Mister Whorf 3
Zeitläufte und universalistische Verirrungen
Raumzeit
Benjamin Lee Whorf, der zu seiner Zeit der Experte für die Sprache der Hopi war, nannte Hopi die „zeitlose“ Sprache. Nicht nur, weil sie kein Wort für das abstrakte Konzept Zeit hatten, logischerweise daher auch kein lineares Weltbild, sondern auch, weil die Sprache der Hopi räumliche und zeitliche Begebenheiten nicht als getrennte Konzepte betrachtet, sondern als gedankliche Einheit, als „Raumzeit“. Die Hopi-Sprache hatte „no words, grammatical forms, construction or expressions that refer directly to what we call ‚time‚“. In Kulturen mit zyklischen Weltbildern, die einst die Mehrheit bildeten, ist das völlig normal. In jeder Hinsicht behandelt die Hopi-Grammatik das, was wir Zeit nennen, als zyklisch und nicht als linear, wie wir es tun. Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche der Grammatik. Jemand kommt nicht in fünf Tagen (von heute), sondern am fünften Tag (eines Zyklus). [1]
Warum also nicht, schlug Whorf vor, Einsteins Relativitätstheorie in der Sprache der Hopi formulieren? Für sie ist Raumzeit als Konzept überhaupt kein Problem.
[1] Marcel Danesi, Linguistic Relativity today. Language, Mind, Society, and the Foundations of Linguistic Anthropology, London 2021
Tatsächlich gibt es so viele Vorstellungen von Zeit, wie es unterschiedliche Kulturen gibt. Wie töricht zu vermuten, allein unser „wissenschaftlicher“ Begriff von linearer Zeit könne Geltung haben. Auch er ist nur eine kulturelle Erfindung, die mehr Schaden angerichtet hat, als wir jemals wieder gut machen können.
Die Kritik
Ekkehart Malotki versuchte auf 600 Seiten, Whorfs These von der „zeitlosen Sprache“ zu widerlegen. Seiner Ansicht nach habe die Hopi-Sprache durchaus Zeitformen des Verbs, die einen linearen Zeitbegriff nahelegten. [1] Aber Whorf hatte nie behauptet, die Hopi-Sprache hätte überhaupt keine Zeitmarker. Es ging ihm vor allem darum zu zeigen, dass sie die Wahrnehmung von Zeit anders strukturiert ist als die SAE-Sprachen. [2] (Es gehört zum Grundbestand der Kritik an Whorf, dass man ihm Dinge vorwarf, die er nie behauptet hat.)
Es gibt reichlich Literatur zur Hopi-Zeit-Kontroverse. Hier soll das komplexe Thema nur kurz angedeutet werden. Es hat sich ohnehin erledigt. Doch bis zur neuerlichen und nunmehr allgemeinen akzeptierten Bestätigung der Sapir-Whorf-Hypothese sollte noch einige Zeit vergehen, und die Whorfianer mussten ein tiefes Tal durchschreiten.
Die Zeit, als die USA mit anderen Mitteln die Politik und Ökonomie der alten Kolonialmächte fortsetzten, ging auch einher mit dem Bedürfnis nach der fortgesetzten Schaffung weiterer welteinschließender Ordnungssysteme, die wie in Kolonialzeiten das Eigene zum Ganzen machen.
