Schreiben
Das geschriebene Wort seine Launen
Schreiben und Sprechen2
Besuch bei den Wundern menschlicher Schöpferkraft – Das geschriebene Wort und seine Launen (2) – Handwerk (3) – Das Wort im Kopf und auf dem Weg ins Sprechen (4) – Sprechen (5)
Es gibt neuerdings eine Menge Leute, die Schreiben und damit Denken an die räuberischen Sprachmaschinen auslagern. Natürlich gehören sie zu denjenigen, denen ohnehin nie am Schreiben und am Denken lag. Für das Glück und für die Freiheit sind sie schon lange verloren. Wer darauf verzichten will, bitteschön. Sie kümmern uns nicht mehr.
Die Gesellschaft der schreibenden Insider ist dabei, sich zu formieren, darin diejenigen, die aus tiefer Erfahrung und mit profunder Kompetenz wissen, was Schreiben bedeutet, wie Sprache funktioniert, im Guten und im Bösen, die wissen, was Geschichten sind und Gedichte, was Bücher sind und wie man sie macht, was Manipulation ist und wie man sich vor ihr schützt. Zur Neugründung werden wir in Kürze das Manifest der schreibenden Insider herausgeben. Wie wir soeben erfahren, werden wohl auch die sprechenden Insider dazukommen, was uns sehr freut.
Im Prolog dieses Buches ist die Geschichte des Schreibens und des Lesens ausführlich behandelt. Nicht nötig, sie hier allzu ausführlich zu wiederholen. Aber schauen Sie hier doch ruhig noch einmal herein.
Konkret
Die geschriebene Sprache ist wie die Sprache an sich ein Geschöpf der Kultur, der sie entstammt. Und wie die Sprache an sich ist sie zugleich deren Schöpferin. Das Denken können wir Sprachdenken nennen, denn Sprache und Denken lassen sich eben so wenig voneinander trennen wie Sprache und Kultur.
Sprache ist konkret, und so ist es das Schreiben. Selbst die „Abstraktion“ entstammt einer räumlichen Bewegung (abstrahere, lat. wegziehen). Konkret sind auch das DiskussionsNIVEAU oder die GesprächsEBENE; FLIESStext möchte sich von BildUNTERschriften unterscheiden. Wir könnten nichts aufFASSEN oder beGREIFEN, selbst der Text an sich ist konkret. Textum (lat.) heißt Gewebe. Hält man einen Moment inne, kommen die Beispiele in rauen Mengen dahergelaufen.
Das ist das eine. Das andere ist ein 10 Millionen Jahre altes Reptiliengehirn, das uns sagt, wie Sprache im wahrsten Sinne des Wortes tickt. In diesem Reptiliengehirn liegt die Rhythmusmaschine, die es uns ermöglicht, zu gehen, zu atmen, die es dem Herzen ermöglicht zu schlagen, und die auch unserem Sprechen und Schreiben den Rhythmus gibt, ohne dass wir es überhaupt bemerken. Ignorieren wir die Vorgaben diese alten menschlichen Erbes, wird unsere Sprache unverständlich, unser Schriftgut wird unleserlich.
Und da ist noch etwas. Sprache ist nicht etwas ist, was einem zuvor Gedachten einfach übergestülpt wird, und Schreiben ist alles andere als „nur“ Rhetorik oder „Kosmetik“. Das Märchen „Erst-denken-dann-schreiben“ ist besonders häufig da anzutreffen, wo bestehende Sprachdefizite durch fehlendes Handwerk noch verstärkt werden. Aber nun sind da ja endlich die Blödmaschinen.
