Prolog 2
Sprachdenken, Werke ohne Autor und Geschichte in Natur verwandeln
Sokratische Feldzüge und romantische Flausen
Wo man sich höher gebildet fühlt oder große Massen an Menschen, Geld und Gütern bewegt, also überall da, wo der ganz scharfe Verstand das Sagen hat, sind Kauderwelsch und Nebelprosa praktizierte linguae francae. Und wer die Größe der dergestalt geäußerten Gedanken nicht sofort erfasst, ist selber schuld und sowieso keiner von uns.
Es gehört zu den ewigen Vergnügungen aller Sprachkundigen zu wissen, dass es sich natürlich genau umgekehrt verhält. Kauderwelsch und Nebelprosa sind immer zuverlässige Indikatoren dafür, dass die hehren Gedanken von ihren Schöpfern selbst nicht verstanden sind. Ich habe es unzählige Male erlebt.
Doch trotzig war man am Ende sogar noch stolz darauf, sich nicht klar ausdrücken zu können. Das Ausweichmanöver lautete dann stets, dass „Laien“ das nun einmal nicht verstehen könnten … doof wie sie sind.
Die langanhaltende Missachtung der Rhetorik als Bildungsprogramm wie auch der handwerklichen Rhetorik und des Sprachdenkens hat laut Gert Ueding ihre Ursache in den „sokratischen Feldzügen“ Platons und seiner Diffamierungen der Rhetoriker. Diese Feldzüge wirken so nachhaltig, weiß Ueding, dass „die Rehabilitierungsbemühungen der neueren Kulturgeschichtsschreibung bis heute wenig gefruchtet haben.“ [1] Das Framing hat ganze Arbeit geleistet, würden wir heute sagen. [2]
Kongenial zu den Ausfälligkeiten des Posterboys der misogynen Neurotiker tummeln sich nach wie vor Geniekult und Talentmythen in der Tradition insbesondere der deutschen Romantik in den Studierstuben und Laboren der „klugen Köpfe“. Diese Fantasiegebilde werden gegen bodenständige Kompetenzen ausgespielt, ein pragmatischer Zugang zur Welt und damit zu echter Artikulationsfähigkeit wird verstellt. Selbstverständlich behauptet man heute bei jeder Gelegenheit vollmundig das Gegenteil, weil man sich auf Wunsch der Förderer den Anschein von Volksnähe geben will. So ersinnt die sogenannte Wissenschaftskommunikation immer neue Spirenzchen zur Bespaßung der „bildungsfernen Schichten“, während man ansonsten – von den Akteuren selbst offenbar kaum bemerkt – eine Mischung aus PR und Homolektik praktiziert. Nicht die Kommunikation ist das Problem. Es ist die Wissenschaft selbst, aus deren „Denkkollektiven“ und „gerichtetem Denken“ (Ludwik Fleck) ihre treuen Kommunikatoren keinen Ausweg finden.
[1] Gert Ueding, Klassische Rhetorik, München 2011
[2] Elisabeth Wehling, Politisches Framing: Wie sich eine Nation ihr Denken einredet und daraus Politik macht, Berlin 2016
.
Betrug und Täuschung
Betrug und Täuschung in der Wissenschaft sind nichts Neues. Es kommt aber nicht von ungefähr, dass die heutige Wissenschaft unter der inzwischen übergroßen Last an Lug und Betrug zu leiden hat, die durch den sportlichen Gebrauch diverser KI-Werkzeuge erzeugt wird. Während die „Integrität“ der Wissenschaft durch sinnfreien, aber für gewisse Player profitablen Wettbewerb ohnehin schon auf dem Prüfstand steht, hat man das Problem ohne Not in den letzten Jahren exponentiell gesteigert. Selbstverständlich ist man zuversichtlich, alles im Griff zu haben. Schließlich ist man die Wissenschaft. Angesichts dessen, was an ungeheuerlichen Folgeschäden für Mensch und Welt durch den Gebrauch von KI inzwischen hinlänglich bekannt ist, in geschützten Räumen über „ethischen Gebrauch“ dieser Anwendungen zu parlieren, verleiht dem Gedanken, dass gewisse Teile der Wissenschaft an sich eine Gegenveranstaltung zur Wirklichkeit sind, eine ganz neue Plausibilität. [1] Blaue Pille oder rote Pille?
