Metaphern

Fundament und feinste Spitze

Zur Beachtung:
Es geht hier nicht so sehr um die Figur der Klassischen Rhetorik. Es geht vielmehr um das Treiben der Wörter im Kopf.

Sie sind Juwelen unter den Sprachschätzen, und am Ende werden sie zu denjenigen gehören, die die räuberischen, halluzinierenden, sterilen Ausbeutungsmaschinen das Grausen lehren. Dergleichen die Mathematiker und die Computerwissenschaftler, die einfach mal so dachten, Sprache mittels Maschinen verstehen zu können, sei ein gelöstes Problem. Die Betonung liegt auf verstehen. Weit gefehlt. So viele Ausnahmen, so viel Subtilität, so viele spontan gebildete Metaphern, so viel Unberechenbarkeit, so viel Wirklichkeit. Die Angst der Weltenberechner, -zähler- und -messer könnte etwas Komisches haben, würden sie nicht so viel Schaden anrichten im Dienste derjenigen, die sich die Welt ganz praktisch und sehr materiell unter den Nagel reißen wollen.

Zunächst an dieser Stelle noch einmal eine wichtige Erkenntnis über unsere Freunde, die Wörter. Sie sind nämlich mitnichten passive Gesellen, die geduldig darauf warten, dass man sie hier oder dorthin schickt, möglicherweise in angenehme oder nicht so willkommene Gesellschaft. Nein, Wörter sind sehr aktive Gesellen. Sie tun etwas, und zwar mit uns.

Sie sind sensorische Reize, die wie alle anderen sensorischen Reize auch bestimmte neuronale Zustände bewirken. Arthur Jacobs erklärt, was es damit auf sich hat:

„Die orthographischen, phonologischen oder semantischen Worteigenschaften entstehen so jedes Mal kontextabhängig und dynamisch. Wörter haben also keine feste Bedeutung: Diese wird erst durch die Hinweisreize, die Schrift- und Lautbild bieten, für den jeweiligen Kontext konstruiert. Die Wortbedeutung ergibt sich bei jedem Lesevorgang neu auf der Basis einer dynamischen Koppelung von schriftlichen und lautlichen Assoziationsvorgängen, wobei der Rekonstruktion der lautlichen Aspekte eines Wortes entscheidend für die Konstruktion seiner Bedeutung ist.“ [1]

[1] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011

Es ist komplex

So wenig die Wörter in einem Lexikon liegen, so wenig ist unser Gehirn ein Kataster. „Rationale“ Listen und hierarchisch organisierte Sinnsysteme sind ihm fremd. Es arbeitet vielmehr netzwerkartig, massiv parallel, überlappend, hier und da assoziierend und mit zahllosen Bedeutungs- und Sinnclustern, die einander ergänzen und / oder überschneiden. Nun sind aber die Dinge in jedem Gehirn ein bisschen anders geordnet und belegt. Andere Erfahrungen und andere Bewertungen von Erlebnissen können zu manchmal erheblichen, bisweilen aber auch nur zu allerfeinsten Unterschieden in den Assoziationen und Konnotationen führen, die ein Wort mit Bedeutung anreichern. Das Assoziationsspektrum ist unerschöpflich und hängt stets vom individuellen Erfahrungs- und Gedächtnisschatz eines Menschen ab. So lässt sich auch erklären, dass Aussagen von Personen zu ein und demselben Ereignis vollkommen unterschiedlich sein können. Es ist keine Frage, ob der eine Zeuge lügt oder kurzsichtig ist und der andere nicht. Unser Gehirn interpretiert das Erlebte vor dem Hintergrund der je eigenen Lebensgeschichte. Dasselbe geschieht mit „eindeutigen“ Aussagen oder „Fakten“. Das Gehirn arbeitet immer selektiv, blendet bestimmte Wahrnehmungsinhalte aus, andere werden verstärkt. Lösen können wir solche Probleme, wenn wir uns dieser Tatsachen bewusst sind und auf dieser Basis und mit geteiltem Weltwissen gemeinsam Aushandlungsprozesse gestalten.

Unschärfe – Polysemie und Homonymie

Unschärfen in der Bedeutung der Wörter begleiten uns täglich, aber es bereitet uns keine Mühe, damit umzugehen. Polysemien und Homonymien sind dabei noch ganz harmlose Unschärfen. Von Polysemien sprechen wir, wenn ein Wort mehrere Bedeutungen hat. Sie können unter Umständen durch einen gemeinsamen Nenner verbunden sein, müssen aber darüber hinaus nichts miteinander zu tun haben. Eines der Paradebeispiele der Linguisten ist das Wort „stehen“. Der Baum steht im Wald, Unterdrückte stehen gegen Ungerechtigkeit auf, ein Wort steht geschrieben. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Wenn dann noch eine Homonymie, ein Wort mit einer Doppelbedeutung, hinzukommt, erleben wir, dass zum Beispiel eine Bank im Park steht oder eine Bank im Ansehen der Bevölkerung nicht gut da steht.