„Delegiert der Mensch das Schreiben an die Sprachmaschine, verfehlt er sich selbst.“
Roberto Simanowski
Schreiben ist Handwerk, ist Glück, ist Klugheit. Es ist nicht nur das Aneinanderreihen von Wörtern. Die Sprache einer jeden der unzählugen unterschiedlichen Kulturen verleiht dem Kontinuum der Natur, ihrem kaleidoskopischen Fluss [1] durch die Bildung von Kategorien und Unterteilungen Sinn, eine jede auf ihre eigene Art. Ganz ähnlich schreiben wir Sätze als kleinste Einheit, die aus dem Kontinuum der Sprache Sinn schöpfen. [2] Im Satz geht es um Muster, um Symmetrie, um Balance, um Eleganz und immer auch um die Fähigkeit, scheinbar Verschiedenes miteinander zu verbinden. Sollte uns das nicht möglich sein, steht zu befürchten, dass es auch an anderer Stelle nicht rund läuft. Es weist auch darauf hin, dass wir unsere eigenen Gedanken nicht verstanden und das Was oder das Wie nicht durchdrungen haben. Vielleicht haben wir sie auch gar nicht richtig gedacht. Wer am Ende des Satzes den Anfang nicht erinnert, hat keinen Satz geschrieben. Fehlendes Handwerk ist auch hier eine der Hauptursachen. Dazu kommen Wortschatzmängel und allgemeine Sprachdefizite.
Wie sollte man da nicht begeistert sein, das Schreiben und damit das Denken an die Borg auslagern zu können und sich schnellstens assimilieren zu lassen? Die besinnungslose Maschine, geschaffen mittels räuberischer Assimiliation, produziert Texte mit Glattputz-Makeup voller trügerischer Plausibilität, die bei den Neoborg die Kosmetiktheorie der Sprache und den Glauben an die eigene Genialität nur noch vertieft, bis es zu spät ist. Resistance is futile.
[1] Benjamin Lee Whorf, Language, Thought and Reality, London 1956)
[2] Joe Moran, First You Write a Sentence, London 2018
Das Wort im Kopf. Die unterschätzte Macht der Sprache
Vor einiger Zeit schrieb ich einmal ein Buch darüber, was die Wörter im Kopf wohl so treiben. Natürlich ist alles ein bisschen anders, als die meisten Leute denken. Das macht die Sache so wunderbar.
Weiter unten im Text gibt es mehr zu diesem Buch. Auf der Wortwandel-Hauptseite findet man einiges auf der Werkstattseite, und man kann es sogar kaufen, hier oder hier.
Rhythmus und Unordnung
Echter Lebensrhythmus ist nicht kopierbar und durch nichts zu ersetzen. Er ist auch niemals vollkommen regelmäßig. Ein Herz, das ohne die stete kleine Abweichung in jedem Minutenzyklus schlägt, ist kurz davor zu sterben. Der kleine Stolperer ist der ständige Weckruf, die lebensnotwendige Arbeit zu tun. Der kleine Stolperer erhält uns am Leben.
Echte Lesbarkeit eines Textes entsteht durch echte menschliche Unordnung. Sie allein macht das Geschriebene glaubhaft und vertrauenswürdig. Sie allein ist imstande, glaubhafte Welten von Gedanken und Gefühlen aus nichts zu schaffen. Dieses kleine bisschen Kreativität macht den ganzen Unterschied. [1]
Es ist der echte menschliche Rhythmus, der die Bedeutung des Textes trägt. Es ist der Rhythmus, der uns während der Rede fängt, noch bevor der Inhalt ganz zu uns durchgedrungen ist. Manche Profischreiber setzen Betonungszeichen in einen Satz und lesen ihn laut, um herauszufinden, ob der Rhythmus stimmt. Manche Profischreiber tun das auch. Das eine oder andere scheinbar überflüssige Wort, das von Effizienzaposteln, neurotischen Puristen oder den Produzenten ungebetener Küsse gestrichen würde, nimmt einen wichtigen Platz im Gefüge ein. Ohne die Kleinigkeit wird der Satz schief, der Rhythmus geht verloren, er klingt nicht, er macht verdrießlich, ohne dass man weiß, warum. Seinen Inhalt kann man sich nicht merken.
Sich beim Schreiben Zeit zu lassen, ist niemals Zeitverschwendung. Es ist eine Frage des Respekts und einfacher Höflichkeit. Die Leser mit Kauderwelsch zu behelligen, heißt, unbezahlte Arbeit von ihnen zu verlangen. Und wer sich nicht einmal mehr die Mühe macht, selbst zu schreiben, wenn der Beruf es erfordert, landet unweigerlich im Reich der Dummheit und der schlechten Manieren und hat keine Leser verdient.