„Die Ausschaltung rhetorischer Lehrinhalte aus der akademischen Ausbildung bedeutete auch einen Verlust an kritischer rhetorischer Rationalität und förderte die Entstehung einer manipulierbaren Öffentlichkeit in der Massengesellschaft.“ Das war noch einmal Gert Ueding. [2]
Was in den Hochschulen, da, wo das Lehrpersonal ausgebildet wird, abwesend ist, kann in der Schule nicht blühen. Und so wissen wir alles über unsere Autos, unsere Telefone, unseren Vitaminbedarf, aber so gut wie nichts über eine unserer wichtigsten Kulturtechniken. Nun denn, der Geist weht, wo er will und geht spazieren mit der sprachblinden Bildungskatastrophe.
[1] Bruno Latour, Die Hoffung der Pandora, Frankfurt a. M. 2000
[2] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2011
Lesen und Schreiben
Als vor ein paar Jahrtausenden an verschiedenen Orten der Welt die Schrift erfunden wurde, bildeten sich bald Vorstellungen und Begriffe von der Macht dieser Kulturtechnik. In Ägypten wurde ein geehrter Schreiber namens Imhotep in den Stand einer Gottheit erhoben. Einen eigenen Gott hatten die Schreiber in Mesopotamien. Hier war vor etwa 5000 Jahren die Keilschrift entstanden, allerdings nicht als Vergnügen gelangweilter Gelehrter. Vielmehr waren es Verwalter, die bei der Haushaltung großer Höfe eine Gedächtnisstütze brauchten.
Das Alphabet, wie wir es heute kennen, hat ebenfalls einen sehr bodenständigen Ursprung. Wir verdanken es phönizischen Minenarbeitern in Ägypten. Sie verwandelten die ägyptischen Hieroglyphen nach dem Rebus-Prinzip in einzelne Laute der gesprochenen Sprache, als Verständigungsform für den Alltag. Die griechische Variante fügte die Vokale hinzu. Die Buchstaben, die wir heute verwenden, übernahmen wir von den Römern. Wir nennen es lateinische Schrift. Sie ist heute am weitesten verbreitet.
Echte Kulturtechniken entstehen, wenn sie gebraucht werden, das heißt, nicht in Studierstuben, sondern in der Wirklichkeit.
So bodenständig die Schrift in ihren Anfangszeiten war, blieb sie für lange Zeit eine selten beherrschte Kunst. Kaum jemand konnte lesen und schreiben. Auch die meisten Bischöfe und Fürsten, für die in klösterlichen Skriptorien kunstvoll geschmückte und vergoldete Bibeln kopiert wurden, mussten sich die Schriften bei Bedarf vorlesen lassen. Es dauerte noch ein paar Jahrhunderte, bis auch das „einfache“ Volk flächendeckend lesen und schreiben lernte. Seit dem frühen 19. Jahrhundert war Lesen und Schreiben weiter verbreitet. Technische Neuerungen in der Buchproduktion machte die Lektüre auch für die „einfachen“ Leute erschwinglich. Aber damit dieses einfache Volk nicht zu aufmüpfig werde und sich mittels Büchern womöglich politische Flausen zuzog, herrschte eine strenge Zensur.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich konnte sich die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland durchsetzen, verankert in der Weimarer Verfassung von 1919.
