Mister Whorf 2

Wege des Wissens

Sapirs und Whorfs gemeinsame Forschungen gingen als Sapir-Whorf-Hypothese der Relativität der Sprache in die Geschichte der Linguistik und der Ethnologie ein. Sie verhalfen der Erkenntnis der innigen Verbindung von Sprache und Denken als Geschöpfe und Schöpfer ihrer Kultur zum Durchbruch in den modernen Sozialwissenschaften. Die Sapir-Whorf-Hypothese wurde in Fachkreisen weithin anerkannt und löste eine Fülle von Studien in vielen verschiedenen Sprachen aus, die unter anderem einen recht wichtigen Befund zeitigten: Das Denken ist geprägt von der Sprache, die wir in der Kindheit lernen.

We dissect nature along lines laid down by our native language …“, und ein jedes macht sich seinen eigenen Reim auf die Welt, bringt seine eigene Weltanschauung hervor. Über die Unterschiede zwischen Europäischen Standardsprachen und Sprachen völlig anderer Kulturen wundern wir uns nicht. Bei Forschungen am Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen kam allerdings auch heraus, dass die sprachgetragenen Unterschiede auch zwischen nah verwandten Sprachen wie Deutsch und Englisch auftreten, zwei Sprachen, die sich bei genauerer Betrachtung als gar nicht mehr so ähnlich erweisen.

Seit Boas, Sapir und Whorf brachen die Ethnolinguisten eine Lanze für die außereuropäischen Sprachen, die den konventionellen Philologie bis dahin als primitiv und unterentwickelt der Mühe nicht wert waren. Es war eine Zeit, in der Eugenik und wissenschaftlicher Rassismus anerkannte Lehren waren und in der ein bösartiger und gewalttätiger Rassismus in den „fortgeschrittenen Zivilisationen“ an der Tagesordnung war. In den USA traf es nicht nur die ehemaligen Sklaven, sondern insbesondere auch die First Nations, deren Sprachen brutalen Vernichtungsfeldzügen ausgesetzt waren.

Wege der Erkenntnis

Die Sprache stellt offenbar unsre ganze geistige Tätigkeit subjektiv (nach der Art unsres Verfahrens) dar, aber sie erzeugt auch zugleich die Gegenstände, insofern sie Objekte unseres Denkens sind […]. Die Sprache ist daher, wenn nicht überhaupt, doch wenigstens sinnlich das Mittel, durch welches der Mensch zugleich sich selbst und die Welt bildet oder vielmehr seiner dadurch bewusst wird, dass er eine Welt von sich abscheidet.

Wilhelm von Humboldt an Friedrich Schiller

WvH, Gesammelte Werke

Vielleicht hätten Benjamin Lee Whorf und Wilhelm von Humboldt sich auf Nahuatl unterhalten, wären sie in einem imaginären Raumzeit-Kontinuum jemals einander begegnet. Wir wissen nicht, ob Whorf die Werke des preußischen Gelehrten kannte. Dass er von dessen Erkenntnissen umfangen war, steht außer Frage. Denn Wilhelm von Humboldt, Gelehrter, Minister, Diplomat und Begründer der vergleichenden Sprachforschung, der stets ein wenig im Schatten seines berühmteren Bruders Alexander steht, ist einer der intellektuellen Felsen, auf dem das Wissen von der Relativität der Sprache ruht und der ihr Geltung verschafft. Er war nicht nur mit Nahuatl vertraut. sondern insgesamt ein ausgezeichneter Kenner amerikanischer Sprachen. Nahuatl gehörte dazu genau wie Otomí, Huastec, Maya, Rararumi, Quechua, Muisca, Guaraní und andere. In Wort und Schrift beherrschte er außer seiner Muttersprache Englisch, Italienisch, Spanisch, Baskisch, Ungarisch, Tschechisch und Litauisch. Er untersuchte außerdem das Koptische, Altägyptisch, Chinesisch, Japanisch, Sanskrit, Birmanisch, Altjavanisch und die hawaiianische Sprache. 

Wozu diese Aufzählung?

