„Ich verstehe nicht, was Sie mit ‚Glocke’ meinen“, sagte Alice. Goggelmoggel lächelte verächtlich. „Wie solltest Du auch – ich muß es dir doch zuerst sagen. Ich meinte: ‚Wenn das kein einmalig schlagender Beweis ist!’“
„Aber ‚Glocke’ heißt doch gar nicht ein ‚einmalig schlagender Beweis’“, wandte Alice ein.
„Wenn ich ein Wort gebrauche“, sagte Goggelmoggel in recht hochmütigem Ton, „dann heißt es genau, was ich für richtig halte – nicht mehr und nicht weniger.“*
Lob der Uneindeutigkeit
Rhetorische Spielräume der Kultur
In einer fremden Sprache subtilen Humor verstehen zu wollen, ist eine anspruchsvolle Herausforderung. Ohne eine Vorstellung von den möglichen Botschaften zwischen den Zeilen, ohne Kenntnis des jeweiligen Kontextes im Besonderen und der Kultur im Allgemeinen kommt man nicht weit.
Eine fremde Sprache beherrscht man, wenn sie freundlich das Geheimnis lüftet, wie man in ihr Witze machen kann, die auch verstanden werden. Die Sprache hat sich geöffnet, wenn es gelingt, durch Uneindeutigkeiten zu navigieren, ohne den Faden zu verlieren. Sie offenbart sich, wenn man verstanden hat, dass sie nicht nur das Geschöpf einer Kultur ist, sondern auch deren Schöpferin.
Doch gut Ding will Weile haben. In 14 Tagen ist Erkenntnis nicht zu gewinnen. Eilig zusammengestellte Wortlisten helfen nicht weiter, denn sie sind nichts weiter als Momentaufnahmen. Sie können weder den unermesslichen Bedeutungsspielraum noch die Schönheit der Wörter erfassen, geschweige denn den kulturellen Kontext, in dem sie zu Hause sind. „Amateurish“ nannte der Ethnologe und Ethnolinguist Edward Sapir Versuche, eine Kultur verstehen zu wollen, ohne deren Sprache zu beherrschen.
Die Kara leben im Tal des Omo, ihre Sprache gehört zur südomotischen Familie, gesprochen im Südwesten Äthiopiens. Das kleine Volk behauptet sich auf wundersame Weise gegen expansionistische Nachbarn, erwehrt sich der Gefahr der Assimilation in kulturell und sprachlich nah verwandte Gruppen, und pariert pfiffig gelegentliche Übergriffsversuche des Staates.
How do you do it?
Aga-ni, aga wossa paxalmamo-xa. – This, this is due to our cleverness.
Felix Girke stellte eine Frage und schrieb eine lange Antwort über ethnische Kategorien, soziale Organisation, politische Gruppierungen und über Cleverness. Das Verständnis der Sprache und die Durchdringung ihrer rhetorischen Werkzeuge waren für den Ethnologen eine fundamentale Voraussetzung, die kulturelle Dynamik dieses außergewöhnlichen kleinen Volkes zu verstehen. Felix Girke lernte Kara.
*
SW
Kannst Du auf Kara Witze machen?
Felix Girke
Ja, kann ich. Sogar wenn man sich schon grundsätzliche lexikalische und grammatische Kompetenz erarbeitet hat, dauert es immer noch eine Weile, bis man Uneindeutigkeiten und mitunter wechselnde Wortbedeutungen in Sinn verwandeln kann. Wenn aber nach einer Zeit des genauen Zuhörens und Beobachtens auch die eigenen Sprechversuche verstanden werden, platzen die Knoten. Die Uneindeutigkeiten ergeben einen Sinn, man beginnt idiomatisch zu sprechen, und dann kann man auch Witze machen. Ein funktionierender Witz ist aber selten rein sprachlich; er erfordert Gespür für Sozialdynamiken.
Felix Girke ist Programmleiter in einem Wissenschaftsverbund, der sich über vier Länder erstreckt. Auch als „Bodenseher“ arbeitet er grenzüberschreitend. Bei alledem ist er ein ausgewiesener Experte für den Perspektivwechsel, denn er ist „immer auch Ethnologe“, der sich einen Reim darauf macht, wie andere Leute sich ihre Welt gestalten. Als Feldforscher war er bei den Kara in Südäthiopien. Sprache und Rhetorik waren bei seinem Vorhaben, eine fremde Kultur zu erforschen, Säulen der Erkenntnisgewinnung. Hier nachzulesen.