Auflösen können wir derlei Doppeldeutigkeiten nur mit Hilfe erlernter Kontexte. Andernfalls gerieten wir auch prompt in die Bredouille. Denn von unseren hundert meistgebrauchten Wörtern ist der überwiegende Teil mehrdeutig. Ohne Kontexte können wir also keine Bedeutung zuweisen. Kosten kostet nichts.

Und nun: die Metapher

Nachdem wir nun schon auf die feste Beziehung des Wortes zum Ding und damit auf seine feste Bedeutung verzichten mussten, kommt es noch schlimmer: Die Metapher steht vor der Tür. Von den Matadoren des reinen „Geistes“ denunziert als bloße rhetorische Figur und als Feindin von Wissenschaft und Wahrheit ohne jeden Gehalt, ist sie unter allen Sprachfiguren die unverzichtbarste. Noch 1989 forderte ein Literaturwissenschaftler ein Metaphernverbot für wissenschaftliche Texte. [1] Doch ohne Metaphern käme nicht einmal die Wissenschaft sehr weit, ohne Salatköpfe und Stuhlbeine, ohne Junggesellen und Buchstaben, ohne Dachzeilen und Niveauunterschiede. Arthur Jacobs nennt ein launiges Beispiel für unsere Abhängigkeit von Metaphern:

Wir essen ein Frühstücksei.

Es würde ganze Buchkapitel brauchen, einen solchen Vorgang metaphernfrei zu beschreiben. Ohne Metaphern sind wir unfähig, abstrakte Ideen zu artikulieren, weil wir als Menschen unrettbar dem Konkreten verhaftet sind. (Selbst die Abstraktion liegt an der Kette des Konkreten, wenn wir nämlich etwas von etwas wegziehen – abstrahere, lat. wegziehen)

 

[1] Weinrich, Harald, Formen der Wissenschaftssprache, Jahrbuch 1988 der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Berlin 1989

Ohne Metapher keine Erkenntnis

Wie unser Wort ist die Metapher ein wenig unscharf. Aber den chaoskompetenten Eigenschaften unseres Gehirn sei Dank, können wir Metaphern nicht nur ad hoc bilden, sondern sie auch interpretieren, ohne dass wir dafür Regeln brauchen. Zum Glück. Es gibt nämlich keine Regeln. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Metapher im wörtlichen oder im übertragenen Sinne daherkommt. Das Gehirn assoziiert ununterbrochen und ruft in rasender Geschwindigkeit alle möglichen Bedeutungen und Gedächtnisinhalte zusammen, um die Aufgabe zu meistern.

Die eigentliche Erkenntnisarbeit wird von der Metapher geliefert, die das genaue Gegenteil eines ‚bloß rhetorisch interessanten’ Ausdrucksmittels ohne jeden kognitiven Gehalt ist, erklärt Jacobs. Nicht mit Listen, sondern mit einander überlappenden Kreisen, nicht mit fester Bedeutung, sondern mit Unschärfe, nicht mit Hierarchien, sondern mit Hyperkomplexitäten und mit unerschütterlicher Chaoskompetenz drehen wir täglich und immerzu den „törichten Naturalisten“ (Robert Ranke-Graves über Sokrates und seine Kumpane) mit all ihren Sachlichkeitsattitüden und Metaphernverboten eine ziemlich lange Nase.

[1] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011

Eindeutigkeit ist immer die Ausnahme

Das alles heißt nicht, dass wir hilflos am Gängelband sensorischer Reize und böser Manipulatoren hängen. Es heißt auch nicht, dass wir uns nicht mehr vernünftig verständigen können, weil jede Person etwas anderes versteht als eine andere. Selbstverständlich gibt es große Deckungsmengen in der Art, wie wir Wörtern Bedeutung zuschreiben. Aber wir können es nicht allein im stillen Kämmerlein. Es gibt zwar keine Regeln für das Verstehen von Metaphern. Aber es gibt Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit wir Metaphern verstehen und richtig interpretieren: Es sind dies ein bekannter Kontext und gemeinsames Weltwissen – auf der Basis der jeweiligen kulturellen Prägung. Losgelöst von ihrer Basis aus Kontext und Kultur bleibt die Metapher steril.

Menschen kommen nicht mit fertig verschalteten Gehirnen auf die Welt. Diese Entwicklung dauert bis ins junge Erwachsenenalter an, mit anderen Worten: Menschliche Gehirnentwicklung findet immer unter Bedingungen von Kultur statt. Die Kultur, und das heißt eben auch die Sprachgemeinschaft, sind das Substrat und vermitteln die Fähigkeiten, die Gesellschaften entwickelt haben, und die in die Organisation der synaptischen Verschaltungen eines sich entwickelnden menschlichen Gehirns eingehen. [1] Womit wir wieder bei der Verankerung des Denkens in der Muttersprache wären.

[1] Welzer, Harald, Selbst Denken: Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a.M. 2014

Alles in allem: Es sind die Metaphern, welche die Ideen an die Welt binden, wenn die Ideen denn welttauglich sind. Und ohne die 20 Millionen Schönheiten, die wir im Laufe eines Lebens gebildet haben werden, verirrten wir uns in einem kalten Nebel aus Bedeutungslosigkeit.