Interviews
Gespräche über Angelegenheiten der Sprache und über die Welt, in der sie sich behaupten muss.
In der Reihenfolge ihres Erscheinens.
Belehrte Unwissenheiit
Über begrenzte Sichtweiten und Sprachlosigkeit der Wissenschaft im KI-Taumel
Erlebnisse einer Informatikerin
Prof. Dr. Dagmar Monett ist Informatikerin und Spezialistin für Künstliche Intelligenz und leitet einen einschlägigen Studiengang an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Die zum Teil verheerenden Folgen des KI-Taumels in der academia sind längst deutlich sichtbar. In Hochschulalltag und Wissenschaftspolitik erlebt Dagmar Monett, dass diese Folgen nicht angemessen adressiert werden. In einer zunehmend autoritären und gesprächsfeindlichen Atmosphäre wird Kritik fast nur noch hinter vorgehaltener Hand geübt. Man will sich nicht exponieren.
Der Verlust der wissenschaftlichen Integrität schreitet rasant voran, das umfassende intellektuelle und mentale De-Skilling der Studierenden ebenso. Die meisten Debatten stochern im Nebel, weil mit Dingen hantiert wird, die man nicht versteht. „Schon der Begriff ‚Künstliche Intelligenz‘ wird nicht verstanden“, sagt Dagmar Monett. Überall breitet sich magisches Denken aus über den Charakter all der Werke ohne Autor, die wie aus dem Nichts erscheinen und auf so wunderbare Weise Verantwortung suspendieren.
„Nach allem, was wir inzwischen wissen, halte ich es für ganz und gar unmoralisch, den Einsatz dieser Technologien direkt oder indirekt zu erzwingen,“, sagt Dagmar Monett. „Die Freiheit der Wahl, sie zu benutzen oder eben nicht, muss unantastbar sein.“
Mit Dagmar Monett sprach ich über Gründe und Hintergründe des abgründigen Taumels.
Lob der Uneindeutigkeit
Rhetorische Spielräume der Kultur
Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist in der Regel keine gute Idee und kann böse Folgen haben. Im Leben ist sie nämlich genau so wenig zu haben wie in der Sprache, die immer so unscharf ist wie die Wirklichkeit selbst.
Der Ethnologe Felix Girke forschte bei den Kara, einem kleinen Volk in Südäthiopien, erkundete soziale Organisation, politische Gruppierungen, kulturelle Dynamik und das, was die Kara selbst ihre „Cleverness“ in mitunter schwierigen Situationen nennen, unter anderem verankert im pfiffigen Einsatz ihrer rhetorischen Werkzeuge. Felix Girke lernte Kara.
Es sind die sprachlichen Uneindeutigkeiten, die Spielräume der Aushandlung und der lebensdienlichen Interpretation von Regularien schaffen und die kulturelle Dynamik gewährleisten. Sie sind eine Ressource, kein Fehler. „Uneindeutigkeiten sind das Schmieröl, das man braucht, um in angespannten Situationen Optionen zu schaffen, die helfen, schwierige Angelegenheiten flexibel und pragmatisch zu regeln, damit keine sozialen Blockaden entstehen und es weitergehen kann.“ Insofern ist Eindeutigkeit Gewalt und will Herrschaft konstituieren.
Mit Felix Girke sprach ich darüber, dass es schon in der nächsten kulturellen Nachbarschaft ganz und gar exotisch zugehen kann, und dass uns ein kleines Volk in Äthiopien in Sachen Sprache einiges voraus hat.