[1] Ekkehart Malotki, Hopi Time. A Linguistic Analysis of the Temporal Concepts in the Hopi Language, Berlin 1983
[2] John A. Lucy, Language Diversity and Thought. A Reformulation of the Linguistic Relativity Hypothesis, Cambridge 1992
Universalisten und Weltkolonisation
Für den Sprachbegriff zeigt der Literaturwissenschaftler Uwe Pörksen die Linien dieser Entwicklung:
„Er [der Sprachbegriff] spiegelt und unterstützt die Mathematisierung und Mobilisierung der Umgangssprache. Das beginnt 1906, als de Saussure das Prinzip der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens formuliert – (ein ahistorisches Konzept wie das des Contrat Social) –, es setzt sich fort z.B. mit Charles K. Ogdens Konzept des ‚Basic English‘ von 1934 – (dem Vorschlag einer aus 850 englischen Wörtern bestehenden Plansprache, einer ‚lingua franca‘, deren begrenztes Zeicheninventar durch einfache Mittel der Wortbildung variiert werden soll) –, und es vollendet sich in Chomskys mathematischer Syntax-Theorie von 1957, in der die Fähigkeit, mit einer begrenzten Liste von Zeichen und einem kleinen Satz von Verknüpfungsregeln unendlich viele Sätze zu erzeugen und zu verstehen, zum leitenden Motiv einer Grammatik wird und dieses Motiv mit der Vorstellung verbunden ist, dass alle Sprachen im Grunde nach demselben Muster angelegt sind.
Das Prinzip freier, beliebiger, unbegrenzter Kombination verbindet sich mit dem ahistorischer Universalität. Chomskys Syntax-Theorie ist die am weitesten vorangetriebene Formulierung eines mathematischen Sprachbegriffs, und darin der adäquateste Ausdruck einer Epoche. Ihr Welterfolg fiel vermutlich nicht zufällig mit der bisher radikalsten Phase der Weltkolonisation zusammen.“ [1]
Chomskys Erfindung wurde zum dominanten Paradigma us-amerikanischer Linguistik zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren. Die Behauptung, alle 7000 Sprachen (und alle davor) seien nach demselben Muster angelegt, ist eine steile These. Aber Chomsky gehörte zu den us-amerikanischen Theoretikern, die für die Beruhigung und Selbstvergewisserung der westlichen, insbesondere einer eigenen Welt, Ordnung schufen in der allzu unübersichtlichen Vielfalt der Kulturen (die bald ohnehin so würden wie man selbst) wie auch in den Bedrohungsempfindungen des Kalten Krieges. Darüber hinaus herrschte in westlichen Gesellschaften ein sehr reduzierter Begriff dessen, was Denken sei. Man verstand es als eine Folge logischer Deduktionen, das Gehirn als Rechenmaschine mithin, streng getrennt von allem, was Menschen sonst ausmachte: Körper und Emotionen (die, wie wir sehen werden, mitten im Gehirn wohnen und sich selbst die strengste und logischste Deduktion zum Frühstück vornehmen) – immer auf den Spuren der alten Philosophenkönige mit ihrem Leib-Seele-Dualismus und denen der „Aufklärer“, die eine Lanze für strenge „Rationalität“ brachen, ohne zu wissen, was sie eigentlich wirklich taten, nämlich den Menschen all seiner Möglichkeiten entkleiden und die Welt zu einem düsteren und sterilen Ort machen.
Chomskys universalistischer Ausgriff erinnert ein wenig an die Suche nach der adamitischen Ursprache, die „der Mensch“ angeblich in seinen Anfängen gesprochen haben soll. Aber vielleicht erinnert seine Idee doch eher an eine Geschichte von Jonathan Swift, in der er seinen Dr. Lemuel Gulliver auf Reisen schickt, wo er in der Akademie von Lagado bahnbrechende Geräte zur Satzbildung in der Landessprache besichtigen kann. Einzelne Wörter werden mit Vorrichtungen aus Papier und Holz mechanisch um- und neugeordnet mit dem Ziel, ebendiese Landessprache zu verbessern. Man könnte durchaus geneigt sein, Jonathan Swift prophetische Kräfte zuzuschreiben. Sprache auseinanderzunehmen und mechanisch nach Wahrscheinlichkeiten neu zusammenzusetzen und so eine Art subjektloses Schreiben zu schaffen, gehört zum Barbarentum heutiger Tage.