Es ist also noch gar nicht so lange her, dass andere als die üblichen Verdächtigen in den gehobenen Kreisen das Lesen und das Schreiben beherrschten. Natürlich brachte das aus der Sicht gewisser Kreise ungeheure Gefahren mit sich. Der Pöbel machte sich schlau, wollte mitreden, gar mitregieren. Nachdem man höheren Orts erkannt hatte, dass man ohne das arbeitende Volk, das schließlich den Reichtum erwirtschaftete, nicht wirklich weiterkam, musste man Zugeständnisse machen. Zum Verdruss der alten Eliten, die zugleich im Wesentlichen auch die neuen waren, konnte man in den neu entstehenden nominellen Demokratien mit lesekundigen Untertanen, genannt Bürger, nicht mehr so schalten und walten wir in früheren Zeiten.
Manipulationen
Da hatte einer eine Idee, der wie kaum ein anderer Sprache zum Schaden der Vielen missbrauchte.
„Die bewusste und zielgerichtete Manipulation der Verhaltensweisen und Einstellungen der Massen ist ein wesentlicher Bestandteil demokratischer Gesellschaften. Organisationen, die im Verborgenen arbeiten, lenken die gesellschaftlichen Abläufe. Sie sind die eigentlichen Regierungen in unserem Land.“
Das erklärte ganz offen der nicht so ehrenwerte Freud-Neffe Edward Bernays in seinem Buch „Propaganda“ von 1928, (zusammen mit Walter Lippmanns „Die öffentliche Meinung“ von 1922 bis heute die „Bibel“ aller Manipulatoren.) [1] Damit die Manipulation gelingen konnte, war es natürlich nötig, dass das zu lenkende Volk nichts darüber wusste, wie man überhaupt Sprache für die Manipulation einsetzen konnte.
Zwischenzeitlich erwies sich die Sache als schwierig. Es wurde viel gelesen, viel geschrieben, viel gewusst und viel diskutiert. Aber bald wird man sich an den entsprechenden Stellen keine Sorgen mehr machen müssen. Vor allem im High-Tech-KI-Land USA ist die Analphabetenrate höher als in vielen Ländern des sogenannten Globalen Südens. Auch hierzulande geht es kräftig voran. Ein Viertel der beschulten 15-Jährigen kann nicht richtig lesen und schreiben. [2] An den Universitäten beklagen die Studis, dass sie Bücher lesen müssen, Bologna, „Exzellenz“, exzellenter Bildungspolitik und der neoliberalen großen Wäsche sei Dank. Da mutet es sonderbar an, den Kindern und den jungen Leuten flächendeckend den „verantwortungsvollen Umgang mit KI“ beibringen zu wollen. Schließlich müsste man dazu literat, zu kritischem Denken fähig sein und ein bisschen was wissen.
[1] Edward Bernays, Propaganda, New York 1928
Walter Lippmann, Public Opinion, New York 1922
[2] Stiftung Lesen
Mehr dazu später in „Halluzinationen, Manipulation und Lügengeschichten“
Hinterhältige Tricks: Subjektschub und Plastikwörter
Der Subjektschub wird uns noch alle umbringen, wenn wir ihm nicht Einhalt gebieten. Dieser lichtscheue Geselle gehört zu den Top Notches der Wissenschaftssprache und ist seit jeher ein mieser Trick. Seine Aufgabe ist es, Objektivität zu suggerieren und Verantwortung zu suspendieren, weshalb er gern auch anderswo genommen wird.
Diese Studie untersucht … dieses Paper analysiert … das Buch erhebt … Der schiere Geist setzt sich durch und produziert ein Werk ohne Autor. Das ist ausgefeilte magische Praxis und eine hervorragende Methode, nicht zu offenbaren, was nicht jeder wissen soll. Da ist der Weg nicht mehr ganz so weit in andere Gefilde, wo man auch gern einmal ein wenig Verantwortung suspendiert.
„Die“ Digitalisierung verursacht Massenentlassungen. Nicht etwa die FOMO-dementen CEOs, die Massenentlassungen in ihren Kreisen wie ein Ehrenabzeichen tragen.
Die Schere zwischen arm und reich spreizt sich von ganz allein immer weiter. Niemand hat sie in der Hand.
