Mister Whorf 4

Sprache und Macht und anglozentrisches Nichtwissen

Vielfalt erfreut ...

I believe that those who envision a world speaking only one tongue, whether English, German, or Russian, or any other, hold a misguided ideal and would do the evolution of the human mind the greatest disservice. Western culture has made, through language, a provisional analysis of reality and, without correctives, holds resolutely to that analysis as final. The only correctives lie in all those other tongues which by aeons of independent evolution have arrived at different, but equally logical, provisional analyses.

Benjamin Lee Whorf

Von der grotesken Spracharmut der Fraßmaschinen war schon die Rede. Auf absehbare Zeit wird es auch wohl nicht besser werden, da die Schöpfer dieser Machwerke danach streben, nach böser alter Manier Kolonialprojekte voranzutreiben, Wissen zu vernichten, Ausbeutungsregime zum Schaden der Vielen zu etablieren und die Welt in einen finsteren, sprachlosen Ort zu verwandeln. Dass die Welt größer und komplexer ist, als sie das mit ihrem beschränkten und von Gier zerfressenen Verstand fassen können, reizt sie offenbar bis aufs Blut.

Benjamin Lee Whorf wusste, dass man durch das Studium der Sprachen und Kulturen der Wirklichkeit ein Stück näher kommen könnte, wenn man nur die vielen verschiedenen kulturellen Konzepte, Weltbilder und Wahrnehmungen und ihre sprachlichen Manifestationen in einem großen Konzert zusammen wirken lasse. Er sah die Defizite des westlichen Weltbildes, das sich selbst als absolut gesetzt hatte, ganz so, wie es auch heute die Techkonzerne tun, die von „der“ Menschheit reden, dabei eine Absurdität an die nächste reihen und immer größer werdende Teile dieser Menschheit ins Elend stürzen. Whorf sah, wie auch Franz Boas und Edward Sapir, dass die möglichen Korrektive, die die anderen Kulturen und Sprachen würden liefern können, zum Teil gewaltsam unterdrückt oder ausgelöscht wurden. Dieses imperialistische Projekt ist noch lange nicht zu Ende und hat durch die Machwerke der Techkonzerne einen neuen Schub erhalten, zum einen als weitere Vernichtung von Komplexität und zum anderen als der neueste neoliberale Exzess, der dem Klassenkampf von oben zum Nutzen und Frommen der ganz wenigen eine neue Spitze aufsetzt. (In alter, wieder salonfähiger eugenischer Manier hält man das für vollkommen natürlich. Wer skrupelloser ausbeutet, muss wohl intelligenter sein.)

Auch der Linguist Wallace Chafe beklagte Jahrzehnte nach Whorf die intellektuelle Borniertheit und die daraus folgenden Defizite der westlichen Welt, die nicht aufhört, sich von allem, was anders als sie selbst ist und auch sein will, bedroht zu fühlen.

Linguistic diversity, praised by both Humboldt and Whorf is highly desirable for making knowledge about local conditions of a certain temporal order of magnitude more accessible. But the world referred to in the term ‚world view‘ [Weltanschauung], is of necessity a partial one: The gap between what one might need to know and what one can know remains huge. It is for this reason that different perspectives are required as well as criteria such as Whorf s enlightened science that can be appealed to when different languages create conflicting interpretations. (…)

In this light, one can only view it as deeply disturbing that so many of these lenses [Sprachen] are, just at this moment in human history, being closed for ever.“ [1]

[1] Wallace Chafe, Loci of diversity and convergence in thought and language
in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000

[2] Peter Mühlhäusler, Humboldt, Whorf and the Roots of Ecolinguistics
in: Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000

Akademische Einsprachigkeit und anglozentrisches Nichtwissen

Es kommt also nicht von ungefähr, dass ausgerechnet in den Sphären der klugen Köpfe seit Jahrzehnten Einsprachigkeit herrscht, mit ziemlich verheerenden Folgen für alle diejenigen, die keine Muttersprachler der vermeintlichen wissenschaftlichen Lingua franca Englisch sind.

