Handwerk
(Schreiben und Sprechen3)
Besuch bei den Wundern menschlicher Schöpferkraft – Das geschriebene Wort und seine Launen (2) – Handwerk (3) – Das Wort im Kopf und auf dem Weg ins Sprechen (4) – Sprechen (5)
Dies ist kein Schreibratgeber. Die gibt es zu Myriaden und in allen Ausfertigungen. Ich empfehle alle Bücher von Hanns-Josef Ortheil, die Wörterbücher zu Stil, Herkunft und Grammatik aus dem Duden-Verlag und ein gutes Lehrbuch zu klassischen (!) journalistischen Textsorten oder dazu auch die Webseite https://journalistikon.de/ als Grundlagen für das Handwerk alter Schule. Seien Sie skeptisch, wenn im Titel etwas wie „Storytelling“ vorkommt. Schreibratgeber für den Wissenschaftsbetrieb und / oder die sogenannte Wissenschaftskommunikation sind ebenfalls nicht zu empfehlen, wenn Sie sich keine Haltungsschäden zuziehen wollen.
Aber gut, ein paar Hinweise wird es schon geben.
Schreiben ist Handwerk. Talentmythen, üble Nachrede und eine bornierte Wissenschaft taten ihr Möglichstes, diese Tatsache nicht weithin bekannt werden zu lassen und so gut sie konnten zu verschleiern. Aber das hatten wir schon. Übers Sprechen müssen die meisten von uns nicht viel lernen, es sei denn, sie wollen Schauspielerin oder Nachrichtensprecher werden. Wenn wir als Kinder im Kreise unserer Leute sprechen lernen, kommen Wortschatz und Grammatik automatisch mit. Sprechen und denken lernen ist ein sozialer Vorgang, eingebettet in die Sprachgemeinschaft des Kindes mit allem, was dazu gehört. Es verhält sich wie mit dem Lesen. Haben wir einmal lesen gelernt, können wir nicht mehr nicht lesen, wenn wir Schriftzeichen eines uns vertrauten Systems sehen. [1]
So kommt es auch, dass das „höhere“ Denken in der Muttersprache verwurzelt ist.
Beim Sprechen ist der Kommunikationskanal um einiges breiter als beim Schreiben. Wir können Grimassen schneiden, eine Nase ziehen, mit den Armen fuchteln, flüstern, schreien, quaken. Beim Schreiben sieht das ganz anders aus. Da müssen wir all das und natürlich noch viel mehr (wenn wir es denn wollen oder vielleicht sogar müssen) nur mit Worten so ausdrücken, dass das Lesepublikum sieht und hört, die Stirn kraus zieht, lacht oder die Nase rümpft, wenn im Text die Milch überkocht. Das alles geht, ist grundständiges Handwerk und macht einen Heidenspaß. Leider lernen wir alle diese wunderbaren Dinge nicht in der Schule. Wir lernen nicht, die Allmende, die uns doch allen gehört und immer zur Verfügung steht, angemessen und lebensdienlich zu nutzen. Stattdessen reihen wir Buchstaben aneinander und lernen Grammatik, was eigentlich überflüssig ist, wenn wir keine Grammatikfreaks oder Grammatikprofessoren werden wollen. Es ist eine Pädagogik, die erstens zu einer Art Folter werden kann und zweitens vielen von uns für immer die Lust an am Schreiben, an Büchern und an der Erkundung der Sprache und ihrer ungeheueren Macht nimmt, was mitunter auf geradem Wege in die Labyrinthe der Manipulation führen kann. Nicht einmal beim Schreiben von Aufsätzen nähern wir uns der Schönheit des Handwerks, das wir im richtigen Leben alle so gut gebrauchen könnten. Die Labyrinthe der Manipulation würden sich in Luft auflösen. Die Folge wäre die wahre Demokratisierung des Schreibens und der Sprachkompetenz. Die bornierte Germanistik mitsamt Schulpädagogik hatten wir schon, wie auch die dramatischen Entwicklungen in den Schulen insgesamt, die sich bis in die Hochschulen fortsetzen (wie ich selbst erlebt habe) und von dort, kombiniert mit unheilvollen „Methoden“ in die Schule zurückkehren. Ein Teufelskreis.