[1] Joe Moran, First You Write a Sentence, London 2018
The sentence is just such a gift. It takes something from the tribe—words, syntax, musical rhythm, templates of good sentences to emulate and surpass. It makes something of these materials, gives it back to the tribe, and the tribe gives it on to others. Like all true gifts, the sentence is the one that keeps on giving.
Joe Moran
Wem die Macht über die Sprache fehlt ...
Schreiben ist keine Eliteveranstaltung, wie viele Leute immer noch glauben, weil gewisse Angehörige einer selbsternannten kulturellen Elite es so wollen. Es entstand nicht in den Studierstuben, sondern auf der Straße. Es ist eine lebensdienliche Kulturtechnik und ein Handwerk für alle und jeden. Aber die „klugen Köpfe“ haben die Straßen leergefegt, haben mit Talentmythen und Geniekult den Handwerkscharakter des Schreibens verschleiert und gleichzeitig damit ihre eigenen Sprach- und Schreibdefizite vertuscht, seit das rhetorische Handwerk aus den Hochschulen verbannt wurde [1] und die Abstraktionen der Naturwissenschaften der Natur das Leben austrieb. [2] Schreiben ist eine Kulturtechnik, die uns allen gehört. In einer Schriftkultur wie der unseren ist sie die Basis für gesellschaftliche Teilhabe, für die Artikulation der eigenen Interessen und für die Teilnahme an Aushandlungsprozessen darüber, wie wie leben und unser Gemeinwesen gestalten wollen. Zu wissen, wie Schreiben und Sprache funktionieren, ist die Basis dafür, sich nicht manipulieren zu lassen und im Medienchaos heutiger Tage durchschauen zu können, wer wem was sagen will.
Wir wissen schon lange um die skandalösen Sprach- und Schreibdefizite junger Menschen. Die deutsche Germanistik begegnet den handwerklichen Aspekten des Schreibens seit jeher mit arrogantem Naserümpfen oder gleich mit völliger Ignoranz, was Auswirkungen auf die Lehrerausbildung und letztlich auf die Schreibausbildung in der Schule hat. Hanebüchene Experimente, abenteuerliche Theorien und die Psychologisierung des Schreibhandwerks fuhren die Reste an handwerklicher Kompetenz an die Wand. Wenn smartphonesozialisierte Jugendliche Überanstrengung schon angesichts leichter Aufgaben signalisieren, werden für einen geschönten Notenschnitt die Standards gesenkt, nach mehr Digitalisierueng gerufen, anstatt lebensdienliche Hilfestellung zu leisten.
32 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind auch so schon nicht mehr in der Lage, einen mittellangen Satz sinnentnehmend zu lesen, in China sind es sieben Prozent. Ein Viertel der 15-Jährigen kann überhaupt nicht mehr richtig lesen und schreiben.
Und als hätte man noch nicht genug Schaden angerichtet, ignoriert die Kultusministerkonferenz sämtliches Wissen zu den negativen Folgen des „KI“-Einsatzes in Schulen, das auch schon 2024 in Mengen vorlag, und empfiehlt allen Ernstes den Einsatz der digitalen Verblödungs-Brandbeschleuniger ab Klasse 8.
Es wird schlimmer, und nichts geschieht. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Man kennt die Dinge nur durch die Worte; wem die Macht über die Sprache fehlt, der wird notwendigerweise kurzsichtig, verblendet und närrisch in seinem Urteil über die Dinge sein.
Erasmus von Rotterdam – Die rechte imitation, Bd. ii, S. 51“ 102
[1] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2009
[2] Michael Halliday, On the Language of Physical Science, in: Mohsen Ghadessy (ed.) Registers of Written English: Situational Factors and Linguistic Features, London 1988
Sprachdenken
Wirkungsvolles Schreiben ist selbstverständlich weder Kosmetik noch „nur“ von was auch immer. Während wir schreiben, geben wir unserem Wissen eine Form, die es vorher nicht hatte. Beim Schreiben müssen wir das zu Sagende gedanklich verarbeiten. Wir müssen es verstehen und beim Schreiben quasi in umgekehrter Richtung bearbeiten und unter Umständen ganz neu ordnen. (Nun wird auch noch einmal deutlich, was es mit den unleserlichen Sätzen auf sich hat.)