Bei internationalen wissenschaftlichen Konferenzen bestreiten englische Muttersprachler 90 Prozent der Redezeit. Vor allem sie sind in der Lage, Zwischentöne und Bedeutungen, die über den denotativen Kern des Gesprochenen hinausgehen, zu verstehen.

Die wissenschaftliche „Supermacht“ USA (so will es die PR) bestimmt die Agenda und die Themen, zum Teil durchaus aggressiv. Alle anderen folgen, und das „anglozentrische Nichtwissen“ (Werner Petermann) legt sich wie Mehltau über den reichen Schatz möglichen Wissens und gewusster Erkenntnisse und Denkmöglichkeiten und lässt sie verkümmern. Offiziell gehören Diversität und Vielstimmigkeit der Gedanken zur wissenschaftlichen Rationalität. Die Unterschiede der Sprachen und des Denkens zu ignorieren, bedeutet, erkenntnisleitende Optionen einfach außer Acht zu lassen. Und da wir unseren Whorf nun gut genug kennen, wissen wir, dass sprachliche Verengung auch den Erkenntnishorizont einengt. Man könnte auch sagen, alles wird dümmer.

Ökolinguistik

Was Chafe hier beklagt und was sich seitdem weiter zugespitzt hat, ist einer der Schwerpunkte der Ökolinguistik. Sie untersucht nicht nur die globale Sprachdiversität, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Sprachen und zwischen Sprachen und der Gesellschaft, in der sie verwendet werden. Es geht wesentlich auch um die Vielfalt der Erkennung von Problemen und der Problemlösekompetenz. [2]

Sprache als Machtinstrument

Einsprachigkeit verengt den Horizont, führt zu intellektuellen und zu Wissensdefiziten. Erzwungene Einsprachigkeit ist aber immer auch das „wirkungsvollste Instrument der Macht“, erklären Lidia Becker, Universität Hannover und Elvira Narvaja de Arnoux, Universität Buenos Aires, in einem Artikel für die Deutsche Universitätszeitung und fahren fort: „Englisch als die Sprache der Supermacht USA und zweier weiterer G7-Mitglieder (Großbritannien und Kanada) darf nicht als eine neue unpolitische „Lingua franca“ propagiert werden. Die Hegemonie oder der „Imperialismus“ des Englischen wird durch die Etablierung und kontinuierliche Reproduktion struktureller und kultureller Ungleichheiten zwischen dem Englischen und den anderen Sprachen aufrechterhalten.“

Für die Autorinnen ist der Glaube an eine vorgeblich neutrale Lingua franca Englisch naiv und darüber hinaus von Unkenntnis geprägt. Sprachpolitik spiegelt Machtverhältnisse. Die Interessen von Gruppen, die von Sprechern vertreten werden, die Englisch als Zweit- oder Drittsprache verwenden, werden nicht gleichberechtigt gehört, geschweige denn, dass auf sie eingegangen wird.

Die Nachteile für Nicht-Muttersprachler der wissenschaftlichen Kolonialsprache Englisch sind dabei insgesamt immens.

Daran ändert auch, wie viele hoffen, die KI-gestützte Übersetzung nichts, die allzu oft versteckte Fehler enthält, die nur wieder ein kundiger Mensch entdecken könnte. Abgesehen von einer durchaus beabsichtigten kolonialen Sprachpolitik in der Wissenschaft, die nicht nur Wissensbestände, sondern auch Denkmöglichkeiten und Problemlösekompetenz bewusst ausblendet, wissen wir, und das seit Wilhelm von Humboldt und natürlich mit Benjamin Lee Whorf, wohin das führt.

Die Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Förderanträge im Fach Germanistik nur noch auf Englisch anzunehmen und zu erwarten, dass die Arbeiten auch in ebendieser Sprache abgeliefert werden, kann vor dem Hintergrund all dessen, was man über Sprache und Sprachdenken weiß, nur als schlechter und ziemlich böser Witz verstanden werden. Wo kämen wir auch hin, wollten wir von internationalen Germanisten verlangen, Deutsch zu können? Erinnern wir uns bei der Gelegenheit daran, dass es Unterschiede in Denken und Wahrnehmung auch zwischen verwandten Sprachen gibt.