[1] Plastikwörter oder die Mathematisierung der Umgangssprache, Technische Dokumentation 1990 – 2008 (ZS)
Natürlich hatte Whorf Ogdens Konzept kritisiert:
„But to restrict thinking to the patterns merely of English […] is to lose a power of thought which, once lost, can never be regained. It is the ‚plainest‘ English which contains the greatest number of unconscious assumptions about nature. […] We handle even our plain English with much greater effect if we direct it from the vantage point of a multilingual awareness.“
Chomsky und Pinker im tiefen Wald
Dass Chomsky sich in einigen Punkten aber ausgerechnet auf den polyglotten Wilhelm von Humboldt berief, dürfte der Tegeler Gelehrte als Unsinn abgeschüttelt oder gleich ganz ignoriert haben. Aber wer kann sich schon seine Verehrer aussuchen? Chomsky missverstand Wilhelm von Humboldts „innere Sprachform“, die die „Weltanschauung“ der jeweiligen Sprachgemeinschaft forme und leite, mehr als gründlich, indem er aus ihr ein für alle Sprachen geltendes Strukturprinzip ableitete. (Vielleicht gehörte dies ja auch nur zu einem für manche us-amerikanische Forscher typischen name dropping, um einen entsprechenden Bildungsanstrich zu vorzuzeigen.)
Wilhelm von Humboldt galt und gilt weithin als einer der Gründungsdenker der Formulierung sprachlicher Relativität. Chomsky, der als Universalist die Sapir-Whorf-Hypothese vehement zurückwies, hätte das wissen können.
Neben Chomsky war (ist?) Steven Pinker einer der heftigsten Kritiker der Sapir-Whorf-Hypothese. Dabei verdient er sich Sapirs Verdikt, „amateurish“ zu sein, in besonderem Maße. Er griff Whorf ausgerechnet auf dessen ureigenstem Gebiet an, den uto-aztekischen Sprachen, Sprachen mithin, die Mister Pinker nicht vertraut sind und auch nie waren.
Nach seiner Erfindung, dem Sprachinstinkt „Mentalesisch“, wird noch gesucht, und wie man hört, in immer dunkleren Wäldern und Tälern. Dabei treffen die Sucher gelegentlich auf die tapferen Grammasiten, die nach Chomsky’s Algorithmus suchen. An guten Tagen teilen sie sich Moos und Rinde mit den armen Seelen, die abgezehrt und blass dem reinen Geist auf der Spur sind, der unter den Wassern, zwischen den Bäumen und in den Nebeln schwebt. Dass beim armen Pinker auch immer so viel schief gehen muss. [2]
[2] Language universality idea tested with biology method
„A long-standing idea that human languages share universal features that are dictated by human brain structure has been cast into doubt“, berichtet die BBC.
(Als ob das neu wäre, aber immerhin)
Pinker zeigt sich, nachdem die Suche nach „Mentalesisch“ endgültig abgeblasen werden musste, wie bei an anderen Gelegenheiten auch, äußerst anpassungsfähig und wendig und „begrüßt“ die Studie, die ihm seine Erfindung um die Ohren haut.
Whorf im Kopf
Die Sache mit der sprachlichen Relativität ist noch sehr viel komplizierter, als verängstigte Komplexitätsreduzierer auf der Suche nach der Weltherrschaft sich vorstellen mögen oder können. Lange dachte die mathematisch „inspirierte“ Linguistik, man müsse nur einen linguistischen Code knacken, und schon habe man das Geheimnis aller Sprachen auf dem Reißbrett oder in der Rechenmaschine gelüftet. Doch einen linguistischen Code (angeblich) zu knacken, führt zu gar nichts. Denn damit gewönnen wir noch keinen Sinn, erkennten keine Bedeutung, hätten keinen Kontext, hörten keine Beiklänge, nichts von der vermeintlichen Unordnung, die manch einem die Wirklichkeit so unerträglich unübersichtlich erscheinen lässt.