Unser Wissen liegt nicht irgendwo in festen Einheiten herum, die in einer Art Legosystem abgerufen und zusammengesteckt werden können. Ebenso wenig warten Wörter unbeweglich in einem Lexikon auf ihren Einsatz. Wörter sind nicht etwas, womit etwas geschieht. Sie sind diejenigen, die etwas tun. [1]
Wir wissen schon sehr lang, dass Schreiben klug macht und das Gedächtnis in Form hält. Umso erstaunlicher die Schreckensbekundungen, dass das „mentale offloading“ an die Maschinen die Leute ganz offenkundig verblöden lässt. Hätte man nur einmal den Kosmetikbeutel in der Drogerie gelassen und sich mit respektvoll mit der Sprache und dem Schreiben befasst. Dann wäre man auch ziemlich schnell darauf gekommen, dass das „Denken“ ohne Sprache, ein Lieblingssteckenpferd vieler kluger Köpfe, dasjenige ist, das wir mit unseren tierischen Verwandten gemeinsam haben. [2] Das „höhere“ Denken einmal ohne Sprache auszuprobieren, wäre einmal eine interessante intellektuelle Herausforderung, die die Aufgabe hätte, den logischen Unsinn des „Erst-denken-dann schreibens“ zu beseitigen. Übrigens funktioniert auch die Mathematik nicht ohne Sprache, [3] und inzwischen hat man hier und da verstanden, dass auch die schlechten Leistungen in den sogenannten MINT-Fächern zu einem großen Teil mit Sprachdefiziten zu tun haben
[1] Susanne Weiss, Das Wort im Kopf. Die unterschätzte Macht der Sprache. Berlin 2019
[2] Dietrich Dörner, Sprache und Denken, Halle/Saale (Leopoldina) 1976
[3] Jennifer Paetsch, Der Zusammenhang zwischen sprachlichen und mathematischen Kompetenzen bei Kindern deutscher und bei Kindern nicht-deutscher Familiensprache, Dissertation Freie Universität Berlin 2016
Keine Bücher, keine Gedichte ...
Überlegen wir einmal kurz, was ohne das Schreiben alles nicht existieren würde. Keine Bücher, auch die nicht, mit denen wir schreiben lernen. Keine Krimis, keine lebensdienlichen Sachbücher, keine Erbauung mittels sprachlicher Schönheit, keine Kinderbücher voller Geschichten, die wir vorgelesen bekamen und die wir selbst vorlesen. Keine Bücher für Trost und Widerstand, keine Bücher, die das Zeug haben, die Welt zu verändern, keine …
Natürlich auch keine Behördenbriefe, keine wissenschaftlichen Kauderwelschbücher, keine jargonstrotzenden Managerbücher …
Es gäbe keine Drehbücher, keine Filme, keine Schauspielerinnen, keine Kameraleute, keine Filmkantine, keine Kosmetik!, keine Requisite, keine Kinos, keine Glotze …
Es gäbe keine Dramen und keine Komödien, keine Theater, keine Schauspieler, keine Theatererbauer, keine Bühnenarbeiter, keine Theaterkritiker, keine Theaterkantine, keine …
Es gäbe keine Zeitungen, keine Programmhinweise, keine Nachrichten (außer denen, die in unmittelbarer Nachbarschaft weitergetragen werden), egal in welchem Medium. Nein, auch nicht mit dem Telefon, denn die Ingenieure, die so etwas bauen, hätten keine Lehrbücher und keine Schaltpläne, und eine Bedienungsanleitung hätte es auch nicht gegeben.
Es gäbe keine Karten, weil die ohne Beschriftung und Legende nur wenig Sinn machen. Es gäbe keine Geldscheine und keine Münzen mit verbindlichem Wert …
Es gäbe nichts von dem, wo das Schreiben am meisten nicht verstanden und gering geschätzt und sogar verachtet wird. Keine Universitäten, keine Gelehrten, keine …
Es gäbe keine Geschichten, die Raum und Zeit überdauern …