Wilhelm von Humboldt zeigt die bereits formulierte unverzichtbare Voraussetzung, will man zu Annäherungen beim Verstehen der Welt und der Menschen darin kommen: Vielsprachigkeit. Eine solche echte Weltläufigkeit bewahrt vor universalistischen Kurz- und Fehlschlüssen, die das eigene für das Ganze nehmen und sich in schlechter westlicher Manier selbst mit der Welt verwechseln. Sie würde auch, verstünde man denn, was auf dem Spiel steht, dem „anglozentrischen Nichtwissen“ wie auch der bornierten Duldsamkeit gegenüber maschineller Sprachvernichtung Einhalt gebieten und eine Lanze für die Vielsprachigkeit brechen.

Franz Boas

Franz Boas, der westfälisch-amerikanische Gelehrte, der seiner Ursprungskultur stets verbunden blieb, war ein Kenner und Bewunderer Wilhelm von Humboldts. Der Ethnologe besaß genau die Weltläufigkeit, die ihn in Opposition zu allen Arten fantasierter Überlegenheit über andere brachte. 1933 verwahrte er sich vehement gegen den Rassismus der Nazis, wie er sich gegen jede Art von Rassismus verwahrte, auch in seiner Wahlheimat. Er attackierte die Idee, gewisse Sprachen könnten anderen überlegen sein. Für ihn hatten alle Kulturen und Sprachen denselben Wert. In Deutschland verbrannte man seine Bücher. International wurde er berühmt als Pionier der anthropologischen Feldforschung, als Begründer der Ethnolinguistik und für die Erforschung der Kulturen der First Nations Nordamerikas, der umfangreiche Feldforschung der indigenen Sprachen Nordamerikas inspirierte. Früh befasste er sich mit dem Verhältnis von Sprachstrukturen (angeregt von Humboldts „innerer Sprachform“), Gesellschaft, Denken und Kultur im Ganzen. Eine Sprache, so Boas, reflektiert in ihrer Entstehung die sozialen Notwendigkeiten wie auch die je spezifische Anpassung an die Umgebung. Deshalb ist das Lexikon einer Sprache immer sehr viel mehr als ein einfaches Repertoire verbaler Bezeichnungen für die Dinge der Welt – Sprache und Denken als Geschöpfe und Schöpfer ihrer Kultur.

Mehr über Franz Boas aus berufenem Munde: Werner Petermann, „Geschichte der Ethnologie, Wuppertal 2005

Edward Sapir

Auch Edward Sapir, Boas‘ Schüler, war ein Kenner der frühen Schule der Relativität der Sprache. Seine Abschlussarbeit an der Columbia University legte er zu Herders „Ursprung der Sprache“ vor, über den Gelehrten mithin, der einen bedeutenden Einfluss auf Wilhelm von Humboldt bei der Formulierung seiner Version sprachlicher Relativität hatte. Herder wiederum war beeinflusst von einem intellektuellen Querkopf und originellem Denker namens Giambattista Vico aus Neapel (1668 bis 1744), der dafür plädierte, Sprachgeschichte zu einem Gegenstand historischer Forschung zu machen und schon zu seiner Zeit auf etwas hinwies, was die moderne Neurolinguistik Jahrhunderte später nur noch bestätigen konnte, dass sich nämlich der Mensch in seiner Sprache körperlicher Metaphorik bedient, um Konzepte für seine äußere Umgebung zu gewinnen. [1] 

Ganz im Sinne Franz Boas’, bei dem er 1909 über die Sprache der Takelma promoviert wurde, legte Sapir zahlreiche Belege dafür vor, dass auch die indigenen Sprachen mit den Methoden der vergleichenden Sprachforschung untersucht werden konnten. Sapir erforschte die Sprachen der amerikanischen First Nations über Jahrzehnte, darunter die athabaskische Sprachfamilie, Wishram Chinook, Navajo, Nootka, Colorado River Numic, Takelma und Paiute und kam zu folgendem Schluss:

„Human beings do not live in the objective world alone, nor alone in the world of social activity as ordinarily understood, but are very much at the mercy of the particular language which has become the medium of expression of their society. It is quite an illusion to imagine that one adjusts to reality essentially without the use of language and that language is merely an incidental means of solving specific problems of communication or reflection. The fact of the matter is that the „real world“ is to a large extent unconsciously built up on the language habits of the group. […] We see and hear and otherwise experience very largely as we do because of the language habits of our community predispose certain choices of interpretation.“ [2]

Befunde über eine Kultur zum Besten zu geben, ohne deren Sprache zu kennen, bezeichnete Sapir als „amateurish“. Es war die zu seiner Zeit noch kolonial geprägte Forschungspraxis, wie sie sich bis heute in bestimmten Fächern oder auch in vielen Unternehmen und Institutionen erhalten hat.