Wörter sind keine Dinge, mit denen etwas getan wird. Sie tun etwas. Mit Ihnen, die Sie gerade lesen, mit uns allen, und zwar immer. Wörter sind sensorische Reize, die wie alle anderen sensorischen Reize auch bestimmte neuronale Zustände bewirken. Der Kognitionswissenschaftler Arthur Jacobs erklärt, was es damit auf sich hat:
„Die orthographischen, phonologischen oder semantischen Worteigenschaften entstehen so jedes Mal kontextabhängig und dynamisch. Wörter haben also keine feste Bedeutung: Diese wird erst durch die Hinweisreize, die Schrift- und Lautbild bieten, für den jeweiligen Kontext konstruiert. Die Wortbedeutung ergibt sich bei jedem Lesevorgang neu auf der Basis einer dynamischen Koppelung von schriftlichen und lautlichen Assoziationsvorgängen, wobei der Re-konstruktion der lautlichen Aspekte eines Wortes entscheidend für die Konstruktion seiner Bedeutung ist.“ [1]
[1] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011
Assoziationen und Konnotationen und das Limbische System
Die Relativität der Sprache reicht also bis auf die individuelle Ebene innerhalb von Sprachgemeinschaften. Unser Gehirn arbeitet nicht mit Listen, nicht linear, sondern netzwerkartig, massiv parallel, überlappend, hier und da assoziierend und mit zahllosen Bedeutungs- und Sinnclustern, die einander ergänzen und / oder überschneiden.
Entscheidend ist aber, dass die Dinge in jedem Gehirn ein wenig anders geordnet und belegt sind. Andere Erfahrungen und andere Bewertungen von Erlebnissen können zu manchmal erheblichen, bisweilen aber auch nur zu allerfeinsten Unterschieden in den Assoziationen und Konnotationen führen, die ein Wort mit Bedeutung anreichern. Das Assoziationsspektrum ist unerschöpflich und hängt stets vom individuellen Erfahrungs- und Gedächtnisschatz eines Menschen ab. So lässt sich auch erklären, dass Aussagen von Personen zu ein und demselben Ereignis vollkommen unterschiedlich sein können. Es ist keine Frage, ob der eine Zeuge lügt oder kurzsichtig ist und der andere nicht. Unser Gehirn interpretiert das Erlebte vor dem Hintergrund der je eigenen Lebensgeschichte. Dasselbe geschieht mit „eindeutigen“ Aussagen oder „Fakten“. Das Gehirn arbeitet immer selektiv, blendet bestimmte Wahrnehmungsinhalte aus, verstärkt andere, und jedes Wort muss zunächst durch die Färberei.
Gemeint ist ein recht alter Teil des Gehirns, das Limbische System. Hier wird unser Wort auf der Grundlage der vorliegenden Erfahrung erst einmal emotional eingefärbt, damit das Gehirn ihm Bedeutung zuweisen kann. Direkt zuständig ist darin der Mandelkern. Er verknüpft Ereignisse mit Emotionen, um blitzschnell für uns entscheiden zu können: Ist das Wesen vor mir freundlich oder muss ich weglaufen? Im Wechselspiel mit dem Hippokampus, einer zentralen Gedächtnisstruktur, prüft der Mandelkern eingehende Informationen also abhängig von der Bedeutung, die sie für uns haben (freundlich oder weglaufen oder etwas dazwischen?). Auf dieser Grundlage werden die Informationen mit vorhandenen Erinnerungsinhalten abgeglichen und gemeinsam mit der emotionalen Ladung abgespeichert. Erst dann nimmt sich das Großhirn der Sache an. Hundert schnelle Pferde können ein böses Wort nicht zurückholen, sagen die Chinesen. Und es muss nicht einmal ein böses sein.
Es lohnt sich also, genug über Sprache, deren Wirkung und deren Macht zu wissen, um auf der Basis geteilten Weltwissens Aushandlungsprozesse gestalten zu können. Man kann es natürlich auch bleiben lassen und sich manipulieren lassen.
„Die Ausschaltung rhetorischer Lehrinhalte aus der akademischen Ausbildung bedeutete auch einen Verlust an kritischer rhetorischer Rationalität und förderte die Entstehung einer manipulierbaren Öffentlichkeit in der Massengesellschaft“, schreibt Gert Ueding. [1] Und wie wir sehen werden, sind die „klugen Köpfe“, die sich davon verschont wähnen, nicht ausgenommen, im Gegenteil.
