Prolog 3
Alte Sünden und die allzu komplizierte Wirklichkeit
Misogyne Neurotiker und der religiös-industrielle Komplex
„In den alten Zeiten haben die Herren haben die Philosophie erfunden, weil ihnen die Wirklichkeit zu kompliziert war“, verriet mir eine renommierte Althistorikerin hinter vorgehaltener Hand. Misogyne Neurotiker wie Montesquieu und Rousseau wollten die öffentliche Sphäre von allem Weiblichen befreien, denn die Republik könne nur wirklich gedeihen, wenn das öffentliche Leben von diesem störenden Weiblichen gereinigt sei. Nur reine Männlichkeit garantiere Beständigkeit, Unkorrumpierbarkeit und die Ordnung des modernen Staatswesens. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vincken nennt dies eine „Kollektivneurose“, die das moderne Staatswesen strukturiert und unseren Republiken „an der Wiege gesungen wurde.“ [1]
Sprache in ihrer elaborierten Form galt den Geisteshelden als weiblich, musste also in die Schranken gewiesen und so zugerichtet werden, dass sie lediglich ihren eigenen Zwecken diente. Rousseau war sogar das Theater suspekt, und am liebsten wollte er es verbieten. Er und seine Kumpane imaginierten den freien Mann, der die Geschicke der Republik bestimme, in Rousseaus Fall gern auch einmal ein asketischer Heros wie weiland der Krieger aus Sparta, für den auch schon Platon schwärmte. Als Alternative wählte Rousseau einen unspezifischen nordamerikanischen „Indianer“ als Folie, auf den er zudem sein unsägliches und folgenreiches Märchen vom edlen, guten „Wilden“ erdichtete, zum immensen Schaden eben jener Menschen, die seinen Flausen als Kulisse dienten. [2] Aber das ist eine andere Baustelle.
[1] Barbara Vincken, Alle Menschen werden Brüder, Lendemain 71/72 1993
[2] David Graeber udn David Wengrow, The Dawn of Everything, New York 2020
„Wilde“ und Frauen waren die beliebten Gegenbilder der neurotischen Geisteshelden mit dem Hang zu strammer Männlichkeit. Eines ihrer Mantras war selbstredend die künstliche Dichotomie von „rational“ und „irrational“, bis heute tausend Mal widerlegt und dennoch wirksam wie in alten Zeiten. Wir sprechen nicht. Wir rechnen, messen und zählen. Und gerade sind wir dabei, nach einer kurzen Zeit der Erholung und echter Aufklärung in diese finsteren Zeiten zurückzufallen, dem Leben den Atem aus dem Leib zu pressen, der sprachlichen Vielfalt, der geselligen Geschwätzigkeit, der Üppigkeit freier Rede, der Schönheit ungezügelter Dichtung, dem Chaos des kaleidoskopischen Flusses den Krieg zu erklären mit stumpfer, primitiver Linearität, mit Wertschätzung allein für die Dinge, die man in Zahlen ausdrücken kann und mit maschinengenerierten 1-0-Simulationen des Lebens.
Die „Aufklärer“ versprachen Wahrheit und schufen Monster.
Übrigens ist die Frühmoderne, in der alle die „Rationalität“ und „Wahrheit“ wider den „Aberglauben“ erfunden wurde, die Hochzeit der Hexenverfolgung, nicht etwa das „finstere“ Mittelalter, das in vielem aufgeklärter war als vieles, was später kam.