Es kommt hierzulande nicht oft vor, dass ein Wissenschaftler bei seiner Forschung die Rhetorik zu einer der Leitmethoden macht, wie Du es bei den Kara getan hast. Wie kam es dazu?
Der Anfang war der Forschungsschwerpunkt Rhetoric Culture Theory (RCT), den Ivo Strecker ab 1998 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz begründet hatte, in enger Zusammenarbeit mit Stephen Tyler von der Rice University in Texas. Ich arbeitete ab etwa 1999/2000 dabei mit, was meinen weiteren Weg in der Ethnologie maßgeblich geprägt hat. Kern und Ausgangspunkt unseres Forschungsprogramm war, dass, ebenso wie Rhetorik in der Kultur begründet liegt, auch die Kultur in der Rhetorik fußt, also im weitesten Sinne in der Sprache – oder, noch präziser und ehrgeiziger, im Sprechen.
Felix Girke
The Wheel of Autonomy
Rhetorik and Ethnicity in the Omo Valley
308 Seiten, 22 Illustrationen
Berghahn 2018
Das Buch steht beim Verlag als Open Source zur Verfügung.
Formate: PDF und eBook
Die Forschung zum Zusammenhang von Kultur und Sprache steht hierzulande eigentlich in einer großen Tradition. Die ganz großen Namen sind Johann Gottfried Herder und Wilhelm von Humboldt, die einen erheblichen Einfluss auf die Begründer der Ethnolinguistik, Franz Boas und Edward Sapir hatten und so letztlich auch auf Sapirs Schüler Benjamin Lee Whorf. Nach dem Ende der „mathematischen“ Phase der Linguistik sind deren Erkenntnisse weithin anerkannt. Angesichts dieser Tradition fällt es auf, dass es im hiesigen Forschungsraum kaum ethnologische Arbeiten zum Thema gibt. Wie erklärt sich das?
Das Thema ist komplex, und viele fühlen sich überfordert – im Gegensatz zu den USA wurde „linguistic anthropology“ hier nie eine relevante Unterdisziplin. Aber um beispielsweise das Rhetoric Culture-Programm zu verfolgen, braucht man nicht nur solide Kenntnisse der Klassischen Rhetorik als Bildungsprogramm und Sprachhandwerk. Man muss wissen, wie Sprache an sich funktioniert. Es ist unverzichtbar, die Sprache vor Ort gut zu beherrschen, und als Ethnologe sollte man dazu den vielbeschworenen holistischen Blick wirklich verinnerlicht haben.
Dazu kommt noch etwas anderes. Beim Stichwort „Rhetorik“ werden starke Abwehrreflexe ausgelöst. Seit rhetorische Lehrinhalte aus der Hochschule verbannt wurden, wird wenig bis nichts darüber gewusst, was Rhetorik eigentlich ist und wofür sie auch früher in Kulturtheorien schon stand. Stattdessen führen manche sofort alle die instrumentalistischen Vereinfachungen ins Feld, wie sie zum Beispiel in manchen Bereichen des Marketing propagiert werden, oder man holt das schon fast denunziatorische „Nur-Rhetorik“-Argument aus der Schublade. Damit findet man immer wohlfeile Begründungen, warum die Sprache beim Studium der Kulturen schon nicht so wichtig sei.
Sapirs Diktum, es sei amateurhaft, eine Kultur ohne ihre Sprache verstehen zu wollen, ist 100 Jahre alt. Kann es sein, dass wir früher schon einmal weiter waren, oder sollte man über Sapirs Feststellung neu nachdenken?
Zunächst muss ich betonen, dass ich in der privilegierten Position war, über Jahre Forschungsreisen finanziert zu bekommen; es liegt auch in der Umgestaltung der Studien- und u.a. Promotionsbedingungen der letzten zwanzig Jahre begründet, wenn viele junge Ethnologinnen und Ethnologen nicht nur die fremde Sprache nicht mehr als essentiell ansehen, sondern auch den Kulturbegriff selbst ganz vermeiden. Meine recht stationäre Langzeitfeldforschung in Südäthiopien, der wie mein Theorieansatz auch der Schule von Ivo Strecker geschuldet ist, war damals in den 2000ern schon fast aus der Zeit gefallen: Forschung zu einer Ethnie an einem Ort ist ja eher ein Ding aus Evans-Pritchards Zeiten, wenn man so will.
