Zeit

Kulturtechnik in vielen Varianten

 

„Jede neue Technologie, die uns objektiv Zeit gewinnen lässt, beschleunigt unseren Rhythmus und den Fluss unserer Tätigkeit. Sie verschafft uns mehr Arbeit, anstatt dass sie uns mehr Zeit bescheren würde.“

Jeremy Rifkin

Ein Wahnsystem hat unseren Geist vernebelt. Der „rasende Stillstand“, den Paul Virilio schon 1997 erkannte, diese gewalttätige Beschleunigung ist Taktgeber der Gesellschaften, die offenbar die Nase voll haben von sich selbst. Paul Virilio nennt diesen Zustand „Koma“. [1]

„Zeit“ ist das meist genutzte Substantiv der deutschen Sprache. Allerdings weiß niemand so genau, was Zeit eigentlich ist. Jeder macht es sich passend, wie es gerade gebraucht wird, auch und vor allem in der Wissenschaft. Aber wenigstens können wir das, was wir nicht wirklich verstehen, messen. „Neue Standards der Zeitmessung“ versprach die Physikalisch-Technische Bundesanstalt vor einer Weile. Man feierte eine neue Messgenauigkeit kosmischen Ausmaßes, nämlich die „Unsicherheit der Atomuhr von nur etwa 30 Sekunden über das Alter des Universums.“

Wäre auch zu schade, wenn wir zu spät kämen zum Ende aller Dinge. Was würde das für einen Eindruck machen? Was das Universum angeht, gibt es inzwischen ernsthafte Diskussionen darüber, dass alles auch ganz anders gewesen sein könnte als bisher angenommen, dass nämlich das vermeintliche Ende nur der Auftakt zum nächsten Anfang ist. Dann müssten die Freunde der Messgenauigkeit wohl die Uhr neu stellen.

Also wozu man braucht diese „neuen Standards? Hochpräzise „Uhren“ auf der Basis atomarer Rhythmen haben als einen ihrer wesentlichen Zwecke, die unübersichtlichen Massen ganz und gar hochwertiger Privatfernsehprogramme passgenau in die vorhandenen Übertragungskapazitäten einzutakten. Die Werbung ist schließlich bezahlt.

[1] Paul Virilio, Rasender Stillstand, Frankfurt a.Ma. 1997

Unsinnig absolut

Für die Physik nach Newton spielt Zeit keine Rolle, ist gar eine Illusion oder einfach irrelevant. Doch in der Alltagsvorstellung kommen wir allerdings nicht so leicht weg vom Newtonschen Begriff absoluter Zeit. So unsinnig er auch sein mag.

„Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand“, lautet die Newtonsche Erklärung. Der britische Physiker Banesh Hoffmann deckte den Zirkelschluss dieser These auf. Das gleichförmige Fließen der absoluten Zeit, so erklärt er uns, kann man nur mit absoluter Zeit messen. [1] Aber woher nehmen? Eben. Viele andere Kulturen wissen seit jeher auch ohne Physik, dass das alles Unsinn ist mit der absoluten Zeit und der „objektiven“ genau ausgemessenen Wahrheit. Aber auf die hören wir ja nicht.

[1] Banesh Hoffmann, Albert Einstein, Creator and Rebel, Viking Press 1979

Der Takt ersetzt den Rhythmus

Stattdessen ist das Zeitregime so dicht in unser Leben gewoben, dass wir gar nicht merken, wie sehr dieses Konzept uns prägt und kontrolliert. Ohne Terminplan geht gar nichts mehr. Das Zeitregime strukturiert das ganze Leben. Der Takt hat den Rhythmus ersetzt. Was für ein armseliges kulturelles Konzept, wenn man es einmal zu Ende denkt. Doch zum Denken müsste man schließlich Zeit haben. Da ist es leichter, einfach zu zählen. In kompilatorischen „Denk“-Stilen, in denen Analyse und echtes Denken keine große Rolle spielen, zählt und misst man gern, mit und ohne Maschinen. Und weil wir der „Zeit“ numerische Werte zuordnen, sie also zählen, können wir zu der – irrigen – Meinung gelangen, wir könnten Zeit managen, kontrollieren, verbrauchen, verschwenden, sparen, als sei sie gezähltes Stück für gezähltes Stück etwas Reales.

