Das Kaleidoskop und die Kategorien
Sydney Lamb besucht Whorf im Kopf
Sydney Lamb, einer der Pioniere der neurokognitiven Linguistik [1], fand, dass Whorf gar nicht falsch liegen konnte. Einer seiner Ausgangspunkte ist Whorfs berühmtes Zitat, das auch an dieser Stelle noch einmal einen Auftritt hat.
„We dissect nature along lines laid down by our native language. The categories and types that we isolate from the world of phenomena we do not find there because they stare every observer in the face; on the contrary, the world is presented in a kaleidoscope flux of impressions which has to be organized by our minds—and this means largely by the linguistic systems of our minds. We cut nature up, organize it into concepts, and ascribe significances as we do, largely because we are parties to an agreement to organize it in this way—an agreement that holds throughout our speech community and is codified in the patterns of our language. The agreement is of course, an implicit and unstated one, but its terms are absolutely obligatory; we cannot talk at all except by subscribing to the organization and classification of data that the agreement decrees. We are thus introduced to a new principle of relativity, which holds that all observers are not led by the same physical evidence to the same picture of the universe, unless their linguistic backgrounds are similar, or can in some way be calibrated.“ [2]
Das neurolinguistische System von Menschen lässt gar keine andere Möglichkeit zu, als Whorf zu folgen. Unser Denken geht einher mit unseren Sinnen, die uns mittels Sprache „Bilder“ über die Welt um uns herum vermitteln. Wir brauchen Konzepte, Abgrenzungen, Segmentierungen und Wörter, die Ausdruck verleihen, um in Whorfs „kaleidoscopic flux“ überhaupt gedanklich einen Fuchs von einem Baum oder eine Pusteblume von einem Wasserfall unterscheiden zu können. Wir müssen außerdem zwischen Objekten und Prozessen unterscheiden können. Dafür brauchen wir Kategorien, auch von den Beziehungen der Objekte und Prozesse untereinander.
Angeboren ist die synaptische Grundausstattung des menschlichen Gehirns, die aber ohne soziales Lernen zu gar nichts führt, auch nicht zu Pinkers „Sprachinstinkt“, der ein Kind angeblich befähige, auf dieselbe Art automatisch sprechen zu lernen, wie eine Spinne instinktgesteuert ein Netz spinnt. Nun kann die Spinne das tatsächlich tun, auch wenn sie ganz allein auf weiter Flur ist. Das französische Kind aber lernt nicht automatisch instinktiv Französisch, wenn es in einer chinesischen Umgebung aufwächst, schreibt Lamb. Es lernt zum Beispiel Mandarin oder Kantonesisch. Isoliert von anderen Menschen würde es gar nichts lernen. Nicht sprechen und nicht einmal den richtigen Gebrauch der Gliedmaßen.
Die Kategorien und die Unterscheidungsmöglichkeiten, die notwendig sind, um die Welt zu verstehen, sind nicht angeboren. Wie Sprache müssen sie gelernt werden, und zwar als sozialer Prozess zusammen mit und von anderen.
[1] Sydney M. Lamb, Neuro-Cognitive Structure in the Interplay of Language and Thought; in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000
[2] Benjamin Lee Whorf
Language, Thought, and Reality, MIT Press 1956
Kategorie und Illusion
Zurück zu den Kategorien, Segmentierungen und Begrenzungen, die uns uns helfen, uns in der unendlich komplexen und in Wirklichkeit grenzenlosen Welt zurecht zu finden und uns das Unterfutter für unsere Fähigkeit liefern, uns überhaupt mit anderen über die Dinge der Welt verständigen zu können, uns absprechen zu können, gemeinsames Handeln zu planen oder uns irgendwann Geschichten zu erzählen.
Wir bilden die Kategorien gemäß unseren Bedürfnissen und Anforderungen, da wir nicht im Stande sind, die Welt als Ganzes wahrzunehmen oder zu erfassen. In gewisser Weise sind unsere Kategorien, Segmentierungen und Begrenzungen notwendigerweise Illusionen, wie Sydney Lamb es ausdrückt.
Gäbe es nun einen einzigen vernünftigen Grund zu glauben, dass alle Menschen überall auf der Welt mit all ihren verschiedenen Anforderungen an ihre Umwelt, ihren vielfältigen Sprachen und Kulturen exakt dieselben „Illusionen“ herausgebildet haben sollten?