[1] Lew Wygotski, Denken und Sprechen. (1934/2002) Weinheim und Basel. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Joachim Lompscher und Georg Rückriem
Shortcuts und Stilkiller
Schreiben kann anstrengend sein, wenn man die berühmten zehntausend Stunden nicht schon einige Male hinter sich hat. Wie jedes Handwerk will es gelernt sein und geübt werden. Aus Fehlern lernt es sich wunderbar. Das, erklären uns die schreibenden Insider. Ist es anfangs holprig und schwierig, zeigt das Gehirn Interesse und erhöht die Leistung. Es ist umso motivierter weiterzumachen. Joe Moran empfiehlt zudem die stoische Ruhe, wie man sie auch beim Gärtnern braucht, wenn es wieder einmal nicht klappt.
Nach einer Weile haben Wörter und Sätze ein Einsehen. Der Text beginnt zu funktionieren. Die Wörter passen zusammen, der Rhythmus stimmt, und mit einem Mal wird alles glasklar. Was für den Anfang immer hilft, ist so lange Grundlagenrhythmus einzuüben, bis er automatisch mitkommt, bis seine An- und Abwesenheit sich unmittelbar offenbar und bis man unterscheiden kann, ob das gut oder schlecht ist. Subjekt, Prädikat, Objekt. Mann beißt Hund, Mann beißt Hund, Mann …
Es kommt der Moment, in dem man erkennt, dass man mit Hilfe des Handwerks die Sache verstanden hat, über die man schreibt. Wer auf dieses unbeschreibliche Gefühl verzichten will, dem ist nicht zu helfen. Auch wer auf maschinelle Shortcuts setzt, ist verloren. Sie produzieren Kurzschlüsse im Gehirn, und die trügerische Plausibilität gaukelt Intention vor, wo nichts als sterile Statistik ist.
Wie schreiben? Auf diese Frage gibt es eine alles entscheidende Antwort: Leserlich. Alles andere ist unhöflich, arrogant und wie ungewaschen auf die Straße zu gehen. „Jeder anständige Autor muss auf jeder nur denkbaren Stufe sein Publikum respektieren und darf ihm darum nur das subjektiv Beste vom Besten bieten“, gab Kurt Tucholsky uns mit. Es dem Lesepublikum zu überlassen, sich mit Kauderwelsch herumzuschlagen, es die ganze Arbeit tun zu lassen und es dann auch noch zu beschimpfen, es sei zu dumm, die eigenen brillanten Gedanken zu verstehen, ist ein ziemlich billiger Kolonialhabitus und gehört außerdem ins Repertoire besonders schlechter Manieren.
Die Länge des Satzes, wie oft behauptet, spielt übrigens keine Rolle. Ein guter langer Satz ist genau so leserlich wie ein kürzerer Satz. Unleserlich werden lange Sätze, wenn sie mit Funktionswortgefügen, Plastikwörtern, Abstraktionen und sonstigen Nebelwerfern in Schachteln und Bandwürmer geformt werden, die nichts mehr mit lebensdienlichem Sprachgebrauch zu tun haben. Und wenn die Plastikwörter, die Abstraktionen und die nichtssagenden Substantive abgenutzt sind, motzt man sie mit Adjektiven auf in dem Versuch, eine heruntergekommene Schaufensterpuppe mit Kettchen und Talmi aufzumotzen. Wir wissen alle, wo wir Monster dieser Art am ehesten antreffen. Diese Sätze sind nicht nur unleserlich, sie strotzen häufig auch vor falscher Grammatik, schräger Wortwahl und allen möglichen anderen Inkompetenzen. Die Hauptsachen stehen in nachgeordneten Nebennebensätzen, sachliche Nebensächlichkeiten werden grammatisch zu Hauptsachen, das ganze Gefüge macht keinen erkennbaren Sinn, weil auch offenbar die Schreiber den Anfang des Satzes schon vergessen haben, bevor sie zum Schluss kamen.
Ein berüchtigter Stilkiller, der als Kollateralschaden alles Verstehen hinmetzelt, ist die lange Nominalphrase. Das ganze Forschungsergebnis, die ganze Geschichte (aber natürlich eher das Forschungsergebnis) soll in einen Satz gequetscht werden. Lange Nominalphrasen können unendlich lang sein, und bald ist völlig unklar, welches Umstandswort sich worauf bezieht und was es verändert.