[1] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2011
Gruppen- und Geheimsprachen
Wenn aber Sprache lange genug als Instrument der Abschottung oder der bewussten Irreführung missbraucht wird, verringert sich die Menge des geteilten Weltwissens immer weiter, und eine vernünftige Verständigung wird immer schwieriger. Wann also immer Teilsysteme innerhalb einer als gemeinsam gedachten Rahmenkultur aufeinander treffen, sollten wir uns fragen: Sprechen wir eigentlich dieselbe Sprache? Sei es nun im wörtlichen oder im übertragenen Sinne.
Gruppen innerhalb einer Sprachgemeinschaft entwickeln eigene Sprachen oder Soziolekte, die nicht nur Wörter mit anderen Bedeutungen belegen, sondern auch durch Konnotationen und Zwischentöne funktionieren, die für Außenstehende unhörbar sind. Gruppenmitglieder untereinander können sich problemlos miteinander verständigen. Sie entsprechen dem, was Edward Hall im Bezug auf Kulturen „hoch-kontextualisiert“ (high context cultures) nennt. Das heißt, in hoch-kontextualisierten Kulturen steckt die Information nicht nur in den gesprochenen Worten, sondern im ganzen Kontext, auch in den Worten, die nicht gesprochen wurden, im geteilten Wissen der Angehörigen dieser Kultur oder Gruppe und in bestimmten Verhaltensweisen in gegebenen Situationen. Ohne dieses Wissen wird die Verständigung äußerst schwierig und hochgradig anfällig für Missverständnisse. Ein großer Teil der Information wird also implizit vermittelt und beruht auf dem impliziten Wissen der Beteiligten.
Wir alle sprechen bis zu einem gewissen Maß Gruppensprachen, ohne dass es uns bewusst ist. Dabei benutzen wir gesprochene und geschriebene Sprache, in der Regel ohne zu wissen, wie sie funktioniert. Da wir kein Problem haben, unsere Muttersprache zu sprechen (beim Schreiben sieht es oft anders aus; wie wir mit Bestürzung feststellen müssen, betrifft es neuerdings auch die gesprochene Sprache), und wissen, was wir meinen, kommen wir nicht ohne Weiteres auf die Idee, jemand anders könnte etwas anderes meinen – wenn er oder sie doch dieselbe Sprache spricht.
Kauderwelsch als Herrschaftsgeste
Klassische Anlässe von Missverständnissen ergeben sich häufig beim Eintritt von Hochschulabsolventen ins Berufsleben oder wenn Unternehmensberater in einen Betrieb einfallen. Die Sprache, in die ein junger Mensch im Wissenschaftsbetrieb hineinsozialisiert wird, ist wenig tauglich, um sich in einem beruflichen Kontext außerhalb der academia lebensdienlich artikulieren zu können. Die Sprache der Unternehmensberater (und vieler Manager) ist inzwischen zur Lachnummer geworden, wird aber nichtsdestotrotz als initiierende Gruppensprache (ebenso wie die Wissenschaftssprache) praktiziert. Initianden sind aufgefordert, über jeden noch so finsteren Abgrund aus Nonsens, Kauderwelsch und kognitiven Non-Startern (s.a. „Plastikwörter“) zu springen.
In beiden Fällen geschieht etwas Ähnliches: In hoch-kontextualisierter Sprache offerieren unerfahrene Jungakademiker und / oder Unternehmensberater ungefragt ihr sicher immenses Wissen sozusagen kontextfrei. Selten wird gefragt, was ihr Gegenüber möglicherweise selbst weiß. Im harmlosen Fall mag das Schusseligkeit, im schlimmeren Fall mag es angstgeleitete Arroganz sein. In vielen Fällen ist dieses Verhalten aber eine absichtsvoll disruptive Herrschaftsgeste, die besagen soll: Wenn Du unsere Sprache nicht verstehst, bist Du nicht auf dem neuesten Stand der globalisierten Weltoberklasse und wirst auch nie dazugehören. Wenn sich das Ganze dann auch noch in der Variante broken english abspielt, sind (auch ungewollte) Missverständnisse vorprogrammiert.