Es gibt Sprachen, in denen die Verben keine Zeitform haben. Keine Vergangenheit, keine Gegenwart, keine Zukunft. Sommer und Winter sind meteorologische Zustände, keine Zeiträume. Sprachlich sind sie keine Substantive. Aber nur Substantive kann man zählen. Woraus folgt …?

Was ich nicht sagen kann, kann ich auch nicht denken, weiß die Linguistik. Absolute und zählbare Zeit ist kein Wesen der Natur. Sie ist eine Erfindung gewisser Kulturen, die damit zum Schaden ihrer Angehörigen mehr Schindluder treiben, als dass sie damit irgend etwas Gutes täten.

Alternativen

Die Navajo gehören zu den zahlreichen Zivilisationen, die keinen Begriff von Zukunft oder linear fortschreitender Zeit haben. Inzwischen sind sie natürlich „integriert“ und haben ihren Newton gelernt.

Aber bitte weiterdenken! Wie sieht es ohne Zukunft aus mit der Verlagerung der Wirklichkeit in die „Zukunft“? Gemeint ist hier natürlich ein zentrales und für die „westlich-abendländische“ Kultur überlebenswichtiges Konzept: das wie auch immer gedachte zukünftige Jenseits, das auf einem linearen Zeitstrahl zu erlangen ist, wo dann die Erlösung wartet, auch genannt Eschatologie.

Und nun: Wie soll ohne ein als zukünftig gedachtes Jenseits die protestantische Ethik funktionieren, in der die armen Teufel für Gottes- oder Hungerlohn (was in der Geschichte der kapitalistischen Wirtschaftsweise praktisch dasselbe ist) im irdischen Jammertal schuften, damit sie’s im Jenseits gemütlich haben?

Ohne einen Begriff von Zukunft gerät das Ganze durcheinander. Die Versuche der US-Behörden, die Navajo zu erziehen, indem man ihnen den zukünftigen Nutzen irgendwelcher Programme schmackhaft machen wollte, scheiterten kläglich. Auch das christliche Konzept „Jammertal aushalten, ohne zu mucken, dafür später ins Paradies kommen“ wollte nicht recht einschlagen. Demzufolge, so dachten die braven Behörden, konnten die Navajo nur Zurückgebliebene sein, und von Newton hatten sie bestimmt auch noch nie gehört.

Die Navajo versuchten, den Zukunftsbringern etwas zu erklären. Aber so war das natürlich nicht gedacht. Es war die falsche Richtung. Die Navajo gehörten für die Behörden nicht zu dem Teil der Menschheit, der anderen etwas erklärte. Sie waren vielmehr diejenigen, denen man erklärte, wie es lief. Also musste „Bildung“ her.

Hopi
In der Sprache der Hopi gibt es kein Wort für Zeit. Denkt auch das einmal kurz zu Ende. Wahrscheinlich kommt Ihr nicht sehr weit. Ihr erinnert Euch. „Zeit“ ist das am häufigsten gebrauchte Substantiv der deutschen Sprache.

Als die frommen spanischen Christenmenschen nach Arizona kamen, dann die weißen Siedler, kolonisierten sie die Hopi. Sie quälten sie und gaben sich jede nur erdenkliche Mühe, ihre Kultur, ihre Sprache und damit ihre Art zu denken zu zerstören. Sie setzten die Schamanen gefangen, rissen Familien auseinander und trieben lebendige Menschen barfuß durch Bäder mit hochgiftigen Substanzen, weil sie angeblich Läuse hatten. So viel zum Thema Zivilisation.

Heute, so denken die Nachkommen der Kolonisatoren, müsse das doch bitte Vergangenheit sein. Alte Geschichte. Schließlich „heile“ die Zeit alle Wunden. Doch die Idee, dass „Zeit heilt“ setzt voraus, dass sie vergeht. Es braucht einen abstrakten, linearen Zeitbegriff, den die Hopi aber nicht haben (sie sind nicht die einzigen). Für sie ist es keine alte Geschichte. Nichts heilt.