„Die“ KI wird uns alle vernichten, wenn sie erst einmal superintelligent geworden ist. Niemand hat sie geschaffen. Sie ist von ganz allein entstanden wie einst das Leben auf der Erde. (Nicht dass derlei Szenarien etwas anderes wären als eschatologisch inspirierte Sektensprache, umfunktioniert zu schwarzer PR, um einen lukrativen Hype am Leben zu halten.)
„Die“ KI verleitet Menschen zu lügen und zu betrügen, und natürlich ist „die“ KI schuld an der abnehmenden Lese- und Schreibfähigkeit in Schule und Hochschule, nicht etwa die grotesk miserable Bildungspolitik der letzten Jahre und Jahrzehnte.
„Die“ KI ist die Diebin geschützten Materials, versicherten die Profiteure des Diebstahls öffentlich. Wer wisse schon, womit die Dinger trainierten, ganz von selbst. (Man ist ihnen natürlich auf die Schliche gekommen; die Prozesse sind inzwischen Legion.)
Das Werk ohne Autor.
Noch ein hinterhältiger Trick
Apropos „Künstliche Intelligenz“. Stelle ich einer Abstraktion, in der Regel ausgedrückt durch unzählbare Substantive, ein Adjektiv voran, gewinnt das Substantiv eine neue Qualität. Es tut so, als wären sich alle einig darüber, was es denn bedeute. Im Falle „Intelligenz“ ist das mitnichten der Fall. Bis dato existiert keine übereinstimmende Auffassung darüber, was Intelligenz überhaupt sei. Auch das ist ein ziemlich mieser rhetorischer Trick, den wir nicht erkennen, wenn wir nichts über Sprache wissen. In die Welt gesetzt wurde er von einem gewissen John McCarthy, der eine kleine Konferenz unter dem Titel „Automata Studies“ veranstalten wollte. Das Interesse war mau. Also ersann er etwas anderes: „Artificial Intelligence“. Der Titel verfing sofort, bei den Förderern und im Wissenschaftsbetrieb. Bei irgendetwas Intelligentem möchte doch jeder gern dabei sein, vermutet Karen Hao. Villeicht färbt es ja ab. Seit nun diese irreführende Bezeichnung in der Welt ist, herrscht in Sachen „KI“ genau so viel Unklarheit wie bei der echten Intelligenz und eine geradezu babylonische Sprachverwirrung.
Geschichte in Natur verwandeln
Der Subjektschub ist nicht allein in der Bande der sprachlichen Demi-Betrüger. Gut befreundet ist er mit der Gang der „Plastikwörter“, die der Literaturwissenschaftler Uwe Pörksen in seinem gleichnamigen Buch die „Sprache einer internationalen Diktatur“ nennt. Sie kommen aus der Wissenschaft, entfleuchen ihr in die Sphäre des Managements und kehren von dort zu ihrem Ursprung zurück. Wörter wie Digitalisierung, Information, Fortschritt, Innovation, Technik, Prozess, Zukunft etc. nehmen im Potpourri der kognitiven non-starter selbstverständlich Ehrenplätze ein. KI hat sich in kürzester Zeit den höchsten Platz auf dem Treppchen ergattert. [1]
Mit Subjektschub und Plastikwörtern gemeinsam ist es ein Leichtes, etwas zu vollbringen, was zu den wesentlichen Methoden der Manipulation zum Schaden der Vielen gehört, nämlich Geschichte in Natur zu verwandeln. Bestimmte, von Menschen mit Interessen in die Welt gesetzte Technologien, politische Rahmenbedingungen, gesellschaftliche Ideologien, Krisen, Verwerfungen und menschengemachte Katastrophen stehen plötzlich da als ganz normale Naturereignisse. Niemand hat irgendetwas getan. Niemand ist verantwortlich. Es ist einfach so gekommen. Subjektschub und Plastikwörter stehen bereit, das entsprechende Framing [2] ins Werk zu setzen. Wenn man dann noch vor Abstraktionen berstende Nominalphrasen zur Ausdrucksweise der Wahl macht, kann man einfach alles verbiegen, verzerren und vertuschen. Wer sich in solchen Sphären bewegt, weiß genau, was ich meine.