Kognitive Linguistik und die Neo-Whorfianer
Wir haben es bei dieser Art Gebrauch von Gruppensprachen mit einem Umstand zu tun, der dem kolonialen Habitus gegenüber „primitiven Sprachen“ ganz und gar das Wasser reichen kann.
Benjamin Lee Whorf brach eine Lanze für die Sprachen, die vom Großteil des akademischen Establishments (von der allgemeinen Auffassung dazu ganz abgesehen), berstend vor Arroganz und Kenntnislosigkeit, verachtet wurden. Allein dafür, dem Dünkel und dem Rassismus, vor allem eben auch dem akademischen, etwas entgegenzusetzen, müsse Whorf nicht nur als Pionier der Linguistik angesehen werden, fand George Lakoff. Auch als Mensch sei er in seiner Zeit ein Pionier gewesen.
Auch George Lakoff selbst gilt als Pionier, nicht nur der kognitiven Linguistik, sondern auch als derjenige, der maßgeblich dazu beitrug, der Sapir-Whorf-Hypothese wieder zur Geltung verholfen zu haben und gegen den mathematisch orientierten Zweig seines Faches zu verteidigen. Nachdem die unversalistisch-kolonialen und mathematisch-reduktionistischen Irrungen und Wirrungen auf die Plätze verwiesen waren, konnte sich die seriöse Forschung zum Thema Sprache wieder durchsetzen. Die Linguistik schüttelte sich den Staub aus den Federn und wandte sich erneut denjenigen Forschungsgegenständen zu, die in der Zeit der großen Komplexitätsreduktionen seit den 60er-Jahren, in der Zeit des Kalten Krieges und während des ersten Aufkommens neoliberaler Gesellschaftskonzepte ins Hintertreffen geraten waren. Die so geläuterte Wissenschaft von der Sprache stieß in großem Umfang neue Forschung zur Sapir-Whorf-Hypothese an.
„Rethinking Linguistic Relativity“, herausgegeben von John J. Gumperz und Stephen C. Levinson [1], gehört zu den Werken, die die neue Periode der Studien zur „Neo-Whorfian“ Theorie einläuteten, ebenso wie George Lakoffs „Women, Fire, and Dangerous Things“ [2], in dem der Autor zeigt, wie groß die Unterschiede zwischen dem Sprachdenken verschiedener Kulturen sein können, vor allem in der Art und Weise, wie wir unsere Umgebung kategorisieren („we dissect nature …“). Unterschiede in den grammatischen und lexikalischen Kategorien führen zu Unterschieden in der Wahrnehmung, im Denken, beim Gedächtnis und vor allem darin, wie man die Welt anschaut.
[1] John J. Gumperz and Stephen C. Levinson (eds.). Rethinking Linguistic Relativity, Cambridge 1996
[2] George Lakoff, Women, Fire, and Dangerous Things, Chicago 1987
Fundament und feinste Spitze
An dieser Stelle haben wir noch nicht einmal über ein sprachliches Gebilde geredet, das starkes Fundament und feinste Spitze zugleich ist, die Metapher. Ohne Metaphern sind wir nicht fähig, abstrakte Konzepte zu formulieren und sie mit der Wirklichkeit zu verbinden. „Metaphors wie live by“, nannten George Lakoff und Mark Johnson ihr berühmtes Buch zum Thema. Wir alle werden im Laufe unseres Lebens mehr als 20 Millionen Metaphern gebildet haben. Das Lebenselixier der Sprache ist allgegenwärtig, nach wie vor ein wenig rätselhaft und in ihrer wahren Fülle ganz und gar maschinenresistent, und zwar bei der Formulierung von Text wie auch bei der Übersetzung von einer Sprache in eine andere. Menschen sind in der Lage, Metaphern spontan zu bilden und zu verstehen, und das ganz ohne Regeln. Glücklicherweise. Es gibt nämlich keine. Die Basis für das Einrasten der Metapher ins Verstehen ist die Muttersprache, die schnell, unbewusst und unkontrollierbar ins Geschehen gerufen wird.