Die dysfunktionale Kultur
Misogyne Neurotiker und neopuritanische Adoleszenzkrisen insbesondere us-amerikanischer Prägung haben groteske Reichtümer angehäuft und ein absurdes Maß an politischem Einfluss gewonnen. Die misogyn-sexistische „Kultur“ des Silicon Valley ist legendär. Natürlich lauert da immer die Furcht vor der Wirklichkeit, ihren üppigen Falten, ihrem Chaos, ihrer Unübersichtlichkeit, ihrer Unberechenbarkeit und dem richtigen Leben, das man nicht wirklich versteht und nicht bannen kann. Also muss man es beherrschen, indem man es in künstliche Abhängigkeiten treibt, in Armut stürzt und in Angst und Schrecken versetzt. Und natürlich ist da die Angst vor dem Zorn derjenigen, denen man ohne mit der Wimper zu zucken, permanent Schaden zufügt. Da braucht man Fluchtmöglichkeiten. Die einen suchen sie im Weltraum, andere auf Privatinseln oder in Bunkern, denn in der Praxis sind dies die neuesten Exzesse eines seit jeher dysfunktionalen, bulimisch fressenden und zutiefst menschenfeindlichen Wirtschaftssystems, in dem sich die Wenigen zum Schaden der Vielen bereichern.
Oder man begibt sich auf die unreflektiert religiös geprägte Suche nach einer nicht näher definierten „Allgemeinen Künstlichen Intelligenz“, die erlösungswillige Neopuritaner endlich von den Schrecken dieser Niederungen befreit. Dafür massakriert man die Sprache, reißt sie in Fetzen und erniedrigt sie zu Daten, aus denen in naher Zukunft aus schierer Masse die göttliche Emergenz hervortreten soll. „Feel the AGI“, spornt der OpenAI „mystic in residence“, wie Karen Hao ihn pfiffig nennt, seine Kollegen an, das große Ziel nicht aus den übernächtigten und den offensichtlich umnachteten Augen zu verlieren.
Dass der demente AGI-Hype zu nichts anderem dient als einem erbarmungslosen Klassenkampf von oben nach unten, hat sich inzwischen herumgesprochen.
Der Glaube an eine größere und bessere Zukunft ist einer der mächtigsten Feinde gegenwärtiger Freiheit.
Aldous Huxley
Alte Sünden
Alte Sünden werfen lange Schatten. Landraub, Sklaverei, Ausbeutung, Ressourcendiebstahl, Disruption bestehender Ökonomien und Handelswege und die Vernichtung von Sprachen gehören zu den Merkmalen des Kolonialismus, der, wie man uns versichert, eine Irrung der Vergangenheit sei. Heute hingegen sei man aufgeklärt, fördere Diversität und habe Verständnis. Neue Technologien werden selbstverständlich nur „ethisch“ eingesetzt.
Die Ghostworker in Ländern, die im Wesentlichen ehemalige Kolonien sind, verdienen Hungerlöhne, wenn sie die verkommenen und widerwärtigen Zeugnisse verwahrloster „fortschrittlicher“ Gesellschaften aus den Sprachmodellen herausfiltern (s.o.). Techkonzerne reisen mit Armeen von Anwälten und PR-Spezialisten an, um Regierungen davon zu überzeugen, dass es ganz und gar harmlos ist, in Trinkwasserfördergebieten Datenzentren zu bauen. Man pflanzt als kleines Dankeschön gern ein paar Bäume. Überbordender Energiehunger wird gern auch einmal mit militärischer Gewalt gestillt, wenn die Ressourcen im eigenen Land nicht ausreichen.
Techkonzerne bestehlen schöpferische Menschen, die Kunstwerke schaffen, ganz offen und ohne Skrupel, „trainieren“ ihre Maschinen mit diesen Kunstwerken, ohne zu fragen, damit ebendiese Maschinen die schöpferischen Menschen ersetzen können. Sind sowieso viel zu teuer. Aber wer entscheidet am Ende, wer wen und was wann ersetzt?
Fortschritt
Aber wer will denn undankbar sein? Wo so viel Fortschritt ist, so viel Innovation, nimmt man doch gern so ein bisschen gesellschaftliche Regression in Kauf (wenn es einen denn nicht so direkt selber trifft), alles für das höhere Ziel der Menschheitsbeglückung: grassierende Armut, grassierender Rassismus und wieder erstarkender Sexismus, Massenentlassungen, der Aufwuchs autoritärer Instrumente im Zuge großflächiger institutioneller und politischer Verwahrlosung und Verwüstung und die skrupellose Ausbeutung von Mensch und Natur, wo immer man ihrer habhaft wird, wenn es sein muss, mit Gewalt.