Menschengemachtem kann man sich entgegensetzen. Aber der Natur?
Es ist nur schwer zu fassen. Aber der sogenannte Ethikrat denkt allen Ernstes darüber nach, ob „die“ Technik der Gesellschaft womöglich ihre „Eigendynamik“ aufdrücke.
Wir haben lange auf der Lauer gelegen, um herauszufinden, wie Technik aller Art, in jüngster Zeit die inzwischen ubiquitären Sprachmodelle sich in Unternehmen und vor allem in Universitäten eingeschlichen haben. Ob sie wohl durch die Schornsteine, die Kanalisation oder einfach frech durch die Tür gekommen sind? Unsere sorgfältige Suche zeitigte keine Ergebnisse. Sie sind nicht einfach so aufgetaucht.
Es sind Menschen, die entscheiden und anordnen, sie einzusetzen und zu benutzen. Es sind Menschen, die damit bestimmte Interessen verfolgen oder unter FOMO-Demenz leiden. Opfer sind Menschen, die gezwungen werden, mit Dingern zu arbeiten, die angeblich intelligenter sind als sie, und die dadurch am Ende wesentlich mehr Arbeit haben als vorher, wie sich inzwischen herausstellt – ganz zu schweigen von denjenigen, die in ungeregelten Abstufungen ihren Verstand verlieren oder in einem Sumpf aus Betrug und Fälschungen versinken. Opfer sind natürlich auch alle diejenigen, die man nassforsch feuert, um sie durch „billige“ Maschinchen zu ersetzen, was außerordentlich oft schief geht. Auch das hat sich inzwischen herumgesprochen.
[1] Uwe Pörksen, Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart 1988
[2] Elisabeth Wehling, Politisches Framing: Wie sich eine Nation ihr Denken einredet und daraus Politik macht, Berlin 2016
Muttersprache Kauderwelsch
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Die geschriebene und die gesprochene Sprache hat man schon seit langer Zeit erheblichen Gefahren ausgesetzt und mit akademischem Kauderwelsch in ihrem Wesen beleidigt und sie ihrer vornehmsten Aufgabe beraubt, nämlich Verständigung zwischen Menschen herbeizuführen. Die Sprache des Managements ist schon seit langer Zeit nur noch eine Lachnummer.
Kauderwelsch ist das Mittel der Wahl, eindeutige Grenzen zu ziehen zwischen „Experten“ und „Laien“. Dies gilt insbesondere für die Wissenschaft, die nach Erreichen vollständiger Unverständlichkeit im Deutschen ins Englische wechselte, wo insbesondere die Variante „Broken“ etwaige Verständlichkeit auch in der Fremdsprache zuverlässig verhindert. Darüber hinaus die Muttersprache des größten Teils der Bevölkerung (gar nicht zu sprechen von Firmenbelegschaften) in die provinzielle Zweitklassigkeit zu verbannen und sie damit ihrer eigenen kulturellen Wurzeln zu entfremden und die sodann der Lächerlichkeit preiszugeben, ist als Methode effizienter Differenzierung unerreicht und ein probates Mittel zu zeigen, wer in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zu führen und wer zu folgen hat. Darüber hinaus gibt es kaum eine bessere Methode als die Vernichtung aller Verständlichkeit, schützende Rauchschirme und geschützte Distinktionsräume herzustellen. Wir für uns, nicht für euch.
Nachdem das anglozentrische Nichtwissen in broken english zum dernier cri erhoben worden war, musste sich niemand mehr die Mühe machen, einen Satz bis zum Ende richtig zu durchdenken, denn in der Fremdsprache werden bei Logikbrüchen, Fehlern und Inkonsistenzen die Konnotationen nicht aktiviert, die das Störgefühl auslösen, das zur Korrektur führen könnte. Wir erinnern uns: Das kreative Denken ist in der Muttersprache verwurzelt.