Die Erläuterungen zur Wirkweise von Einstellungen und Überzeugungen der Führungskräfte haben gezeigt, dass ihr Einfluss nicht immer ganz geradlinig verläuft, dass der Einfluss über verschiedene andere Größen, wie beispielsweise eine Veränderung des Leistungsmaßstabs für gewisse Mitarbeitergruppen und die daraus resultierende Bewertung von Mitarbeitern vermittelt wird und häufig wiederum von Einstellungen oder Charakteristika der Mitarbeiter abhängig ist.
Übertriebener Nominalstil entzieht der lebendigen Sprache alle Lebensenergie. Der Himmel ist blau, kleine Wölkchen ziehen vorbei. Sie türmen sich wie aus der Sahnetülle gespritzt. Der Duft der Hundsrosen betört alle, die ihnen auf dem Weg zum Meer begegnen. Ganz leicht steigt der sandige Holzplankenweg an. Gleich ist der Scheitelpunkt erreicht. Auf einem Pfosten des Geländers sitzt eine Möwe und lacht ganz keck. Gleich können wir das tiefblaue Sommermeer sehen, unser Ziel …
Plötzlich wird es dunkler. Die Farben unterliegen einer Verblassung und werden schließlich zum Verschwinden gebracht. Grau. Alles grau. Die ausführliche Erwägung der Betrachtung der Umstände durch die Betroffenen verhindert die weitere Durchführung der Beobachtung.
Nebel zieht auf. Wir haben Navigationsprobleme. Und da stehen sie plötzlich, die Verbenkiller. Feist wie übermächtige Bürokraten aus längst vergangenen Zeiten mit hoch gerecktem Kinn, Kneifer, Vatermörder und Cut. Ihr natürliches Habitat ist die Bürokratie, aber auch die Juristerei und vor allem die Geschwätzwissenschaften. Ihre Ziele sind Verlängerung, Verschleierung, Vertuschung, Verunmöglichung und manchmal sogar Verunglimpfung.
Die lange Nominalphrase hat eine Geschichte. Der Linguist Michael Halliday hat herausgefunden, dass sich die Nominalisierung der Sprache im 17. Jahrhundert mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften entwickelte. [1] Ihre Adepten brauchten eine Möglichkeit, einzelne Ereignisse und Momentaufnahmen einer komplexen Wirklichkeit in allgemeine abstrakte Gesetze zu fassen, ohne wie bisher in ganzen Sätzen sprechen zu müssen. Die Nominalisierung impliziert natürlich, dass ein Prozess lange genug stillgehalten hat, dass wir ihn benamsen können. Ein lebendiges Ereignis wird eine Momentaufnahme. Die Welt bleibt stehen.
Sie besteht nur noch aus lauter abstrakten Substantiven. Die Erde hört auf, sich zu drehen, die Natur wird bewegungslos, ihr kaleidoskopischer Fluss (Whorf) versiegt, das rhythmische Lied verklingt. Man hört nicht, was geschrieben steht. Man sieht es auch nicht. Der Apfel fällt nicht mehr. Da ist kein Apfel, kein roter, kein grüner, kein Baum, keine Blätter, kein Boden, kein Gras, keine Blumen. Da ist nur noch Gravitation. [2] Es gibt nur noch zählbare, messbare, klassifizierbare, berechenbare Einheiten, die für die gestrenge wissenschaftliche Inspektion auseinandergenommen und in immer kleinere Bruchstücke zerteilt werden, bis niemand mehr weiß, wozu sie einmal gehörten, oder was sie einmal waren im Gefüge des Ganzen.
Ich erinnere mich an eine Bemerkung Ludwig Wittgensteins angesichts der bahnbrechenden Erfolge (wie man es allgemein sah) der Physik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. „Sie streifen nicht einmal ungefähr das, worum es geht“, sagte er.