Die Autorinnen Becker und Narvaja de Arnoux benennen die vielen Fragen zum Thema Einsprachigkeit in der Wissenschaft, die man lieber nicht stellt. Man könnte schließlich der Tümelei geziehen werden und belegt das ganze Thema lieber mit einem Tabu – zum Schaden des ganzen Betriebs. Dass das Englisch der meisten Nicht-Muttersprachler nicht wirklich gut ist, wird auch nicht gern thematisiert. Der DAAD fördert das Erlernen der deutschen Sprache, weil, wie es heißt, immer mehr Studierende es so wollen. Und dann kommen sie an eine deutsche Universität und sehen sich mit Lehrveranstaltungen in broken english konfrontiert. Wegen der „Visibility“.

Es gab auch einmal eine Zeit, als der DAAD für internationale Konferenzen Mittel für Dolmetscher bereitstellte, für diejenigen mithin, die mehr als das Lexikon und die Grammatik einer Sprache kennen, die Zwischentöne verstehen, verborgene Bedeutung erkennen und die Konnotationen erschließen können, weil sie die Kultur und ihre das Sprachdenken kennen und die die hyperkomplexen Probleme lösen können, die bei Übersetzungen von einer hoch-kontextualisierten Sprache in eine niedrig-kontextualisierte Sprache und umgekehrt meistern.

Es war die Zeit, als es ein Zeichen von Internationalität und Weltläufigkeit war, in der Lage zu sein, die Kommunikation verschiedener Muttersprachler so zu managen, dass man sich optimal verstand.

Vielsprachigkeit und Übersetzung gegen intellektuelle und kulturelle Verwüstung

Dass Whorf sich angeblich Übersetzung von einer Sprache in eine andere Sprache überhaupt nicht vorstellen konnte, sie gar für unmöglich hielt, ist eine der vielen maliziösen Unterstellungen, die man ihm nachwarf. Er hat dergleichen nie behauptet, und er war übrigens auch kein Determinist der Sorte, die behauptet, Sprache bestimme das Denken. (Nach allem, was ich inzwischen über Whorf, seine Arbeit und die Kontroversen um seine Arbeit weiß, bin ich davon überzeugt, dass ein großer Teil der zum Teil bösartigen Unterstellungen damit zu tun hat, dass gewisse akademische Herrschaften in billigem Dünkel den Ingenieur Whorf als bloßen „Laien“ abtaten, so wie es sich noch im deutschen Wikipedia-Eintrag zu Whorf widerspiegelt.)

Übersetzung ist selbstverständlich möglich und notwendig, will man der intellektuellen und kulturellen Verwüstung entgehen. Gute Übersetzer wissen, dass jedes Sprachdenken einzigartig ist und die Dinge der Welt, die großen und die kleinen, anders organisiert als ein anderes. Einst dachten universalistische angehauchte Mathematiker und Computerwissenschaftler, Sprache mittels Maschinen verstehen und demzufolge auch automatisch übersetzen zu können, sei ein gelöstes Problem. Die Betonung liegt auf verstehen. Aber unser Kunstwerk in 7000 Variationen hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. So viele Ausnahmen, so viel Subtilität, so viele spontan gebildete Metaphern, so viel Unberechenbarkeit, so viel Wirklichkeit.

Wallace Chafe drückt es so aus:

There is never an algorithm by which translators can transfer thought expressed in one language to equivalent thought expressed in another.“

„Books cannot be translated in a click!“ verkündete das European Council of Literay Translators’ Association zusammen mit dem European Writers’ Council im Mai 2025. Anlass war die Ankündigung der Plattform amazon, selbst verlegte e-Books kostenlos zwischen Englisch und Spanisch und von Deutsch in Englisch KI-gestützt maschinell übersetzen zu lassen. Der KI-Slop nimmt ohnehin schon überhand. Nun wird der Verwahrlosung noch eine neue Dimension hinzugefügt.