Den steilen Abfall der Fähigkeit, sich zu artikulieren, strukturiert zu denken, sich zu konzentrieren und einen geraden Satz aufs Papier zu bringen, habe ich über Jahre miterlebt.
Das Problem ist gut bekannt, doch es wird flächendeckend beschwiegen, die Folgen werden vertuscht, inklusive der intellektuellen und sprachlichen kolonialen Implikationen. Sprachliche und kognitive Monokulturen zeitigen Wissensverlust, Verlust an Denkmöglichkeiten und Problemlösekompetenzen, an kultureller Vielfalt und Diskussionsstoff. (s.o.) Was ich nicht sagen kann, kann ich auch nicht denken. Die Unterschiede zwischen den Denkräumen auch in verwandten Sprachen sind übrigens größer als man denkt.
Alles in allem hat man gute Vorarbeit geleistet für die neuesten Geister, die man bereitwillig rief und nun nicht wieder los wird.
Statistik, Bias und andere Lügengeschichten
Blitz / Feuer / Schwefel / Donner / Salpeter / Bley und etliche viel Millionen Tonnen Pulver sind nicht so mächtig / als die wenigste reflexion, die ich mir über die reverberation meines Unglücks mache. Der grosse Chach Sesi von Persen erzittert / wenn ich auff die Erden trete. Der Türckische Kaiser hat mir etlich mahl durch Gesandten eine Offerte von seiner Kron gethan. Der weitberühmte Mogul schätzt seine retrenchemente nicht sicher für mir. Africa hab ich vorlängst meinen Cameraden zur Beute gegeben. Die Printzen in Europa, die etwas mehr courtese halten Freundschafft mit mir / mehr aus Furcht / als wahrer affection. Und der kleine verleckerte Bernhäuter der Rappschnabel / Ce bugre, Ce larron, Ce menteur, Ce fils de Putain, Ce traistre, ce faqvin, ce brutal, Ce bourreau, Ce Cupido, darff sich unterstehen seine Schuch an meinen Lorberkräntzen abzuwischen!
Andreas Gryphius, Horribilicribrifax Teutsch
Eine Lügengeschichte ist gelogen. Eine gute Lügengeschichte ist gut gelogen. Wobei das Verbot, Schuhe an Lorbeerkränzen abzuwischen, durchaus keine Erfindung ist. Das heißt, eine gute Lügengeschichte arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten. Ich gehe auf Reisen und springe mit meinem Pferd durch eine fahrende Kutsche … nein, von vorn.
Es sollten Wahrscheinlichkeiten sein, nicht Münchhausen, der angeblich seine Axt mittels Bohnenranke vom Mond zurückholte, wohin er sie geworfen hatte. Einem Hirschen eine Ladung Kirschkerne auf den Kopf zu schießen, woraufhin dessen Geweih ein Baum entsprießt, ist hingegen sehr wahrscheinlich und ein feines Beispiel für nachhaltige Landwirtschaft. Vollends im Reich der Tatsachen sind wir angekommen, wenn das Stichwort „Kanonenkugel“ fällt. Der lang unterschätzte und böswillig falsch dargestellte Ritt auf der Kanonenkugel gehört zu den Glanzleistungen intelligenter Logistik und ist ein Produkt der Bundesagentur für Sprunginnovationen, die unermüdlich tätig ist und derzeit an einer neuen Trampolinverordnung arbeitet (ausschließlich zum Wohle der Menschheit).
Die Beispiele der produzierten Lügengeschichten der neuesten Generation sind Legion. Natürlich kann die Maschine nur ausspucken, was man hineinsteckt. Die Ursachen für die ungeheuerlichen Verzerrungen liegen im statistischen Fundament, im Stoff selbst. Es ist mehr als verwunderlich, dass das so schwer zu begreifen ist. Man poliert die Oberflächen ohne irgendeinen Effekt und lässt den alten bösen Klischees und dem versammelten Dreck und der Profitgier verwahrloster Gesellschaften freie Bahn in der Maschine. Die ausgebeuteten Ghostworker in den sogenannten „Billiglohnländern“ kommen gar nicht hinterher, das alles auszuputzen.