Zugleich habe ich aber auch in Äthiopien andere Ansätze erlebt, und es stimmt schon: Will man eine Kultur erforschen und hat die Sprache nicht wirklich durchdrungen, sind Befunde notwendig weniger belastbar. Zum einen kann ich Sprache und Kultur eben nicht voneinander trennen, in diesem Punkt müssen wir über Sapir nicht neu nachdenken. Zum anderen werde ich Mehrdeutigkeiten oder Unschärfen im Ausdruck mit großer Wahrscheinlichkeit fehlerhaft interpretieren oder eben gar nicht wahrnehmen. Wenn ich nur den denotativen Kern eines Wortes aufnehme, kann mich das sehr schnell in die Irre führen. Der sprachliche Ausdruck ist aber immer so unscharf wie die Wirklichkeit selbst und umgekehrt. In so einer scheinbar unübersichtlichen Lage ist die Gefahr groß, nach eigenen Kategorien zu deuten und Eindeutigkeiten zu suchen, wo keine sind, vor allem dann, wenn ich diejenigen Uneindeutigkeiten nicht verstehe, die im sozialen Leben so immens wichtig sind.
Das klingt für unsere Ohren recht ungewohnt. Warum sind ausgerechnet Uneindeutigkeiten im sozialen Leben wichtig?
Sprachliche Uneindeutigkeiten schaffen Spielräume, wenn es darum geht, Situationen zu definieren; sie sind also eine Ressource, keine „Fehler“ oder so etwas. Sie ermöglichen die geschmeidige Interpretation von Regularien, deren wortgetreue Einhaltung in einer bestimmten Situation womöglich allen Beteiligten Schaden zufügen würde. Uneindeutigkeiten sind das Schmieröl, das man braucht, um in angespannten Situationen Optionen zu schaffen, die helfen, schwierige Angelegenheiten flexibel und pragmatisch zu regeln, damit keine sozialen Blockaden entstehen und es weitergehen kann. Das ist natürlich in einer face-to-face Gesellschaft wie Kara viel offensichtlicher als in unserer vollumfänglich mediatisierten Welt, aber das Grundprinzip gilt meines Erachtens universell:
Die Forderung nach Eindeutigkeit oder deren Behauptung hingegen bringt jede soziale und kulturelle Dynamik und alle gemeinsamen Aushandlungsprozesse zum Erliegen. Insofern ist Eindeutigkeit Gewalt und will Herrschaft konstituieren. Stephen Tyler schreibt irgendwo, „literalness is odious“, und das ist schon ein Satz, über den man nachdenken sollte.
Im Alltagsleben geht es also weder eindeutig noch wortgetreu zu, und wir müssen das Soziale wieder und wieder aushandeln. Wie machen die Kara das?
Mitunter ziemlich sportlich. Ich habe erlebt, dass einzelne Personen das eigentlich etablierte Regelwerk ihrer sozialen Gruppe geradezu mit Füßen traten, damit sie heiraten konnten. Verwandtschaftsregeln sind eine schwierige und oft einschränkende Sache, und manche Regeln sind völlig übergriffig. Die Kara wissen das selbst. Es gilt also, erfinderisch zu sein. Der Spielraum der Uneindeutigkeiten dient in solchen Fällen dazu, bestimmte Handlungen zu rechtfertigen oder um Statusfragen auf unorthodoxe Art zu klären. Es gibt immer Optionen: Bin ich in dieser oder jener Situation Mutterbruder oder Angehöriger einer Altersklasse? Auch die Auslegung der Tradition ist nicht in Stein gemeißelt, wenn es die Situation erfordert. Kostet die Verletzung der akkuraten Einhaltung eines Rituals eine Person ein halbes Vermögen, kann man beschließen, nichts gesehen zu haben. Entscheidend ist bei alledem, dass sich nicht ein einzelner eigenmächtig über die Regeln hinwegsetzen oder ihren Interpretationsrahmen weiter als gewöhnlich ausdehnen kann. Das kann immer nur in stillem Einvernehmen der Beteiligten oder nach gemeinsamer Aushandlung geschehen.
In solchen Situationen kann man Kultur beim Entstehen besichtigen, die eben kein Computerprogramm oder ein essentialistischer Puppenspieler ist, dessen Gesetzen seine Geschöpfe besinnungslos folgen.
The Story of a Kara Hunting Ritual
Kultur beim Enstehen besichtigen. Ein junger Mann tötet einen Leoparden, der das Vieh bedrohte. Eine ehrenvolle Tat, doch wem gebührt die Ehre am Ende wirklich? Wer definiert die Regeln und aus welchem Grund?