Nuer
Für die Nuer (heutiges Staatsgebiet Südsudan) ist die Zeit kein Kontinuum, sondern eine Konstante zwischen zwei Punkten, zum Beispiel zwischen den Ersten und den Letzten einer Abstimmungslinie. Darin bewegen sich die Menschen wie durch einen Kanal oder Tunnel. Das ist die soziale Zeit. Die ökologische Zeit richtet sich nach den natürlichen Rhythmen. Beide Zeitkonzepte haben nicht direkt etwas miteinander zu tun. Mit ihnen angemessen zu verfahren und sie überhaupt denken zu können, erfordert ein hohes maß an Komplexitätskompetenz.

Maya
Dasselbe gilt für die Maya. Was sie sich für den Umgang mit der Zeit ausdachten, lässt unser simples lineares Konzept wie unterkomplexen Kinderkram aussehen. Eine komplexe Kombinatorik aus Ziffern und Zeichen für bestimmte Tage diente der Festlegung wichtiger Rituale. Der Ritualkalender hatte 260 Tage, das „haab“ (Sonnenjahr) 365 Tage mit 18 Monaten. Das Ineinandergreifen der Zählungen ergab schließlich eine Kalenderrunde von 52 Jahren, wenn es zur selben Kombination eines der 260 Tzolkin-Tage mit einem der 365 Haab-Tage kam.

Für die Quiché heutiger Tage ist das nicht einfach nur Vergangenheit und schon gar keine Folklore. Jeder Tag ist auf komplizierte Art anders, so dass man mitunter Spezialisten braucht, die sich mit derlei Dingen auskennen. Für die Quiché ist der Tag keine leerer Container, der unbedingt gefüllt werden muss. Es geht vielmehr darum, den Tag zu komponieren wie ein Musikstück oder zu erdichten oder zu malen.

Robert Levine,  A Geography of Time: The Temporal Misadventures of a Social Psychologist or How Every Culture Keeps Time Just a Little Bit Differently, Ney York 1997

u.a.

Ein kleines Denkspiel zwischendurch: Stellen Sie sich vor, es gäbe kein Wort für Zukunft. Wo bliebe dann die Vorstellung vom linearen Fortschreiten der Zeit? Wo bliebe das Konzept Zukunft? Wo das Konzept „Fortschritt“ (an dem wir alle so hängen)?

Zeitbegriffe gab es einst so viele, wie es Kulturen gab. Absolute Zeit ist an sich ein unsinniges Konzept, aber typisch für das universalistische Denken der Europäer und ihrer Derivate, die sich seit jeher mit der Welt verwechseln. Und so präzise auch die Atomuhren im Takt pulsen, bleibt es am Ende immer die Entscheidung der Kultur zu definieren, wie „lang“ oder wie „kurz“ so ein Puls ist. Oder was langsam oder schnell ist.

Kolonialismus und Missionierung haben den armen Zeitlosen längst ihren Newton gebracht, und wir möchten uns gern einbilden, unser Zeitbegriff sei die Natur der Dinge, so wie uns die Ökonomen mit der Beharrlichkeit der echten Irren ihre Erfindung des „homo oeconomicus“ gegen jegliches bessere Wissen als die „Natur des Menschen“ aufschwatzen wollen.

Zeit ist Geld oder die Vermählung von Gier und Hast

Es gab den Passanten, welcher sich in die Menge einkeilt; doch gab es auch noch den Flaneur, welcher Spielraum braucht und sein Privatisieren nicht missen will. Müßig geht er als eine Persönlichkeit; so protestiert er gegen die Arbeitsteilung, die die Leute zu Spezialisten macht. Ebenso protestiert er gegen deren Betriebsamkeit. Um 1840 gehörte es vorübergehend zum guten Ton, Schildkröten in den Passagen spazieren zu führen. Der Flaneur ließ sich gern sein Tempo von ihnen vorschreiben. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte der Fortschritt diesen pas lernen müssen.
Aber nicht er behielt das letzte Wort sondern Taylor, der das ›Nieder mit der Flanerie‹ zur Parole machte. 

Walter Benjamin – Das Passagen-Werk

1876 gab es die ersten Wecker, kurz später kamen die Stechuhren. Dann kam Taylor, der Teufel mit der Stoppuhr. Wie viele hundertstel Sekunden braucht es, eine Glühbirne zu wechseln? Heute unterwerfen Unternehmen wie amazon oder Zalando Mitarbeiter grotesken „zeitoptimierten“ Abläufen, die ihnen auch noch den letzten Rest an Menschenwürde nehmen. Sie nehmen leere Flaschen mit auf die Schicht, weil ein natürliches menschliches Bedürfnis den Arbeitsablauf stören würde. Und weil diese lästigen Menschen so schrecklich langsam sind, ersetzt man sie nach und nach durch KI-gesteuerte Roboter, die zwar viel kaputt machen, aber sie vermitteln das coole Gefühl, auf der Höhe der Zeit zu sein. Die arbeitslosen Zeitverschwender können sehen, wo sie bleiben.