„Schwarze“ sind krimineller als „Weiße“. Da die Maschinen ziemlich altes Zeug und oftmals längst überwundenes Zeug abgreifen, stammen auch viele Bezeichnungen aus finsteren Zeiten. „Doctor“ ist männlich, „nurse“ ist weiblich. Ostdeutsche sind dümmer als Westdeutsche … Die Beispiele sind Legion. [1]
Die typische Lügengeschichte eines hinterhältigen Zauberlehrlings des KI-Sektors hört sich an wie der Sermon eines Fernsehpredigers, der von Reichtum und Glück für alle und von Erlösung im digitalen Himmelreich predigt, natürlich im alten bösen Universalismus für „die“ Menschheit im Ganzen. Natürlich übersehen die frommen Menschheitsbeglücker in ihrem pathologischen Größenwahn eine Kleinigkeit, die dann auch gleich die nächste Lügengeschichte produziert.
Es gibt da diese riesige Masse an Wirklichkeit, die die Maschine nicht fressen kann, diese Wirklichkeit, die echte konkrete Wirklichkeit, die überall in den tiefen Falten des richtigen Lebens steckt und sich vor den kalten Tentakeln der für immer toten Maschine gut versteckt. Da sind unendlich viele Sprachen, die die Maschine nicht spricht. Da ist das unendlich reiche implizite Wissen von Menschen, das nirgends dokumentiert ist. Das, was überhaupt dokumentiert ist, können die Maschinen in nur wenigen Sprachen fressen (s.o.). Ihre Schöpfer setzen zwar alles daran, der fortgesetzten Sprachvernichtung den digitalen Hut aufzusetzen, aber sie können nicht alles vernichten. Außerdem ist längst der Zustand der Autophagie erreicht. Die Maschinen fressen ihre eigenen Elaborate. Die Verzerrungen durch Auslassungen oder Halluzinationen (von denen war noch gar nicht die Rede) in der statistischen Basis sind gigantisch und wirklich weltverzerrend, ein neues Kapitel krudesten Kolonialismus, eine neue große Lügengeschichte, eine neue gefälschte Welt.
Nun, anders als in der Überschrift angedeutet, wollen wir „Bias“ nicht mehr zum Genre der ehrbaren Lügengeschichten zählen. Die sind im Unterschied zum Bias und zu den Halluzinationen grundehrlich, jedenfalls bei Andreas Gryphius und selbstverständlich bei unserem hochgeschätzten Baron von Münchhausen. Denn im Unterschied zu unseren verehrten Geschichtenerzählern wissen die Maschinen nichts von der Welt und von den Menschen. Vor allem aber wissen sie nicht, dass sie lügen. „Wahrheit“, „Lüge“ und schierer Schrott sind für sie schlicht dasselbe.
[1] Roberto Simanowski, Sprachmaschinen, München 62026
Sprachmodelle verstehen von Sprache so viel wie Flugzeuge vom Fliegen.
Roberto Simanowski
Selber lügen
Die gute Nachricht: Wir können auch ohne Maschinen lügen, ohne rot zu werden. Wir können trügerische Plausibilität erzeugen, wenn wir nur das Handwerk beherrschen. Es geschieht übrigens jeden Tag – seit jeher, ganz ohne Maschine. Wenn die Lügengeschichte dann noch aus einer „seriösen“ Quelle stammt, ist ihr kaum draufzukommen. Es ist gar nicht so schwer, eine schöne Lügengeschichte zu schreiben, sogar eine, die als absolut glaubwürdige formvollendete Nachricht daherkommt.
Hier können Sie es bald lernen: Wie schreibt man eine Lügengeschichte?