Schreiben mit der Hand
Wie der Verstand beweglich bleibt
Man hört und liest neuerdings viel darüber, dass die Schulkinder heutzutage einen Stift nicht mehr länger als ein paar Sekunden halten können. Dann verkrampft sich die Hand. Vermutlich werden sie in einem solchen Zustand auch nie ein Musikinstrument spielen können oder hingebungsvoll basteln. Nicht dass die Schulpolitik alarmiert wäre und gegensteuerte wie neuerdings im hochdigitalisierten Schweden. Nach miesen PISA-Ergebnissen kehrte man zurück zu Buch, Stift und Papier, nachdem alle die Tablets und digitalen Lernmaterialien es nicht wirklich gebracht hatten. Hierzulande macht man anders: Wenn Kinder Mühe haben, etwas zu erlernen, ändert man nicht die Methode, stellt mehr Lehrer ein und versucht schleunigst, der Misere entgegenzuarbeiten. Vielmehr streicht man das Schwierige einfach vom Lehrplan und hebt den Notenspiegel an. Die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz empfiehlt den Einsatz sogenannter „Künstlicher Intelligenz“ ab Klasse acht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Selbstredend ist man auch in der KMK modern und glaubt den Verheißungen der Techkonzerne nur zu gern, die ihnen Blaue vom Himmel versprechen. (Der eine oder die andere mag auch an FOMO-Demenz leiden.) Papier und Stift sind ja auch viel zu billig. Natürlich ist das nichts anderes als Kundenakquise. Kinder, die nicht mehr anders können, als ihr Leben und ihr Lernen Maschinen anzuvertrauen, werden auch als Erwachsene nicht anders leben wollen – oder können.
Hand und Hirn
Dass die Feinmotorik der Hand unmittelbar mit den Aktivitäten des Gehirns verkabelt ist, dass das Schreiben mit der Hand Lernprozesse beschleunigt und das Gedächtnis stimuliert, weiß man nicht erst seit heute. Das Training der Feinmotorik trainiert zugleich die Mustererkennung, eine unverzichtbare Fähigkeit beim Lesen. Mit anderen Worten: Kinder, die mit der Hand schreiben lernen (schon seltsam, dass man heute tatsächlich von Alternativen dazu ausgehen muss), lernen auch schneller lesen. Diese Fähigkeit bleibt auch dann erhalten, wenn man in kurzer Zeit viel lesen und das Gelesene dann auch verstehen muss. Ohnedem ist man kaum in der Lage, Konzepte zu entwickeln. (Eine andere Verbündete bei dieser anspruchsvollen Tätigkeit ist übrigens die von vielen „klugen Köpfen“ nach wie vor geschmähte Metapher.)
Während des Lesens sind genau diejenigen Hirnregionen aktiv, die auch beim Schreiben mit der Hand aktiv sind. Während die motorische Bewegung beim Schreiben mit der Hand im Gehirn gespeichert wird, wird das Komplexitätsniveau der neuronalen Verbindungen beim gleichförmigen Drücken von Tasten Tippen heruntergefahren. Es ist also absolut kein „Fortschritt“, nicht mit der Hand zu schreiben. Es ist auch nicht cool, dämlich zu sein und nicht richtig schreiben zu können.
Sprachdenken und Konzepte
Die geübte Hand-Augen-Koordination, die, man muss es kaum erklären, im Handwerk entscheidend ist, organisiert das natürliche Chaos der Gedanken, hilft bei Visualisierungen und Raumorientierung und eben auch bei der Entwicklung von Konzepten. Die Hand schreibt, das Gehirn formt nach. Wer ein Wort mit der Hand schreibt, vollzieht den kompletten motorischen Prozess, Buchstabe für Buchstabe, bis das Wort entstanden ist. Alle Systeme sind in Jubellaune. Das Sprachdenken schwingt sich zu nie gekannten Höhen auf, und plötzlich erkennt man diese ungeheure Freiheit, die sich die Ehre gibt, wenn wir unseren individuellen Ausdruck entdecken, was uns beim Schreiben mit der Hand sehr viel leichter fällt, als wenn wir auf einer Tastatur herumhacken, am Ende noch mit Autotext-Werkzeugen. Schlimmer natürlich, wenn wir gar nicht mehr selber schreiben. Lebensersatzgeräte der neueren Generation geben nach drei Buchstaben bereits eine Auswahl mit den wahrscheinlichsten Varianten, was da kommen mag. Ganze Wörter muss man nicht mehr schreiben, ganze Gedanken nicht mehr denken. Und nun, mit den „stochastischen Papageien“ ersparen wir uns noch den letzten Rest Mühe. Kein kritzelndes ist Denken auf Papier, kein zartes Umkreisen des Gedankens, kein Euphorie, wenn er plötzlich hinter der dichten Hecke hervorspringt.
Entgegen landläufiger Meinungen – oder sollte ich sagen: Propaganda? – schreibt man mit der Hand übrigens schneller als mit der Tastatur und außerdem in vollständigeren Sätzen, vor allem, wenn es darum geht, etwas Gehörtes zu protokollieren. Wie zum Beispiel in einer Vorlesung. Untersuchungen an europäischen und us-amerikanischen Universitäten stützen diese Befunde jedes Mal, wenn sie durchgeführt werden. Studierende nehmen mehr von einer Vorlesung mit, wenn sie sich handschriftliche Notizen machen, als wenn sie ihre Mitschrift am Computer tippen. Bei der reinen Informationsaufnahme sind die Computernotierer zwar gleichauf. Doch wenn es darum geht, komplizierte Zusammenhänge zu erfassen, bleiben sie weit abgeschlagen hinter denen, die mit Papier und Stift arbeiten. Denn das Schreiben mit der Hand erlaubt es, Gehörtes gedanklich zu übertragen und neu zu strukturieren. Dabei ist nicht nur die Motorik des Schreibens für den Einprägungswert verantwortlich. Die intensivere kognitive Verarbeitung des Stoffs geschieht auch dadurch, dass er nicht nur verstanden, sondern beim Schreiben auch wieder in umgekehrter Richtung bearbeitet werden muss.
Was Hänschen nicht lernt ...
Inzwischen sollte klar geworden sein: Wer fließend, leserlich und automatisch mit der Hand schreiben kann, ist eher imstande, Ideen zu entwickeln und zu durchdenken, Gedanken zu organisieren und sich im großen Ganzen der Kontexte zu bewegen. Aber was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr oder zumindest sehr mühsam. Sind die Fähigkeiten einmal erlernt, können sie bei Vernachlässigung zwar atrophieren wie nicht beanspruchte Muskeln. Wurden Fähigkeiten aber zu keiner Zeit erworben, ist da auch nichts mehr zu trainieren. Der Befund ähnelt einer anderen Entwicklung. Wer kritisches Denken und selbstständige Wissensaufnahme noch gelernt hat, kann sie nach Vernachlässigung wiedererlangen. Wer diese Kulturtechniken allerdings schon immer an Maschinen delegierte, steht im wahrsten Sinne des Wortes dumm da, wenn einmal der Strom ausfällt.
Post Scriptum
In meinen Seminaren oder in Einzelcoachings dauert es immer eine Weile, bis die Adepten sich an die alte, für sie häufig neue Kulturtechnik des Scheibens mit der Hand gewöhnen. Wenn das Schlimmste einmal überstanden ist und der Apparat auf volle Leistung geht, schaut man in lauter glückliche Gesichter, die nach gelungener Anstrengung so etwas wie eine Epiphanie haben.