Der destruktivste aller Zeitbegriffe ist derjenige der Ökonomen in der Folge von Benjamin Franklins Diktum „Time is money“. 1748 wurde die Ehe zwischen Gier und Hast geschlossen, am deutlichsten zu sehen in der Veränderung des Lohnsystems. Nicht mehr nach Werk, sondern nach Zeit wurde bezahlt. Plötzlich „kostete“ jede Minute Geld. Der Output musste erhöht, die Abläufe beschleunigt und die Arbeiter mit Gewalt zur Höchstgeschwindigkeit angehalten werden.

Man weiß längst, dass das alles Unsinn ist. Man weiß auch, dass es dem Erfolg sogar abträglich ist. Sie machen trotzdem weiter – von der Beharrlichkeit der echten Irren war schon die Rede – und bemühen immer häufiger atavistische Gewaltmetaphern. „Die Schnellen fressen die Langsamen“, meinte der Weltwirtschaftsforumsgründer und dessen ehemaliger Vorsteher Klaus Schwab, der mit seinen transhumanistischen und „Great-Reset“-Fantasien schon als neuer James-Bond-Bösewicht gehandelt wurde. Aber nun wurde er selbst gefressen. Natürlich bleibt in Davos alles beim Alten. Dort wie in anderen von nihilistischer Gier getriebenen Sphären hält man das große Fressen für eine Art Darwinismus. Das ist natürlich tiefstes 19. Jahrhundert (wie alles an diesen Leuten), und meine Güte: was für ein Menschenbild. Aber genau darum geht es in Wahrheit: Stets in exklusiver schlechter Gesellschaft verkündet die Möchtegern-Weltenlenker breitbrüstig, ihre eigenen Interessen zum Nutzen der Wenigen und zum Schaden der Vielen seien nun einmal „Natur der Dinge“.

Wasser treten

Auch der Kult des „Multitasking“ treibt absonderliche Blüten. Damit ich nicht von den noch Schnelleren gefressen werde, tue ich alles gleichzeitig und bin dabei heiter und tugendhaft. Suchen wir den Schauplatz einer Studie auf, eine typische kalifornische Hightech-Firma. Die Konzentrationszeit der Mitarbeiter betrug 11 Minuten. Die Multitasking-Genies telefonierten, mailten, redeten mit Kollegen etc. etc. Es dauerte dann ca. 25 Minuten, bis sie die Wiederaufnahme der Sache schafften, an der sie vor dem Telefonieren, Mailen, Sprechen arbeiteten. Nach derlei gutem Multitasking-Training waren die Firmenmitarbeiter zu längeren Konzentrationsphasen als 11 Minuten auch gar nicht mehr fähig. Leider erkennen die Bewunderer und Epigonen dieser heldenhaften Multitasker oft erst zu spät, dass ihre Vorbilder das Problem und nicht die Lösung sind. Mit der inzwischen mikroplastikartigen Verbreitung der künstlichen und gänzlich unintelligenten Helferlein ist alles nur noch schlimmer geworden, wie inzwischen Unmengen an Untersuchungen im Tagestakt ans Licht bringen.

Man kann beim Multitasking in einen Adrenalinrausch geraten, was die Sache für schwache Naturen so attraktiv macht. Der Psychiater Edward M. Hallowell forscht zu Aufmerksamkeitsstörungen. „Unterm Strich sind die Berauschten aber viel weniger leistungsfähig als Leute, die sich normal konzentrieren können“, erklärt er. Was tut man denn beim „Multitasken“? „Man tritt nur Wasser.“

Wir wissen inzwischen auch, dass dieser anstrengende Sport mit „brainrot“ einhergeht, wenn das Ganze „KI-gestützt“ vonstatten geht.

