Schreiben und Sprechen
Besuch bei den Wundern menschlicher Schöpferkraft
Notiz: In diesem Kapitel geht es um das geschriebene und um das gesprochene Wort. Da dies kein lineares Buch ist, sondern ein Web-Buch, das von verschiedenen Standorten aus angesteuert werden kann, begibt es sich, dass Sie gelegentlich doppelt sehen.
Besuch … – Das geschriebene Wort und seine Launen (2) – Handwerk (3) – Das Wort im Kopf und auf dem Weg ins Sprechen (4) – Sprechen (5)
Einleitung
Schreiben ist eine junge Kulturtechnik, gemessen daran, wie lange wir schon sprechen können. Sie kann erst ein paar Jahrtausende ins Feld führen. Beim Sprechen rechnen wir in Jahrhunderttausenden. Das Schreiben wurde zu einer mächtigen Kulturtechnik, in manchen Königreichen eifersüchtig vor den „einfachen“ Leuten zurückgehalten oder streng überwacht und zensiert. Die Fähigkeit zu sprechen, teilen wir uns mit den Neandertalern, die nichts von dem waren, was gewisse Vertreter des Homo sapiens uns glauben machen wollen. Orale Kulturen haben keine Schrift. Dafür haben sie uns eine Menge voraus. Sie sind auch keine „Vorstufe“ zur Schriftlichkeit. „Kulturstufen“, die evolutiv aufeinanderfolgen, existieren nicht. Schriftlose Kulturen schufen komplexe Gesellschaften und hatten elaborierte Methoden, durch mündliches Erzählen und durch Spiel und Ritual politische Optionen zu diskutieren und Informationen auszutauschen. Das Sprechen als Kunst und Handwerk ist ebenso anspruchsvoll wie das Schreiben, im Schauspiel, in der Rede, im gesprochenen Buch, wo noch?
Schreiben ist eine Kulturtechnik mit einem komplexen Innenleben. Sie entnimmt der Allmende der Sprache, was sie braucht, um sich selbst ins Werk zu setzen, und gibt es zurück in die Welt, wo das Geschriebene nun uns allen gehört. Schreiben ist ein mächtiges Handwerk, mit dem man besser kein Schindluder treibt. Die Alten wussten das und verehrten ihre Schreiber als Helden oder sogar Götter. Im Schreiben verbindet die Hand sich mit dem Kopf, auf dass sie einander in ihrem Wirken bestärken. Gibt die Hand es auf zu schreiben, wird es im Kopf dunkel. Wer das Schreiben aus Unkenntnis und aus niederen Beweggründen verachtet, fährt sich selbst in die Grütze. Die meisten, die das tun, bemerken es noch nicht einmal. Wie auch? Sie vestehen auch nicht, was passiert, wenn das Schreiben von uns genommen werden soll, wenn sie selbst ihre eigenen Reste des Schreibens aufgeben, ohne zu wissen, was es mit ihrem Verstand macht und ohne zu verstehen, was geschieht. Eine unserer wichtigsten Kulturtechniken wird von in vieler Hinsicht geistesverwandten Verächtern der Sprache zu einer Ressource für ihre Gier gemacht. Dem Sprechen und den darstellenden Künsten ergeht es inzwischen genau so. Es ist ein Allmenderaub, der ganz sicher nichts mit „Veränderung“ oder „Fortschritt“ zu tun hat.