Für die Unterhaltung klugscheißender Besserwisser in den Medien raunt man hier und da vom Untergang „der“ Menschheit. Das gruselt so schön, und schließlich sollen wir beschränkten Menschen endlich kapieren, was „die“ alles können. Nicht, dass an alledem irgendetwas neu wäre. Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass ein groß angelegter Raubzug mit Elend für die Vielen mit Fortschritt, wahlweise mit göttlicher Gnade und natürlich mit der Dummheit und Habgier der unverständigen Menschen erklärt wurde.
Es kommt nicht von ungefähr, dass das Gerede vom Wohle „der“ Menschheit und vom Fortschritt für alle wie der Sermon eines Predigers klingt, der uns allen die Erlösung im Himmelreich verspricht.
Wer erinnert sich schon noch daran, dass unser bis heute vorherrschender Fortschrittsbegriff von einem frommen geistlichen Herrn ersonnen wurde.
Der Abbé Turgot, der Fortschritt und eine Anmaßung namens Weltgeschichte
Der philosophische Kern der Turgotschen Lehre ist die christliche Heilsgeschichte. Ihr entnimmt er das Prinzip der Linearität – die gerade Entwicklung von einem bedauernswerten Zustand zur Erlösung –, überträgt es auf die soziokulturelle Entwicklung der Menschheit und erklärt den Maschinenfortschritt zum wichtigsten Treiber gesellschaftlichen Fortschritts, der technischen Fortschritt mit gesellschaftlichem Fortschritt gleichsetzte. Später war er größenwahnsinnig und anmaßend genug, aus seiner Stufentheorie „der“ Menschheit eine „Weltgeschichte“ zu machen. Der bedeutende Teil der Denker der sogenannten Aufklärung folgte ihm. So herrschte Ordnung unter dem Himmel, denn mit allem, was sie nicht messen, berechnen, klassifizieren und in die Spur stellen konnten, kamen sie nur schlecht zurecht. Turgots Menschheitstheorie ist blanker Unsinn, bleibt aber bis heute mehr als einflussreich. Demnächst bringt uns der Maschinenfortschritt als nächste Stufe – manche reden allen Ernstes von „Evolution“ – die „Allgemeine Künstliche Intelligenz“, die’s dann schon richten wird wie einst Turgots Herrgott – oder der Abbé Turgot als Minister. In dieser Funktion liberalisierte er in Frankreich den Getreidehandel, was nach einer Missernte zu exorbitanten Preiserhöhungen seitens der Großbauern und Händler führte. Den berühmt gewordenen Mehlkrieg von 1775 ließ er mit 25.000 Soldaten niedergeschlagen. König Ludwig XVI. wollte eine staatliche regulierte Senkung der Brotpreise verkünden, doch Turgot riet ihm davon ab. Ungleichheit war ebenso unvermeidlich wie der Staat, der eine harte Hand zeigen musste, wenn die Opfer der unsichtbaren Hand (Adam Smith) außer Kontrolle gerieten.
Moderne Predigten
Die Prediger heutiger Tage versprechen uns das „Zeitalter der Intelligenz“ (als ob sie wüssten, was das ist), massive Wohlhabenheit, Superintelligenz (dito) und eine so blühende und grandiose Zukunft, dass man kaum die Worte dafür finde. Der Klimawandel erledigt, Kolonien im Weltraum (sic!), und alle physikalischen Rätsel gelöst (auch hier: wenn man nur sicher wüsste, was physikalische Rätsel überhaupt sind).
So hört sich ein Sektenprediger namens Sam Altman an (und das war nur ein winziger Ausschnitt), der in einem eschatologisch gestimmten und gottgetränkten kernkapitalistischen Land, in dem namenlose Gier keine Sünde ist, natürlich auf offene Ohren stößt.