Es ist nicht einmal nötig, die eigene Sprachgemeinschaft zu verlassen, um erkennen zu können, dass auch die Subkulturen in der eigenen Kultur zum Teil vollkommen unterschiedliche Kategorien und Segmentierungen schaffen und so zu unterschiedlichen „Illusionen“ über die Welt gelangen. Die Momentaufnahmen der Natur, die die Naturwissenschaften schaffen, um sie dann in Kategorien zu stecken, die mit dem Kontinuum der Natur nicht das Geringste zu tun haben, stoßen seit jeher auf Skepsis bei denjenigen, die einen direkten Zugang zur Natur haben und vieles sehr viel anders sehen und deren Problemlösekompetenz in lebenswichtigen Fragen ignoriert oder geringgeschätzt wird. [1]
Wie der Linguist Michael Halliday nachweisen konnte, hat diese Praxis der segmentierenden Momentaufnahmen, die zu allgemeinen Gesetzen erhoben wurden, sogar direkte Auswirkungen auf die Sprache. Die übertriebene Nominalisierung, die bis heute zu einer der schändlichsten Korruptionen der Sprache führt, nahm hier ihren Ausgang. Zuvor mussten die Naturwissenschaftler, um zu beschreiben, was sie tun, mit Subjekt und Verb in ganzen Sätzen schreiben, wozu man auch länger nachdenken muss. [2]
[1] Peter Mühlhäusler, Humboldt, Whorf and the Roots of Ecolinguistics
in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000
[2] Michael Halliday, On the Language of Physical Science, in: Mohsen Ghadessy (ed.) Registers of Written English: Situational Factors and Linguistic Features, London 1988
Kultur
Und schon sind wir wieder bei Whorf. Die Idee, dass alle Menschen überall dieselbe Illusion, mit anderen Worten dieselben Kategorien, Segmentierungen und Begrenzungen geschaffen haben sollten, um dem kaleidoskopischen Fluss für ihre jeweiligen Bedürfnisse Bedeutung abzugewinnen, ist so absurd, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt als Whorf Recht zu geben, findet Lamb, Verschiedene Kulturen haben verschiedene – notwendig unterschiedlich simplifizierende – mentale Modelle der Welt, die notwendig Sprache und Denken prägen. Dabei, so die Linguistin Penny Lee, macht es wenig Sinn, darüber zu streiten, ob die Sprache das Denken oder das Denken die Sprache beeinflusst, da sich beide im Laufe ihrer gemeinsamen Entwicklungen in einem Maße ineinander verschränkt haben, dass man sie keinesfalls in konventionellen Dichotomien getrennt als „Sprache“ oder „Denken“ beschreiben kann. [1]
[1] Penny Lee, When is ‚Linguistic Relativity‘ Whorf’s Linguistic Relativity?
in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000
Systemverschränkung
Wir wissen, dass das menschliche Gehirn ein hyperkomplexes Netzwerk ist, in dem alle Systeme miteinander verschränkt sind und massiv parallel arbeiten und in dem zahllose Informationen verarbeitet werden, die aus allen Körperregionen eintreffen, ebenso sensorische Reize, die von außen kommen. Mündliche oder schriftliche Beschreibungen von etwas lösen innere Bilder aus. Wir visualisieren, was wir hören oder lesen.
„Beim Lesen wie beim Sprachverstehen sind Prozesse im Spiel, die auf den selben oder ähnlichen neuronalen Mechanismen beruhen wie beim direkten Erleben“, erklärt auch der Kognitionswissenschaftler Arthur Jacobs. „Diese mentale Simulation verbal oder schriftlich beschriebener Situationen bewirkt demnach ( … ) eine mit der realen Wahrnehmung vergleichbare, bisweilen sogar stärkere Eindrücklichkeit. Das Schriftbild von Worten und Sätzen stellt dieselbe Art von sensorischen Reizen dar wie Objekte oder Gesichter.“ Und mehr noch. „Nur“ Wörter sind imstande, das Gehirn auf physische Bewegung vorzubereiten. „Allein an einen Kiesel zu denken, bereitet uns schon darauf vor, die Hand auszustrecken, die Finger zu schließen und mit dem Arm auszuholen.“ [1]
Und noch einmal: Alles ist miteinander verbunden: die physische Wahrnehmung, die sachliche Erkennung, Sehzentrum, Hörzentrum, motorischer Kortex, die Anregung der Synapsen, das Limbische System (für die stets ohne unser Wissen stattfindende emotionale Einfärbung), das ganze Paket, das wie am Ende „Denken“ nennen und natürlich die Sprache.