Steffen Köhn und Felix Girke filmten, wie sich ein soziales Drama entfaltete.
26 Minuten
Wir reden immer noch über Sprache?
Wir reden über das Sprechen – zu dem wir über die Sprache Zugang haben. Wie sonst sollte man Gesellschaft konstituieren? Alles Soziale manifestiert sich in interaktiver Aushandlung. Es ist Sprechen, mit dem man eine Situation definiert, einen Status behauptet oder ändert, Beziehungen neu aushandelt oder stabilisiert – bevor man zu den Waffen greift.
F. G. Bailey nannte das language of claims. Die Kara wissen sehr gut, wie man Sprache einsetzt, um Situationen zu definieren, um andere von etwas zu überzeugen oder auch zu manipulieren. Es sind rhetorische Mittel, mit denen Deutungshoheit beansprucht wird, und es sind rhetorische Mittel, mit denen sie angefochten werden kann. Dissenz gegenüber solchen situativen Definitionen fordert strukturelle Macht ebenso heraus wie materieller Widerstand das täte. Wir haben es mit gemeinsamen Aushandlungsprozessen zu tun, mit denen Menschen ein komplexes soziales Gebilde gestalten und sich darüber einigen, wie sie zusammenleben wollen. Es ist der Kern der Kultur.
Du sprichst von gemeinsamen Aushandlungsprozessen. Es kann sich also nicht einfach jemand hinstellen, erklären, jetzt „Klartext“ zu reden und dann eine Situation im Alleingang definieren?
Bei den Kara, wie auch in vielen anderen Kulturen, hat eine Aussage als Äußerung eines Einzelnen kaum Gewicht – weder im normativen noch im faktischen Sinne: Wenn jemand eine Anekdote erzählt, ist die erste Frage stets „wer war denn noch dabei?“ Und bei der Frage, was denn der Fall sein sollte, ergibt sich die sozial gültige Haltung stets nur aus der gemeinsamen Interpretation aller Beteiligten. Natürlich gibt es besonders gute Redner, die fast jedes Publikum auf ihre Seite kriegen können – aber auch diese müssen erst einmal dahingehend abliefern.
Für mich als Ethnologen liegt darin der Kern des sozialen Lebens: In der öffentlichen Reaktion auf eine Handlung. Jede Analyse des Verhaltens oder der Äußerungen einer Person sollte sich daher der Frage zuwenden, wie das jeweilige Publikum diese Handlungen und Äußerungen aufnimmt. Es kann also niemals darum gehen, herausfinden zu wollen, was der Sprecher „wirklich“ meinte. Erstens ist das nicht möglich, und da bin ich auch innerhalb des Fachs recht radikal, und zweitens ist es auch nicht interessant.
Für die Untersuchung der kulturellen Dynamik ist es häufig ohnehin irrelevant, da in vielen Kulturen „Person“ kein innerer Zustand ist, sondern das, was von der Gruppe akzeptiert wird.
Innerlichkeit interessiert die Kara kaum. Und mal ehrlich: Ist das vollkommen autonome Individuum, das in Einsamkeit und Freiheit nichts als seinen eigenen Interessen folgt, und Sprache gelegentlich zu deren Durchsetzung oder zur Informationsübermittlung benutzt, nicht doch eine ziemlich lebensfremde Illusion?
Es sind also nicht nur sprachliche Hürden, die den Weg hinaus aus der Komfortzone der eigenen Kultur pflastern. Die „Person“ und die vielen Leuten so kostbare Innerlichkeit als Spiegel der Wahrnehmung zu Hause zu lassen, ist eine Herausforderung, die erst einmal gemeistert sein will.
Es ist eine ethnologische Binsenweisheit, dass man seine eigenen kulturellen Prägungen oder persönlichen Haltungen etwas zurückstellen sollte, um solide Erkenntnisse über eine andere Kultur zu gewinnen. Wenn man sich nicht ständig mit der Tatsache auseinandersetzt, dass die eigene Kultur nicht ‚die’ Natur der Dinge ist, sondern nur ein kleiner Ausschnitt des Menschenmöglichen, wird man beim Kontakt mit anderen Kulturen scheitern. Wenn man es tut, und dass ist die andere ethnologische Binse, lernt man zugleich nicht nur etwas über die fremde, sondern auch über die eigene Kultur. Aber dazu muss man sich den Menschen in deren Welt vorbehaltlos aussetzen, im Idealfall sogar ausliefern, und die vielen zuerst einmal unübersichtlichen und schwer verständlichen Situationen aushalten, mit denen man konfrontiert sein wird.