Obsessionen

Daran, etwas so Zivilisiertes zu tun wie zu schreiben, also selbst zu schreiben, muss man also gar nicht erst denken. Für alle diejenigen, die nur noch 11 Minuten schaffen, machen Obsessionen wie KISS – Keep it short and simple – natürlich Sinn. In vernünftigen Kontexten hat die Regel, komplexe Sachverhalte kurz und verständlich zu formulieren, auch einen vernünftigen Sinn. „Brevitas“ kennen wir als Gebot schon aus der Klassischen Rhetorik. In gewissen Kreisen aber ist es zur zeitgenössischen Philosophie für Denkfaule und Wichtigtuer geworden und nur ein weiterer unter all den unsinnigen Kulten, die Komplexitätsreduktion in Hochgeschwindigkeit betreiben. Die „executive summary“, neuerdings ebenfalls „KI-gestützt“, für den Bau von Krankenhäusern, Kindergärten und Schulen, die Einleitung komplizierter Verfahren und Prozesse oder als Entscheidungsgrundlage für Maßnahmen, die weitreichende Auswirkungen auf große Teile der Bevölkerung haben, sollen bitte nicht länger als eine Seite sein und auf keinen Fall Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Wenn dann kurz nach der Einweihung die Mauern einstürzen und Menschen unter sich begraben, war man nicht einmal selber schuld.

Eile ist ein Statussymbol – oft von Leuten, die nicht wirklich viel zu tun haben. Wer nicht in Eile ist, ist wohl arbeitslos oder unproduktiv und natürlich unbrauchbar. Und damit es mit all den wichtigen Entscheidungsgrundlagen noch schneller geht, lässt man das natürlich die sehr viel schnelleren Maschinen erledigen. Halluzinationen, erfundene Referenzen, absurde Berechnungen und menschengefährdende Kunstfehler sind an der Tagesordnung. Aber dafür geht es schnell. Und weil alles schnell geht, vergisst man es auch schnell und lässt sich fürs nächste Mal einen „besseren“ Prompt schreiben.

Now, now, now

Carl Honoré erzählt in seinem wunderbaren Buch „In Praise of Slowness“, wie die Führungskraft eines Unternehmens ausrastet und eine Stewardess angeht, weil das Flugzeug noch 20 Minuten über dem Londoner Flughafen Heathrow kreisen muss, bevor es landen darf. “I want to land now!” schreit er wie ein verwöhntes Kleinkind. “Now, now, now!”

Der Wunsch nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung ist typisch für den emotionalen Stand Dreijähriger. Und wer sich uns in unserem „Sofort“-Aggregatzustand in den Weg stellt, ist unser Todfeind. [1]

[1] Carl Honoré, In Praise of Slowness. Challenging the Cult of Speed, San Francisco 2004

Komplexitätsreduktion wegen Zeitersparnis ist eine beliebte Machomachtgeste. Wir haben das alles schon erlebt. Nun ja, die Wirklichkeit ist aber auch zu und zu kompliziert. Konzentrationsschwäche paart sich übrigens häufig mit Lese- und Schreibschwäche. Keine Zeit zu haben, fordert Opfer, zuerst den Verstand.

11 Minuten dauert in den USA ein durchschnittliches Familienessen in einem Laden wie McDonald’s. „Gobble, gulp and go.“

Von Italien können wir lernen, wie Carl Honoré erzählt. 1986 eröffnete McDonald’s eine Filiale an der Spanischen Treppe in Rom. Für die meisten Römer war das die eine Boulettenbude zu viel: Die Barbaren waren in der Stadt. Etwas musste getan werden. Carlo Petrini, berühmter Autor berühmter Bücher übers Essen, gründete Slow Food, um dem Fast-Food-Tsunami, der den Planeten überschwemmt, Einhalt zu gebieten.

Zeit als Diebesgut

Spazieren gehen, flanieren, lesen, schreiben, Muße pflegen, Gespräche führen … Solche zivilisierten Tätigkeiten stehen unter Generalverdacht, dem „Herrgott den Tag zu stehlen“, und schon sind wir wieder bei den unheiligen Helfern der unmenschlichen Zeitregime. Da Menschen nicht von Natur aus in Eile sind und auch bis zur gewaltsamen Inkraftsetzung „moderner“ Arbeitsregime nicht mehr arbeiteten, als sie zum Leben brauchten, musste man sie zum einen mit Gewalt und Hunger zur Arbeit zwingen (nachdem man Bauern und Handwerkern per Raub die Lebensgrundlage entzogen hatte). Zum anderen musste man ihnen ein schlechtes Gewissen einreden, wenn sie dem Herrgott und seinem Stellvertreter auf Erden, dem Unternehmer, seine Zeit stahlen. Wenn Zeit kostbar ist, kann sie Diebesgut werden. Bei einem vorgeblich sozialdemokratischen Bundeskanzler wurde der „Faulpelz“ zum Staatsfeind Nummer Eins. Sünder Nummer Eins war er schon lange.