Von den Naturwissenschaften aus verbreiteten sich diese Substantive in fast alle anderen Wissenschaftssprachen, wo sie besonders in den Disziplinen, die sich mit menschlichen Dingen aller Art befassen sollen, einen geradezu absurden Schaden anrichteten und Myriaden unsinniger Befunde hervorbrachten. Aber die tückische Plastizität abstrakter Wörter und Sätze, zumal in unverständlichen Nominalphrasen, ermöglicht jede Art des Sichherausredens. Je konkreter ein Wort ist, umso mehr Menschen stimmen darin überein, was es bedeutet. Je abstrakter die Sprache aber ist, umso offener sind Wörter und Sätze für die Interpretation, und offen ist auch die Hintertür, falls einmal etwas schief geht. Steckt ein Text voller Abstraktionen, sind Missverständnisse vorprogrammiert und nicht selten auch gewollt. Uwe Pörksens „Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur“ ist an anderer Stelle schon erwähnt. Es sind Wörter oder besser Nichtwörter ohne Eigenschaften, auf die sich jeder seinen eigenen Reim machen kann. Sie kommen aus der Wissenschaft, ziehen einmal um die Häuser und kehren in die Wissenschaft zurück. [3] Ihr Gebrauch hat oftmals ritualistischen Charakter, um dem Geschriebenen eine pseudo-objektive Lackierung zu verpassen. Wörter, die auf -ität, -ismus, -ologie oder –ation enden, sind meistens „emptied of life and meaning“. [4]
Derlei und ähnliche Wörter sind häufig die bevorzugte Ausstattung für eine identitätsstiftende Dauerbeschwörung. In manchen Kreisen werden ihnen geradezu magische Kräfte zugesprochen. Valentin Groebner beschreibt in seinem kurzweiligen Buch über Wissenschaftssprache, wie verzweifelt sich besonders jüngere Wissenschaftler beschwörungsformelartig außerdem an Wörter wie „rational“ oder „objektiv“ klammern. [5] Der Schwur ist gesprochen, mir kann nichts passieren. Ich kann alles behaupten und muss keine Verantwortung übernehmen, weil ohnehin niemand erkennen kann, wer was getan hat und wem es angetan wurde.
Die kulturellen Kontexte, in denen diese Begriffe entstanden, kennen sie in der Regel nicht, weshalb diese Ritualwörter nichts weiter als ideologische und häufig auch politische Kampfbegriffe sind.
[1] Michael Halliday, On the Language of Physical Science, in: Mohsen Ghadessy (ed.) Registers of Written English: Situational Factors and Linguistic Features, London 1988
[2] Joe Moran, First You Write a Sentence, London 2018
[3] Uwe Pörksen, Plastikwörter. Die Sprache einer internationalen Diktatur, Stuttgart 1988
[4] Moran 2018
[5] Valentin Groebner, Wissenschaftssprache. Eine Gebrauchsanweisung, Konstanz 2012
Lesen und abschreiben,noch einmal Rhythmus und die Adjektive
Lesen hilft, wenn man gut schreiben will, abgucken auch. Imitatio war schon in der Klassischen Rhetorik eine ehrenhafte Methode, das Handwerk zu lernen. Schreiben Sie einmal bis zu einer markierten Stelle ein Stück Text ihres Lieblingsschriftstellers ab, und dann schreiben sie selbst weiter. Auf diese Art kommt man gut „ins Schreiben“. Die eigene Stimme kommt schon noch. [1] Hanns-Josef Ortheil verrät mehr solcher Handreichungen in einem seiner wundervollen Bücher über das Schreiben. Es gilt übrigens für alle Arten des Schreibens und für alle Genres.
Joe Moran schlägt zu einem ähnlichen Zweck vor, die Ilias und die Odyssee zu lesen. Hat man einmal einige Seiten gelesen (zum Beispiel in der Übersetzung von Roland Hampe) spürt man förmlich, wie einem der Rhythmus in die Glieder fährt. Versuche, Alltagsgespräche daraufhin in rhythmischer Prosa zu führen, könnten von Erfolg gekrönt sein. Moran empfiehlt die Lektüre der Homerischen Werke vor allem wegen ihres parataktischen, also nicht hypotaktisch-hierarchischen Stils. Die Dinge sind gleich wichtig, Hauptsätze werden durch „und“ verbunden (Parataxe), anstatt die Dinge in Haupt- und Nebensätze (Hypotaxe) zu differenzieren. Dieser Stil ist so gewählt, weil man glaubte, alles in der Welt sei miteinander verbunden.
