Denken in der Muttersprache
Das Zuhause des „höheren“ Denkens
„Sprachliche Strukturen, mit denen man von Geburt an aufwächst, haben einen großen Einfluss auf kognitive Prozesse.“ Im MPI für Psycholinguistik in Nijmegen ist man Dingen auf der Spur, die tief in den Kern unseres Denkens führen. Wenn wir einfache oder auch komplexe Sachverhalte vor uns haben, wenn wir Objekte sehen, oder wenn sich in unserer Nähe etwas bewegt, wird stets automatisch und rasend schnell das Sprachsystem aktiviert, und zwar das der Muttersprache. Nicht, dass wir das steuern könnten. Vorgänge wie diese, wie auch zum Beispiel die Aktivierung von Assoziationsketten oder die Öffnung von Konnotationsräumen entziehen sich vollständig unserer Kontrolle.
Dyirbal
In bestimmten Kulturen gibt es keine Wörter für „links“ und „rechts“ oder, wie wir sahen, keine Wörter für Zeit. Räumliche Relationen werden stattdessen anhand von Himmelsrichtungen beschrieben. Das klingt dann so: Der Wald befindet sich östlich des Flusses. Insgesamt werden räumliche Beziehungen in anderen Kulturen häufig anders beschrieben und anders gedacht als in den meisten europäischen Sprachen. Bis hierher vermögen wir vielleicht noch wohlwollend zu folgen.
Wenn aber das grammatische Geschlecht völlig anders organisiert als in den uns gewohnten Sprachen, kann es unübersichtlich werden. George Lakoff erzählt in „Women, Fire and Dangereous Things“ [1] die Geschichte der australischen Dyirbal, deren Sprache die Inspiration für seinen Buchtitel war. Er bezieht sich dabei auf die Untersuchungen von „R. M. W. Dixon, dessen Buch über die Dyirbal eine Menge Staunen und eine Menge Folgeforschung zum Thema auslöste. Die dunkle Zeit der Universalgrammatiker und der „Mentalesisch“-Sucher näherte sich ihrem Ende. [2]
Kategorisierung ist die eine wichtige Methode, mit der chaotischen grenzenlosen Welt zurechtzukommen, schreibt Lakoff und ist sich an dem Punkt einig mit allen denjenigen Linguisten, die dazu beitrugen, die Sapir-Whorf-Hypothese wieder in ihr Recht zu setzen wie zum Beispiel Sydney Lamb. Die Dyirbal bieten dafür ein sprechendes Beispiel, eben wenn es darum geht, ein grammatisches Geschlecht zuzuordnen. Es gibt vier Wörter, die in Varianten jedem Substantiv vorangestellt werden müssen: bayi, balan, balam, bala. Diese Wörter klassifizieren alle Objekte im Dyirbal-Universum. Will man die Sprache richtig sprechen, muss man vor jedes Substantiv die richtige Klassifizierung setzen.
I. Bayi: (human) males; animals
II. Balan: (human) females; water; fire; fighting
III. Balam: nonflesh food
IV. Bala: everything not in the other classes
Noch andersartiger als das, was wir gewöhnt zu sprechen und zu denken sind, kann es kaum werden. Wer diese Kategorisierung merkwürdig findet, sollte sich vielleicht fragen, welchen „Sinn“ es macht, eine Lampe weiblich zu machen, einen Tisch männlich, der in durchaus verwandten Sprachen dann wieder weiblich oder gar ein Neutrum ist. Oder warum es im Deutschen immer noch nicht gelingt, eine ganz spezifische und ziemlich bösartige Merkwürdigkeit zu beenden, nämlich ein junges weibliches Wesen zu einem Neutrum zu machen, während eine nämliche Beleidigung für junge männliche Wesen nicht vorgesehen ist.
[1] George Lakoff, Women, Fire, and Dangerous Things, Chicago 1987
[2] R. M. W. Dixon, Where Have All the Adjectives Gone?, Berlin 1982
Wie man am besten denkt
Es ist nichts Neues, dass andere Kulturen und Sprachen Dinge anders ausdrücken, als wir es in den Europäischen Standardsprachen gewohnt sind. Dass wir aber nicht zu den australischen First Nations reisen müssen, um zu erfahren, dass das Sprachdenken woanders anders ist, fanden die bereits erwähnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am MPI Nijmegen heraus, als sie Unterschiede in nah verwandten Sprachen wie zum Beispiel Deutsch, Niederländisch und Englisch untersuchten und dabei zu überraschenden Ergebnissen gelangten.