Wie weit muss man reisen, um solchen Herausforderungen zu begegnen?
Überhaupt nicht weit. Schon in der direkten kulturellen Nachbarschaft kann es ganz und gar exotisch zugehen. Alle denken, sie sprächen dieselbe Sprache, weil das Lexikon dasselbe ist. Dennoch reden sie ständig aneinander vorbei, weil sie verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft angehören. Was für die einen „Klartext“ ist, klingt anderen wie Kauderwelsch. Die einen verstehen Zwischentöne und Andeutungen, denen sie Bedeutung zuweisen können, andere nehmen gesprochene Worte bei ihrem face value und laufen in die Irre. Natürlich kann auch durch Uneindeutigkeit absichtsvoll manipuliert werden. Doch viele Missverständnisse, die aufgrund unterschiedlicher Sprechkulturen entstehen, können ganz und gar ungewollt sein. Hat man all das aber einmal erkannt, kann das aneinander Vorbeireden zur Basis für Aushandlung und Verständigung werden.
Die Kara wissen, wie man Sprache und Sprachen – denn jeder kompetente Kara bewegt sich im Alltag in zwei bis vier Sprachen – in bestimmten Situationen und zu bestimmten Zwecken einsetzt. Und sie genießen das, weil es für sie einer der zentralen Punkte eines guten Lebens ist, gemeinsam, oft mit Gusto, strittige Fragen und Sachverhalte auszudiskutieren. Wer sich solchen Dynamiken entzieht, egal wo, kann leicht den Kürzeren ziehen, oder braucht materielle Macht und starre Hierarchien, um den eigenen Willen umzusetzen. Wer hingegen seine rhetorischen Hausaufgaben gemacht hat, durchschaut schnell, wer wem was sagen will.
*
Die Kara würden es wohl anders ausdrücken, aber sie verstünden es sicher ganz genau, wenn Felix Girke ihnen erklärte, dass er nichts, was jemand ihm bei ihnen sagte, als face value nehmen würde. Womöglich würden sie es auch gar nicht als Beleidigung auffassen, sondern ihren Besucher vielmehr beglückwünschen, dass er’s endlich kapiert hat. Das ganze Leben ist uneindeutig, wie sollte es da die Sprache sein? Es ist ein Zeichen von Cleverness, das zu wissen. „Klartext“ ist dabei ein Konzept, für das wenig Verwendung besteht, und das in der Auseinandersetzung mit Nachbarn, Gegnern oder Regierungsbeamten nur hinderlich ist.
Permanente Aushandlungsprozesse nach innen und nach außen sind das Rückgrat der sozialen Architektur. Sie sind die Basis der permanenten Entstehung von Kultur, deren Schöpferin und Geschöpf zugleich die Sprache ist. Ist das einmal erkannt, kann man beginnen zu versuchen, die Botschaften zwischen den Zeilen entschlüsseln, anstatt vor lauter face value an der Oberfläche Konflikte heraufzubeschwören, die eigentlich gar nicht existieren.
Felix Girke hatte einen Moment gebraucht, bis er den Humor der Kara verstanden hatte. Die fremde Sprache hatte ihr Geheimnis gelüftet, ihr rhetorisches Repertoire stand ihm nun zur Verfügung. Mit der eigenen kulturellen Tradition, die ein starkes Faible für Eindeutigkeiten aller Art und für „Klartext“ der maskulinen Art hat, wäre er bei den Kara nicht sehr weit gekommen. So wurde er, wie jeder gute Ethnologe, zu einem Experten für den Perspektivwechsel, der auch im grenzüberschreitenden Wissenschaftsmanagement unübersichtliche Prozesse moderieren und gemeinsamer Aushandlung zuführen muss.
Solche gemeinsamen Aushandlungsprozesse sind überall anstrengend. Sie erfordern ein hohes Maß an Sprachgewitztheit, Chaoskompetenz und Respekt. Vor allem aber erfordern sie den Willen, nicht den Eindeutigkeitsverlockungen Einzelner nachzugeben, wenn sie nur laut genug sind.
„Es fragt sich“, sagte Alice, „ob man Wörter einfach etwas anderes heißen lassen kann.“
„Es fragt sich nur“, sagte Goggelmoggel, „wer der Stärkere ist, weiter nichts.“*
* Lewis Carrol, Alice hinter den Spiegeln. Übersetzt von Christian Enzensberger. Frankfurt a.M. 1998