Grund genug, die alten Schulbücher noch einmal hervorzuholen?
Es könnte alles so einfach und so schön sein, brächte man unschuldigen Menschenkindern in der Schule die Macht und die Schönheit der Sprache näher, anstatt sie mit von allem losgelöster Grammatik zu quälen, die sie nicht brauchen, und ihnen „Literatur“ an den Verstand bringen zu wollen, ohne zu erklären, wie sie handwerklich entsteht. Sie durch Homerische Werke hindurchzutreiben, ohne diese Werke mit ihnen zu singen oder ohne sich dazu rhythmisch zu bewegen, und Parataxe nur als halbtotes grammtisches Ding zu erklären, verdirbt die Laune an Homer, am Lesen, am Schreiben und an der Sprache insgesamt. Aber auch das hatten wir schon. Die Lehrer haben vergessen, dass ein Satz ein Lied ist, eine Reise in den Klang und nicht einfach nur eine grammatische Einheit. [2]
[1] Hanns-Josef Ortheil, Mit dem Schreiben anfangen, Berlin 2017)
[2] Francis Christensen, A Generative Rhetoric of the Sentence, London 1963)
Auch die Produzenten ungebetener Küsse haben mit ihrer KISS-Strategie (keep it short and simple) vergessen, dass alle Texte Rhythmus brauchen und klingen müssen, wenn sie freundlich aufgenommen und erinnert werden sollen, auch die kurzen. Adjektive und Adverbien und überhaupt sind angeblich die Feinde des klaren Wortes, erklärt man uns im Fortschreiten zunehmend primitiver Effizienzdelirien, die eigentlich die schwer durchschaubare und erinnerungsresistente Nominalphrase lieben und glauben, sie mit der Axt kurz und klein küssen zu können. KISS ist ein ausgewiesener Feind echten Verstehens und bedächtiger Abwägung und hat mehr Schaden angerichtet, als verträglich ist. (Nichts gegen angemessene Kürze. Man muss es nur können. Es ist gar nicht so leicht.) KISS-Texte sind nicht nur in der Regel frei von Rhythmus, dem ersten Bedeutungsträger, sie sind auch ein Angriff auf unsere Intelligenz. Wer alles sofort verstehen will, will nicht denken. Wer nicht denken will, schaltet sein Gedächtnis ab. Man vergisst nämlich rasend schnell, was schnell und ohne nennenswerte Gehirnaktivität konsumierbar ist, wie vieles, was nach den Vorgaben maschinengefälliger „Readability“ mit der KISS-Methode produziert wird.
Unwahrscheinlich, dass die Shortandsimple-Leute von Sprachpuristen wie Roland Barthes oder Ernest Hemingway beeinflusst sind. Auch diese hehren Größen verdammten die Adjektive und die Adverbien und wollten sie am liebsten ausrotten, wobei natürlich auch sie nicht ohne sie auskamen. Der Himmel ist ja nicht immer blau, und das Meer hat viele Farben. In Vergleichen und Metaphern gehören sie zum anerkannten Repertoire. Wie schmeckt der Wein? Kann ich einen Ton malen? Man kann Adjektive und Adverbien so wenig ausrotten wie Unkraut, weiß Joe Moran. Die neurotischen Puristen wollen einen blanken Rasen, auf dem außer Millimetergras nicht einmal mehr ein Gänseblümchen wächst“, klagt er. Aber: „You can hack at them with a machete or murder them with chemicals and they just keep growing back. Weeds bespeak the anarchic profligacy of nature.“
Möchte sich nun vielleicht jemand einigen handwerklichen Aspekten in der Praxis zuwenden? Das eine oder andere an Erzähltechnik ist hier hinterlegt. Ich möchte Ihnen zunächst die Fantastischen Vier ans Herz legen. Möglicherweise wird es an dieser Stelle in nicht allzu ferner Zukunft noch mehr praktisches Handwerk geben.