Sydney Lamb nennt ein einfaches Beispiel. Wir können eine Katze beschreiben, wenn wir eine sehen. Wir können uns aber auch eine Katze vorstellen, wenn uns jemand darum bittet. In der mentalen Simulation können wir sie schnurren hören. Wir sehen ihre spitzen Ohren, ihre grünen Augen, ihr Fell, ihre Form, die Krallen. Die Vorstellung löst dieselben sensorischen Reize aus wie die realen Objekte.
[1] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011
Lesen und Objekterkennung
Es dürfte ja eigentlich nicht passieren, dass wir beim Lesen laut auflachen, wenn uns etwas amüsiert. Es sind ja nur Buchstaben. Oder, so würden einige schwer erziehbare reine Geister sagen, es ist ja nur Sprache. Dass wir beim Lesen gar vergessen, dass wir es „nur“ mit Schriftzeichen zu tun haben, dürfte demnach schon gleich gar nicht passieren. Tut es aber.
Verantwortlich für das, was eigentlich nicht passieren dürfte, ist ein ein 10 Millionen Jahre altes Instrument in unserem Gehirn. Es dient der Erkennung von Objekten. Das Lesen ist dagegen eine vergleichsweise neue Erfindung, aber das Gehirn erfand dafür nichts Neues. Es gestattete aber dem „Wortformareal“, sich in jenem alten Teil des Gehirns anzusiedeln. Das ist der Grund, warum wir uns beim Lesen in eine Welt versetzen können, die fast ebenso real erscheint wie die uns umgebende Welt.
Das Instrument, das für das Erkennen von Objekten zuständig ist, ist auch zuständig für die Verarbeitung von Schriftzeichen. Das Wortformareal ist breit vernetzt, die Verbindungen sind auf schnelle Übermittlung angelegt. Schließlich kann es bei der Objekterkennung um Leben und Tod gehen: Kommt da eine Löwe auf uns zugespurtet, oder springt da ein Lämmlein? So sind wir fähig, uns auf Objekte oder eben eine Reihe von Schriftzeichen, die diese Objekte repräsentieren, zu fokussieren. Dabei geht das Gedächtnis auf volle Leistung.
Wir riechen den süßen Duft des frisch gebackenen Kuchens und rümpfen die Nase, wenn die Milch überläuft und auf der Herdplatte verbrennt. Wir halten die Luft an, wenn eine rasende Autofahrt plötzlich zum Cliffhanger wird. Wir verziehen das Gesicht, wenn jemand „vor unseren Augen“ in eine Zitrone beißt. Das heißt, wir simulieren das, was wir lesen und ahmen es innerlich nach, noch bevor wir es bewusst wahrnehmen. Diese „Immersion“ – ein Begriff aus der Filmkunst – ist so intensiv, dass wir Begebenheiten, die in der Geschichte nur kurz zurückliegen, besser erinnern als die Ereignisse, die im Zeithorizont der Geschichte weiter zurückliegen.
Lernen
Wie sollte man da behaupten, Sprache und Denken hätten nichts miteinander zu tun? Dass die beiden auch in ihren je kulturellen Kontext eingebunden sind und beim Kind eben darin entwickeln, muss man nun nicht mehr erklären. Lernen bedeutet nämlich, aus der Vielzahl der latenten Synapsen, die die Natur uns mitgegeben hat, eine Auswahl zu treffen. Wir sollte das Kleinkind das wohl anstellen? Mit einem Mentalesisch-Instinkt, wie Kaspar Hauser vielleicht? Wenn wir sprechen lernen, lernen wir es von denen, die um uns herum sind, die wiederum auf ihre ganz spezielle Art den kaleidoskopischen Fluss nach ihrem Gusto und nach ihren Notwendigkeiten geordnet haben. Das immens plastische Gehirn des Kindes erhält seine Grundprägung in der Sprachgemeinschaft, in der es aufwächst zusammen mit allen Subtexten, Konnotationen, Assoziationen, Nuancen, Spitzfindigkeiten und den vielen Unschärfen von Wörtern und Metaphern.