Die Muttersprache ist das Zuhause des kreativen oder des „höheren“ Denkens. Noch einmal: Bei kognitiven Prozessen wird sie automatisch aktiviert, und es gehört inzwischen zu den Gemeinplätzen der kognitiven Linguistik, dass man in der Muttersprache tatsächlich auch am besten denkt. Ein Schelm, wer Böses bei der Tatsache denkt, dass in Wissenschaft und Wirtschaft ein überwältigend großer Teil von Menschen daran gehindert wird, ihr ganzes kognitives Potential auszufahren und stattdessen gezwungen sind, sich in den kognitiv engen Grenzen des „anglozentrischen Nichtwissens“ (Werner Petermann) zu bewegen.
Erkenntnisse dazu, dass die Muttersprache das Denken prägt, sind nicht neu. Wenn man Whorf und Sapir und Wilhelm von Humboldt Ende denkt, kann man ohnehin zu keinem anderen Schluss kommen. Was ist ein Wort ohne Bedeutung“ Es ist nichts als ein leerer Ton. Bedeutung ist ein Kriterium dafür, dass ein Ton zu einem Wort wird. Jede Bedeutung aber ist eine Generalisierung oder auch ein Konzept. Da Generalisierungen und Konzepte zweifelsohne kognitive Aktivitäten sind, dürfen wir auch die Herstellung von Bedeutung dem Denken zuordnen. Wie wollten wir das vom Wort trennen?
Wygotski
Edward Sapirs Buch zur Sprache von 1921 war schnell zu einem Standardwerk und zu einer wichtigen Referenz für Linguisten geworden. [1] Auch der russische Psychologe Lew Wygotski hatte es gelesen und erkannte in ihm eine wesentliche Inspiration für seine eigene Arbeit. Er untersuchte, ob oder wie wie die Muttersprache bei Kindern die Entwicklung von Konzepten beeinflusst. [2]
Das wesentliche Ergebnis: Die Entwicklung mentaler Konzepte und der Spracherwerb in der Kindheit gehen Hand in Hand. Bis zum Alter von zwei Jahren existiert noch etwas wie sprachloses Denken. Doch wenn diese Phase vorbei ist, lassen sich Denken und Sprache nicht mehr voneinander trennen. Die Kinder beginnen dann gern, vor sich hin zu plappern, um, wie Wygotski es erklärte, bei diesem laut Denken die Verknüpfung von Wort und Gedanken auszuprobieren. Es ist ein Muster, das wir ein Leben lang in uns tragen und das in der Muttersprache angelegt ist. Dabei besteht Denken nicht aus einzelnen Wörtern. „Es ist immer ein Ganzes, etwas, das viel weiter reicht und viel umfangreicher ist.“
Sprechen und denken lernen ist ein sozialer Prozess. Ohne andere Menschen lernt ein Kind nicht sprechen, nicht denken, nicht einmal, sich richtig zu bewegen. Da ist kein Instinkt, der plötzlich in uns anspringt, so dass wir losplappern und spontan alles verstehen, was um uns herum so gesagt wird. Angelegt ist allein die synaptische Grundausstattung.
Nun zu denken, man sei in der Muttersprache oder in einer bestimmten Art zu sprechen und zu denken eingesperrt, wäre selbstverständlich weit an der Realität vorbei gedacht. Aber genau das warf man Benjamin Lee Whorf ständig vor. Er hat es nie behauptet, genau so wenig, wie er nach Art der Deterministen behauptet hat, die Sprache bestimme das Denken. Sein Terminus „linguistische Relativität“ war genau das Gegenteil: eine Zurückweisung des Determinismus.
Natürlich ist Übersetzung möglich. Allerdings ist dieser Vorgang wesentlich komplexer, als der Broken-english-Jetset in Wissenschaft und Management oder der Coffeeshop-Hipster sich das so vorstellt – wenn es einmal über die allersimpelsten Dinge hinausgeht. Honi soit, qui mal y pense …
[1] Edward Sapir, Language. An Introduction to the Study of Speech, New York 1921
[2] Lew Wygotski, Denken und Sprechen. (1934/2002) Weinheim und Basel. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Joachim Lompscher und Georg Rückriem