Sein Werk „Language: An Introduction to the Study of Speech“ von 1921 wurde zu einem Gründungstext der Linguistik. Hierin legte er dar, dass die Wörter und die grammatischen Kategorien einer Sprache, die wir in der Kindheit erlernen, unsere Gedanken beeinflussen und formen und unsere Wahrnehmung filtern, anstatt ihnen nur einfach ein Kleid überzuziehen, wie es später Lew Wygotski formulieren sollte, der sich in seinen Forschungen zum Erstspracherwerb von Sapir inspirieren ließ. [3] (s.a.o.)

Es war schließlich Benjamin Lee Whorf, der auf der Grundlage der Forschung seines Lehrers Sapir umfangreiche Feldforschung durchführte.

[1] Giambattista Vico, Prinzipien einer neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker. Übers. u. hrsg. v. Vittorio Hösle u. Christoph Jermann. Hamburg, 1990

Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011

[2] Linguistic Society of America and various other American learned societies held in New York City in December 1928

[3] Lew Wygotski, Denken und Sprechen. (1934/2002) Weinheim und Basel. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Joachim Lompscher und Georg Rückriem

Mister Whorf und Albert Einstein

Raum und Zeit sind keine absoluten Größen. Ihre Erscheinung wandelt sich mit dem Standort des Betrachters. Die vierdimensionale Raumzeit wird von der Materie beeinflusst, die sich in ihr befindet. Wir kennen das Phänomen als Krümmung der Raumzeit. Albert Einsteins Relativitätstheorie ist heute Schulstoff und Quelle zahlloser Gegenstände der Science Fiction in Wort und bewegtem Bild. Als Lawrence Krauss seinen Klassiker über „The Physics of Startrek“ schrieb, fiel ihm eine sonderbare Diskrepanz in den Darstellungen der „unendlichen Weiten“ auf. Bei der Erfindung von Heisenberg-Kompensatoren, Phaseninduktoren, obersten temporalen Direktiven oder mobilen Emittern für Hologramme war der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In einem anderen Bereich, nämlich der Darstellung gern reich verkleideter Aliens, war das ganz anders, wie Krauss nicht umhin kam zu bemerken: „And they all speak english.“ Erst spät fiel der Groschen und man erfand „Universalübersetzer“ (ein unsinniges Konzept) oder führte sprachkundiges Personal mit.

Unendliche Weiten

Der Relativität der Sprache wurden nicht solche Ehren zuteil, obwohl wir mit der Sprache, auch innerhalb unserer je eigenen Sprachfamilie, so viel mehr zu tun haben als mit den Problemen interstellarer Reisen. Was täglich um uns ist, ist natürlich lange nicht so cool wie das Materie-Antimaterie-Verhältnis im Warp-Antrieb. Das Problem ist nur, dass die nahezu flächendeckende geradezu schändliche Unkenntnis über eine unserer kostbarsten Kulturtechniken mehr Schaden anrichtet, als auf einer Außenmission den Tricorder vergessen zu haben. Aber technologisch getriebene Kulturen haben nun einmal einen stark reduzierten Begriff davon, was wirklich wichtig ist.

Zu denen, die in ihren Werken die Sapir-Whorf-Hypothese verarbeiteten, soll angeblich George Orwell gehören, indem er für seinen Klassiker „1984“ „Neusprech“ ersann. Die Kunstsprache sollte verhindern, dass die dem totalitären Regime feindlich gesonnenen Gedanken gar nicht erst ausgedrückt werden können und am Ende eben auch nicht mehr gedacht werden können. Das aber unterstellt, Whorf wäre ein Determinist gewesen, der glaubte, Sprache bestimme das Denken. Das war er ausdrücklich nicht. Die Neusprech-Erfindung ist vielmehr eine Methode, die seit Edward Bernays zu den Werkzeugen der absichtsvoll manipulierenden Propaganda gehört. Vielleicht hatte ja Orwell eher dessen Werk Propaganda von 1928 gelesen.