Sidney Lamb:
„And how does the child learn which perceptual properties to emphasize and which ones to ignore? Through language. Not because someone instructs the child by saying that property p is important for concept C, but just by naming exemplars of categories, either directly or indirectly. If an older sibling says, „here, doggie!“ to a newly encountered creature, that is enough information to allow the younger one to reinforce the connections from the perceptual features of this creature to the node for the developing conceptual category for c DOG, activated from the linguistic system.
The system continues its fine-tuning operations in order to become like those of others in the community, in order to be able to communicate with them: We cannot talk at all except by subscribing to the organization and classification of data which the agreement decrees. To sum up, what the child does is to learn, by means of language, to make the distinctions that others have been making.“ [1]
[1] Sydney M. Lamb, Neuro-Cognitive Structure in the Interplay of Language and Thought
in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000
Die Manipulation der „klugen Köpfe“
„Those who doubt that language can influence thinking are unlikely to be vigilant for the effects of language on their own thinking.“ [1]
Nun, das Gehirn ist etwas ganz Wunderbares. Es ist ohne Ende plastisch und stellt uns unendliche Möglichkeiten bereit. Mit anderen Worten: Auch die Sprachverächter, die Jargonistas, die Plastikwort-Matadore – egal in welcher Sprache – , die Pinseläffchen-Akademiker, die heute noch ihre Distinktionswünsche qua Sprache – egal in welcher Sprache – zelebrieren, die Wölfe im Management, die – egal in welcher Sprache – aus Gründen der Vertuschung und Verschleierung einen Jargon von sich geben, der schon lange zur Lachnummer geworden ist, oder die Hyänen in der Politik, die – egal in welcher Sprache – aus denselben Gründen das nämliche tun: Sie alle könnten lernen, wenn sie wollten. Sie alle könnten redlichen Klartext sprechen und schreiben, wenn sie denn wollten. Sie alle könnten damit aufhören, die Sprache, unsere wunderschöne Freundin und mächtige Verbündete für ihre eloquentia corrupta zu missbrauchen, und sie könnten damit aufhören, sie den Monstern zum Fraß vorzuwerfen.
Die schlechte Nachricht für alle die Ignoranten und die Verächter unter ihren Feinden und die gute für uns alle anderen:
„Those who doubt that language can influence thinking are unlikely to be vigilant for the effects of language on their own thinking.“
Sydney Lamb ist nicht der einzige, der auf diesen kleinen Fallstrick hinweist. Elisabeth Wehling, Schülerin und Kollegin von George Lakoff, weist freundlich auf den Trugschluss hin, nur die Dummies „da draußen“ liefen mittels sprachlicher Manipulation am Gängelband aller möglichen Bösewichte, die man sich höheren Orts und in gewissen Feuilletons so vorstellt (natürlich politisch richtungsgebunden), und die mit ihren Fake News, ihrer Propaganda oder ihren schwarzen Rhetorik bei der völlig hilflos ausgelieferten Bevölkerung jegliche Urteilsfähigkeit und das Denken an sich zum Erliegen bringen.
Was für ein Menschenbild, und was für ein peinlicher Patzer, da man sich sonst so gern als Kulturnation betrachtet. Die soll einen solchen Haufen grenzdebiler Kretins hervorgebracht haben?
Nun, dummerweise ist es so, dass Framing und Manipulation [2] auch und vor allem diejenigen unter uns beeinflussen, die umfassenden Kenntnisse zu allerhand Dingen besitzen. Sie sind, weiß Elisabeth Wehling, sogar anfälliger als andere. „Ist das Gehirn gewohnt, regelmäßig (z.B.) politische Fakten und Sachverhalte interpretierend einzuordnen und dabei je nach Informationsquelle und Zusammenhang unterschiedliche Frames zu nutzen, geht es ihm entsprechend einfacher von der Hand, wahlweise im einen oder anderen Frame zu denken; sie sind ihm gleichermaßen – im wahrsten Sinne des Wortes – selbstverständlich.“
Für die Wissenschaft nannte Ludwik Fleck das „gerichtetes Denken“, dessen Frames im „Denkkollektiv“ so selbstverständlich sind, dass Widersprüche und Logikbrüche nicht einmal mehr erkannt werden.
Später mehr zu diesem Thema in „Manipulation, Halluzination und Lügengeschichten“
[1] Sydney M. Lamb, Neuro-Cognitive Structure in the Interplay of Language and Thought; in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000
[2] Elisabeth Wehling, Politisches Framing: Wie sich eine Nation ihr Denken einredet und daraus Politik macht, Berlin 2016
Bilder: selbst gemacht