Schreiben mit der Hand
Hand und Hirn sind enge Freunde. Die Feinmotorik der Hand ist mit dem Neokortex verbunden. Man kennt sich gut und man arbeitet zusammen. Zum Beispiel beim Schreiben. Das Training der Feinmotorik beim Schreiben hat Einfluss auf die genaue Wahrnehmung von Mustern. Um genau diese Fähigkeit geht es auch beim Lesen. Kinder, die mit der Hand schreiben lernen (schon seltsam, dass man heute tatsächlich von Alternativen dazu ausgehen muss), lernen auch schneller und besser sinnentnehmend zu lesen.
Viel hilft viel. Beim Schreiben gilt diese alte Bauernregel, die nicht überall stimmt, unbedingt. Aber es ist nicht egal, wie wir schreiben. Die Debatten zur Digitalisierung in den Schulen haben inzwischen aufgedeckt, wie borniert unsere Bildungspolitiker stur alles Wissen zum Thema Schreiben in den Wind schlagen. Dabei mehren sich Befunde, die eigentlich unmittelbar dazu führen sollten, groteske und noch mehr groteske Entwicklungen zu stoppen. Die Nachrichten sind alarmierend. Viele Schulkinder können nicht einmal mehr einen Stift halten, ohne dass die Hand verkrampft. Die motorischen Fähigkeiten lassen nach und die Fingermuskulatur verkümmert, was weitere Defizite nach sich zieht. Das ist das eine. Das andere ist noch schlimmer. Beim Tippen und Wischen werden viel weniger Hirnregionen beschäftigt als beim Schreiben mit der Hand, wenn das Schreiben auf das gleichförmige Drücken von Tasten reduziert wird. Die Synapsen haben keine Lust mehr, sich miteinander zu verbinden. Wo das Schreiben mit der Hand neuronale Komplexität schafft, produziert das Tippen und Wischen nur ein bisschen Nebel. Die Form wird gezeigt, aber nicht mehr geformt, und die Zusammenhänge gehen nicht mehr ins Bewegungsgedächtnis ein. Das Erinnerungsvermögen lässt nach, das Denken insgesamt geht auf Sparflamme.
Es ist also absolut kein „Fortschritt“, nicht mit der Hand zu schreiben. Schreibhefte durch Tablets etc. zu ersetzen und immer mehr digitale Hilfsmittel einzusetzen, weil man sich für „modern“ und „zukunftsfähig“ halten will. Es konterkariert alles, was wir über das Lernen, das Lesen, das Schreiben und das Denken wissen. Man tut es trotzdem. Man verbannt mit der Handschrift eine wichtige Kulturtechnik aus der Schule und beschädigt damit die Hirnentwicklung der Kinder. Inzwischen warnt sogar schon die UNESCO auf einer breiten Studienbasis, dass die Verblödung der Kinder mit dem Aufwuchs an digitalen Lehr- und Lernmaterialien zusammenhängt. Man muss es deutlich genug und kann es nicht oft genug sagen: Sie wissen es, und sie tun es trotzdem. Heute mehr denn je. Es ist nicht cool, nicht richtig lesen und schreiben zu können.
Aber es gibt Ausnahmen. In Schweden und anderen hochdigitalisierten, meist skandinavischen Ländern, ist man dabei, Tablet und Konsorten aus den Schulen zu verbannen und wieder mit Papier und Stift zu arbeiten. Die Wirkung ist spektakulär.
Die erschütternden Ergebnisse der UNESCO wurden 2023 vorgelegt. In Schweden untersuchte man die nämlichen Auswirkungen ebenfalls seit 2023, als sich schon eine klare Tendenz abzeichnete. Die Empfehlung der Kultusministerkonferenz zum Einsatz von „KI“ in Schulen stammt von 2024.
Schreiben wir mit der Hand, können wir Gehörtes gedanklich übertragen und neu strukturieren. Das Gedächtnis und die kognitive Leistung insgesamt drehen voll auf, denn die Handschrift aktiviert ein weitreichendes Netzwerk im Gehirn, das motorische Planung, visuelle Verarbeitung und kognitive Prozesse verbindet. Darüber hinaus trainiert es die Fähigkeit, in kurzer Zeit große Mengen an Gelesenem zu verstehen.