„Writing a book takes intense labour time, life-long development of craft, and highly professional skills and creativity“, erklären die Räte. „The same applies to the translation of a book: the skills, crafts and expertise of translators are instrumental in the creation of high-quality translations, which respect the writer’s sense of storytelling and style as well as enrich the reader’s experiences.“

KI übersetzt nicht wirklich, weil sie das gar nicht kann, weil sie nicht versteht, weil sie Intention (wie schon unsere Vorfahrin Lucy vor mehr als drei Millionen Jahren) nicht erkennen kann. Sie verflacht und verwandelt Sprache in einen unerträglichen Einheitsbrei, verstärkt rassistischen und sexistischen bias und widerwärtige Stereotype, und sie basiert auf gestohlenem Gut.

Kostbare Freundin und Verbündete

Sprache ist nichts, was einem zuvor Gedachten übergestülpt wird. Sprache ist nichts, womit man Schindluder treibt. Sprache ist nichts, was man leichtfertig verachtet. Tut man es dennoch, wird es einen kalt erwischen, bevor man es überhaupt bemerkt.

Sprache ist ein Kunstwerk in 7000 Variationen. Sie ist ein geselliges Wesen, das sich uns nur offenbart, wenn wir sie im Kreise unserer Leute erlernen. Sprache ist die Geliebte des Denkens, so innig mit ihm verbunden, dass das eine ohne das andere nicht leben kann. Sprache ist das Geschenk, das es uns in seiner Gestalt als Kulturtechnik ermöglicht, alles das zu verstehen und gemeinsam zu bewältigen, was um uns herum ist. Ohne Sprache keine Intelligenz, die uns zu Menschen macht. Ohne Sprache keine Anverwandlung der Welt, keine Auswahl aus dem Kontinuum, das die Welt in Wirklichkeit ist, keine Ordnung in der grenzenlosen Fülle der Möglichkeiten, keine Verständigung, kein Menschsein.

Wenn man sich eine Weile mit diesem Kunstwerk in 7000 Variationen befasst hat, ergreift einen eine tiefe Ehrfurcht vor der Schönheit, der Schöpferkraft und der Macht unserer kostbaren Freundin. Woher nehmen wir das Recht, sie zu missbrauchen, sie arrogant zu verachten und abzutun als lästiges härenes Kleid unserer „edlen“ Gedanken? Woher nehmen wir das Recht, zuzulassen, dass sie für die Befriedigung der nihilistischen Gier völlig entgleister Kreaturen korrumpiert und gnadenlos zerfetzt wird?

Warten wir nicht darauf, bis uns der moralische Kollaps ereilt, wenn wir erkennen, was wir angerichtet haben. Verteidigen wir unsere geliebte Freundin, die so viel für uns getan hat und noch immer tut und der wir es so treulos danken.

Benjamin Lee Whorf, der Titelheld dieses Kapitels, ging mit gutem Beispiel voran. Er verteidigte die Sprache im Ganzen, und er brach eine Lanze für die Sprachen, die nicht zu den europäischen Standardsprachen gehören, gegen Rassisten und arrogante akademische Borniertheit. Er plädierte für die Vielfalt und gegen die Dummheit anmaßender Einsprachigkeit, wenn es darum ging, die Dinge der Welt zu erklären. Er musste viel einstecken für seine bahnbrechende Forschung. Doch er war stets in großer guter Gesellschaft. Es waren finstere Zeiten, als man ihn und seine Erkenntnisse verleumdete und lächerlich machte und damit auch Franz Boas, Edward Sapir und Wilhelm von Humboldt beleidigte.
Sorgen wir dafür, dass der neue Kolonialismus, gieriger als je zuvor, nicht weiter raubt und ausbeutet und seine Blödmaschinen („souped-up autocomplete“-Maschinen, wie Emily M. Bender und Alex Hanna sie nennen) über die Erde verbreitet.

Wir sammeln die Stimmen. Es sind schon sehr viele.

Möge die Macht mit uns sein.

Bald geht es weiter.

Wer benachrichtigt werden möchte, wann es womit weitergeht, schreibe mir bitte.
weiss@wortwandel.de