Manchmal trifft er sich mit seinen Kollegen Philosophenkönigen, um über die Zukunft „der“ Menschheit zu diskutieren. Sie allein wissen Bescheid wie weiland Platon und seine Kumpane. Man fragt nicht, man entscheidet. Man steht an der Spitze der Nahrungskette, also ist man wohl intelligenter als andere und darf das. Die Frage ist, ob man ihnen das erlauben möchte.
Wollen wir es noch einmal versuchen?
Maschinenmenschen, ja ihr mit der uneingetunkten Feder und euren Luftnummern, leset und bedenket.
Für das Glück des Schreibens seid ihr verloren. Verloren für das Abenteuer. Verloren für die Geschichte, die euch weiter weg trägt als jedes Raumschiff. Verloren für die Freiheit, die man nur im Schreiben findet. Verloren für das Glück, im Schreiben ganz unverhofft den entscheidenden Gedanken hervorkommen zu sehen, ihn schreibend von allen Seiten zu betrachten, zu erleben, wie er sich mit anderen Gedanken zusammentut, mit ihnen streitet und dann mit dem einen, der sich wissend an ihn schmiegt, in den Sonnenuntergang reitet, zum weiten Horizont, wo der Zusammenhang wohnt, den entdeckt zu haben, das besonders große Glück ist.
Verloren für die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben (Heinrich von Kleist). Verloren auch dafür zu schreiben, um herauszufinden, worüber ihr nachdenkt (Edward Albee). Verloren für die Arbeit an der Sprache, die immer Arbeit am Gedanken ist (Friedrich Dürrenmatt).
Menschen, die in der Sprache leben, kennen die Zusammenhänge, wissen, wie es funktioniert, brauchen keine alten Ideologien, keine Talentmythen, keinen romantischen Geniekult und keine Selbstvergewisserungsrituale mitsamt ihren Bedeutungsvermutungen. Dem „reinen Geist“ winken sie fröhlich hinterher, wenn er durch die Mauerritzen allzu alter, allzu brüchiger Gebetshäuser entfleucht.
Inzwischen kann jeder wissen, was auf dem Spiel steht: Verlust der kognitiven Fähigkeiten, Dauermanipulation, sich zuspitzendes Suchtgeschehen, Datendiebstahl, Verlust jeglicher Souveränität, Verlust der Artikulationsfähigkeit, Verlust der Affektkontrolle durch instant gratification (wie bei Dreijährigen), Verlust des strukturierten und konzeptionellen Denkens, Suspendierung von Verantwortung. Dazu Mitschuld an andauernden Urheberrechtsverletzungen, am Raubbau an Ressourcen mit in der Regel gewalttätigen Methoden in armen Ländern, an grotesken Ausbeutungsverhältnissen und an einer Hybris, die alten Kolonialverbrechen in nichts nachsteht. (s.o.) Rote Pille oder blaue Pille?
Langsam fragen wir uns, wer oder was genau die Leute mit vorgehaltener Waffe dazu zwingt, ihr Leben in die Hände von manifest durchgeknallten Figuren zu geben, denen sie nicht einmal ein gebrauchtes Spielzeugauto abkaufen würden. Warum Menschen all ihr Wissen den Maschinen zum Fraß vorwerfen, damit sie eines Tages selber Fraßbeute der Maschinen werden in einem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, das in seiner digitalen Nekrophilie längst ausweglos selbstreferentiell geworden ist.
Nein. So weit werden wir es nicht kommen lassen. Wir überlassen die Welt nicht den skrupellosen Maschinenmännern mit ihren uneingetunkten Federn und ihren Luftnummern. Wir …
… lassen hier bald die inzwischen lauten Stimmen auftreten, die sich mit Verve und Expertise aufgemacht haben, alles zum Besseren zu wenden und weiter und weiter aufzuklären.