbeit an der Sprache, die immer Arbeit am Gedanken ist (Friedrich Dürrenmatt).
Menschen, die in der Sprache leben, kennen die Zusammenhänge, wissen, wie es funktioniert. Dafür brauchen sie zwar keine Neurolinguistik, die aber kann uns wertvolle Erkenntnisse über das Funktionieren unseres Sprachdenkens liefern. Außerhalb enger Fachkreise wird das allerdings kaum zur Kenntnis genommen. Zu stark sind die alten Ideologien, die Talentmythen, der romantische Geniekult, zu drängend das Bedürfnis nach Selbstvergewisserungsritualen mitsamt ihren Bedeutungsvermutungen. Zu groß auch die Bedürftigkeit, als reiner Geist ohne Bodenhaftung zu brillieren, den Niederungen der Wirklichkeit gänzlich entsagend.
Inzwischen kann jeder wissen, was auf dem Spiel steht: Verlust der kognitiven Fähigkeiten, Dauermanipulation, sich zuspitzendes Suchtgeschehen, Datendiebstahl, Verlust jeglicher Souveränität, Verlust der Artikulationsfähigkeit, Verlust der Affektkontrolle durch instant gratification (wie bei Dreijährigen), Verlust des strukturierten und konzeptionellen Denkens, Suspendierung von Verantwortung. Dazu Mitschuld an andauernden Urheberrechtsverletzungen, am Raubbau an Ressourcen mit in der Regel gewalttätigen Methoden in armen Ländern, an grotesken Ausbeutungsverhältnissen und an einer Hybris, die alten Kolonialverbrechen in nichts nachsteht. Rote Pille oder blaue Pille?
Langsam fragen wir uns, wer oder was genau die Leute mit vorgehaltener Waffe dazu zwingt, ihr Leben in die Hände von Figuren zu geben, denen sie nicht einmal ein gebrauchtes Spielzeugauto abkaufen würden.
„Delegiert der Mensch das Schreiben an die Sprachmaschine, verfehlt er sich selbst.“
Roberto Simanowski
Buch, Stift und Bibliothek
Wer noch mit Buch, Stift und Bibliothek aufgewachsen ist, mit gedruckten Lexikonbänden um einen herum auf dem Boden verstreut, dem Geruch frisch gedruckter Bücher, dem Aroma altehrwürdiger Bibliotheken, freundlichen Hinweisen ihrer Verwahrer, den Zufallsbegegnungen in Büchern, mit dem Suchen, Suchen, das atemlos wird, wenn wir etwas ahnen, dem Kritzeln auf Papier beim Nachdenken, während der gesuchte Gedanke längst im Hinterkopf ein Tänzchen aufführt und sich einen Spaß daraus macht, noch ein bisschen Versteck mit uns zu spielen, um dann, als wir, der Verzweiflung nahe, aufgeben wollen, hervorspringt und uns einen dieser unvergleichlichen Lebensmomente beschert, die für alle Zeiten in unserem Gedächtnis verankert sind und die für das unbeschreibliche Glück stehen, das man empfindet, wenn man etwas gefunden, verstanden, erkannt und vor dem inneren Auge gesehen, und wenn man schließlich die richtigen Worte dafür gefunden hat, diese Erkenntnis und diesen Moment festzuhalten, hat natürlich Glück.
[1] Joe Moran, First You Write a Sentence, London 2018
Das ist übrigens das ein einziger Satz. Wenn man ihn anders setzt, wird er ein Gedicht. Etwas Ähnliches habe ich bei Joe Moran gefunden, der das schönste Buch über Schreiben aller Zeiten geschrieben hat. [1] Neben vielen anderen Schätzen finden wir darin auch ein Plädoyer für den langen Satz. Die Länge des Satzes ist nämlich nicht das Problem. Ist er gut gebaut, lesen wir ihn auch gut. In Verruf geriet der lange Satz durch nicht zu Ende gedachtes oder erst gar nicht verstandenes Kauderwelsch in Wissenschaft und Management. Daraufhin erfand man „KISS“ und dachte, man hätte einen Husten mit Asthma geheilt.
Wollt ihr darauf wirklich verzichten? Wollt ihr darauf verzichten, Herr im eigenen Haus zu sein? Wollt ihr wirklich nur noch reproduzieren und nicht mehr produzieren? Zurückbleiben in einer Welt, in der dankbare, unverständige und skrupellose Konsumenten in Wissenschaft und Management halfen, euch eurer wichtigsten Kulturtechniken zu entfremden? Oder seid ihr schon so konditioniert, dass ihr das alles selber tut? Ist es euch wirklich schon egal geworden, ob ihr mit Lebendigem oder mit Totem zu tun habt? Ist es euch egal, in einer Welt zurückzubleiben, die euch nichts mehr zu bieten hat und der ihr nichts mehr zu bieten habt? Blaue Pille oder rote Pille?