„Die disziplinierenden Aspekte der Arbeit, die der frühe Kapitalismus so ideenreich entfaltete, wären ohne ihre religiös-moralische Aufladung nicht so erfolgreich durchsetzbar gewesen“, weiß auch Harald Welzer. [1]

Mehr dazu im Essay „Arbeit“

[1] Harald, Welzer, Es könnte alles anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, Frankfurt 2019

Kulturelle Irrtümer

Wir sind es zum Unglück vieler anderer gewöhnt, unsere eigene Lebensweise als „Natur“ anzusehen. Es ist eine Eigenheit der meisten kolonialen kulturellen Systeme. Dabei übersehen wir zu unserem eigenen Unglück, dass unsere Begriffe weder Natürliches noch Absolutes an sich haben. Physiker können heute absurd winzige Zeiteinheiten messen (haben sie denn nichts Besseres zu tun?), die nicht den geringsten Bezug zu irgendeiner Lebenswirklichkeit haben. Es sagt rein gar nichts aus über die gesellschaftlich und kulturell geprägten Konzepte von Zeit. Aber nur darauf kommt es an, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Wirklichkeit zu strukturieren.

Die Klassifikationssysteme der Wissenschaft sind seit jeher abstrakt und haben in der Regel keine Verbindung zur Menschenwelt, weshalb man ja derzeit so viel Aufwand treibt, Menschen für die Zeitregime der Maschinen zuzurichten. Das tut man mit Hilfe der Wissenschaft und groß angelegtem Framing. Denn auf Dauer müsste man schon brutale Gewalt anwenden, um ein solches Regime gegen das Menschenmögliche der echten Wirklichkeit durchzuhalten. Tatsächlich stehen derzeit die Zeichen auf Sturm.

„Es ist laut da draußen in der Welt. So viele Stimmen, Klänge und Melodien, die sich mit „Fakten“ oder „Naturgesetzen“ nicht zum Schweigen bringen lassen“, sagte einst Bruno Latour. [1]

Die „westliche“ Kultur hat schon unzählige Stimmen zum Schweigen gebracht und tut es noch. Sie zwingt diejenigen, die ihr nicht angehören, , in ihren Begriffen zu denken und zu sprechen, damit sie sich überhaupt Gehör verschaffen können.

„Es gibt Dinge, die man nicht in simple lineare Beschreibungen zwingen kann“, weiß der Ethnologe Edward T. Hall. „Zeit gehört dazu.“ [2] Es gibt so viele Arten von Zeit wie Menschen auf der Erde leben. Über die Folgen unserer Missionierung machen wir uns kaum Gedanken. Wer langsam ist, wird gefressen. Wir könnten zwar eine Menge lernen von anderen Kulturen. Aber wie das Beispiel der Navajo und unzähliger anderer Zivilisationen zeigt, sind es stets die anderen, die Belehrungen von uns erhalten – nicht umgekehrt. Dass andere das schon lange anders sehen, wurde im „Westen“ indessen noch nicht wirklich bemerkt.

[1] Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora, Frankfurt a.M. 2000

[2] Edward T. Hall, The Silent Language, New York 1973

 

Wenn wir einfachen Menschen ohne Privatflugzeugflotte und implantierte Hirnbooster uns nun auch noch vergegenwärtigen, dass wir in einem Wahnsystem leben, das andere sich – zu unserem Schaden – für uns ausgedacht haben, sind wir schon einen großen Schritt weiter. Wir könnten zum Beispiel in einen Garten gehen, in dem der Rhythmus den Takt vertreibt oder einer Schildkröte beim Philosophieren zusehen über das, was sie in den 200 Millionen Jahren ihrer Existenz an Welten erschaffen und was sie dabei alles erlebt hat.

Schildkröten: Dreamstime