Eine freundlichere Hinwendung zu Whorf und Sapir formulierte Ted Chiang 1998 in einer Kurzgeschichte („Story of Your Life“). Eine sehr fremdartige Spezies aus dem All besucht die Erde. Die Art, wie sie kommunizieren, unterscheidet sich vollkommen von allen bekannten Arten menschlichen Sprachdenkens, was auch für ihre Auffassung von Raum und Zeit gilt. Chiangs Geschichte wurde 2016 in einem spektakulären Film namens „Arrival“ adaptiert, der ebenfalls auf Whorfs Erkenntnissen beruht.

"The new principle of relativity"

Als Benjamin Lee Whorf 1940 seinen berüht gewordenen Artikel „Science and Linguistics“, dem locus classicus seiner Theorie, wie E.F.K. Koerner es nennt [1], in der M.I.T Technology Review veröffentlichte, sprach er zu Naturwissenschaftlern. Er baute ihnen eine Brücke zu einem ihnen unbekannten Terrain. Wie in Einsteins Relativitätstheorie kommt es bei der Betrachtung der Welt auch im Universum der Sprachen auf den Standort des Betrachters an, oder besser: auf sein Sprachdenken.

Remember?

We dissect nature along lines laid down by our native language. The categories and types that we isolate from the world of phenomena we do not find there because they stare every observer in the face; on the contrary, the world is presented in a kaleidoscope flux of impressions which has to be organized by our minds—and this means largely by the linguistic systems of our minds. ( … ) We are thus introduced to a new principle of relativity, which holds that all observers are not led by the same physical evidence to the same picture of the universe, unless their linguistic backgrounds are similar, or can in some way be calibrated.

Die Dinge an sich verändern sich nicht. Der physiologische Wahrnehmungsapparat von Menschen tut es auch nicht. Doch wie man die Dinge sieht und in Begriffe fasst, hängt davon ab, welcher Sprachgemeinschaft, welcher Kultur man entstammt. Edward Sapir hatte schon 1924 von der „relativity of the form of thought“ gesprochen, aber es war Whorf, der in seinen Ausführungen auf Einstein anspielte.

Dessen Relativitätstheorie mag Schulstoff sein, aber sie ist bei allen Versuchen der Visualisierung gekrümmter Raumzeit mit Dellen in Gitternetzen und Ähnlichem doch kontraintuitiv geblieben. Raumzeit wurde kein Wort der Alltagssprache, in keiner der europäischen Standardsprachen. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Einer der Gründe, warum wir uns Raumzeit, gekrümmt oder nicht, so schlecht vorstellen können, liegt darin, dass in eben diesen Sprachen Raum und Zeit nicht nur verschiedene Substantive sind, sondern auch diskrete Konzepte. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Begriff von Zeit ein linearer ist, in dem die Zeit in eine Richtung „fließt“: Vergangenheit > Gegenwart > Zukunft und somit eigentlich weder gekrümmt noch relativ sein kann.

[1] Martin Pütz and Marjolijn H. Verspoor (eds), Explorations in Linguistic Relativity, Amsterdam 2000

Hopi-Zeit

Damit wären wir bei Whorfs großem Thema, der „zeitlosen Sprache“ der Hopi, das Thema, an dem sich allerhand Kontroversen entzünden sollten.

Die Hopi sind eine Nation der Pueblo-Indianer, die sprachlich zur uto-aztekischen Familie gehören. In der Sprache der Hopi gibt es kein Wort für Zeit. Wollte man diesen Umstand mit unseren Konzepten zu Ende denken, käme man wohl nicht sehr weit. Im Deutschen ist „Zeit“ das allerhäufigste Substantiv.

Als die frommen spanischen Christenmenschen und nach ihnen die ebenso frommen weißen Siedler nach Arizona kamen, kolonisierten sie die Hopi. Sie quälten sie und gaben sich jede nur erdenkliche Mühe, ihre Kultur und ihre Sprache zu zerstören. Sie setzten die Schamanen gefangen, rissen Familien auseinander und trieben lebendige Menschen barfuß durch Bäder mit hochgiftigen Substanzen, weil sie angeblich Läuse hatten. So viel zum Thema Zivilisation.

Heute, so denken die Nachkommen der Kolonisatoren, müsse das doch bitte Vergangenheit sein. Alte Geschichte. Schließlich „heile“ die Zeit alle Wunden. Doch die Idee, dass „Zeit heilt“ setzt voraus, dass sie vergeht. Es braucht einen abstrakten, linearen Zeitbegriff, den die Hopi aber nicht haben (sie sind nicht die einzigen). Für sie ist es keine alte Geschichte. Nichts heilt.