Beim Schreiben mit der Hand werden die Buchstaben im Gehirn nachgeformt. Deshalb können wir uns das so Geschriebene besser merken. Lernen nun Kinder erst einmal, wie es hierzulande heute üblich ist, Druckschrift, dann die vereinfachte Ausgangsschrift und dann erst die lateinische Ausgangsschrift, schleichen sich falsche Bewegungsmuster ein. Wenn schließlich das Erlernen der normalen Schreibschrift ansteht, müssen sie im Grunde von vorn anfangen. Das frustriert enorm, und Kinder, die nicht fließend und leserlich schreiben können, entwickeln eine Aversion gegen das Schreiben und gegen das Lernen, während die Bildungspolitiker (deren Kinder in teuren Privatschulen unterrichtet werden) die Zukunft von Generationen verspielen.
„The Pen Is Mightier than the Keyboard“
Von der Schule in die Hochschule. 2014 präsentierten Pam A. Mueller (Princeton University) und Daniel M. Oppenheimer (UCLA) 65 Probanden Videos von Vorträgen und baten je die Hälfte von ihnen, sich per Tastatur oder per Hand Notizen zu machen. Nach einer Pause überprüften sie, wie viele Informationen die Studierenden im Gedächtnis behalten hatten. Reines Faktenwissen merkten sich beide Gruppen zwar gleich gut. Aber: Bei Fragen nach dem Verständnis komplizierter Zusammenhänge zeigten diejenigen, die mit der Hand geschrieben hatten, deutlich bessere Ergebnisse. Mit anderen Worten: Das Tippen fördert den kompilatorischen Stil, der heute schon vielfach das analytische und das kritische Denken ersetzt. Das Schreiben mit der Hand hingegen fördert das Denken. Mueller und Oppenheimer nannten ihren Aufsatz in einem Fachjournal „The Pen Is Mightier than the Keyboard“.
Was war geschehen?
Die Probanden mit dem Rechner hatten ganze Passagen einfach abgeschrieben. Die Notizen derjenigen, die mit der Hand schrieben, waren deutlich kürzer und, was wichtig ist, in den eigenen Worten der Studierenden formuliert. Je weniger originalgetreu die Anwesenden etwas niedergeschrieben hatten, desto besser beantworteten sie anschließend die Fragen des Forschers und der Forscherin zum Gehörten. Dass die Computergruppe schlechter abschnitt, hatte übrigens nichts mit ablenkenden Effekten der Maschine zu tun. In weiteren Untersuchungen wird der Befund wieder und wieder bestätigt.
Als sei das alles noch nicht genug, beschäftigen sich inzwischen Unmengen an Untersuchungen mit der nächsten Stufe der digitalen Verwahrlosung. Die Generation „Brain Rot“ macht sich in den Hochschulen durch die Abwesenheit grundständiger Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben zunehmend bemerkbar, vor allem nachdem die Hochschulen Partnerschaften mit Tech-Konzernen eingehen, die sie natürlich über den Tisch ziehen um den Studis die neuesten Lebens- und Lernersatzmaschinen angedeihen zu lassen. Man fixt sie an, um sie anschließend marktwirtschaftlich zu betreuen. Den Verstand, das alles zu durchschauen, haben sie dann nicht mehr.
Die kognitiven Defizite, die durch den Verzicht auf die Handschrift und mit dem übermäßigen Einsatz von digitalem Firlefanz schon in der Schule eingepflanzt werden, sind allein schon besorgniserregend. Durch den Einsatz sogenannter „KI“ nehmen sie auf allen Bildungs- und Ausbildungsstufen astronomische Ausmaße an auf dem Weg in die kognitiv verkümmerte und sozial verwahrloste Gesellschaft.
Es könnte so einfach sein. Beginnen wir mit Stift und Papier. Wie Leonardo vielleicht?
Pam A. Mueller, Daniel M. Oppenheimer, The Pen Is Mightier Than the Keyboard Psychological Science, 25, 1159–1168), 2014
F.R. (Ruud) Van der Weel, Audrey L.H. Van der Meer, Handwriting but not typewriting leads to widespread brain connectivity: a high-density EEG study with implications for the classroom, Trondheim 2024
Kayla Morehead u.a. How much mightier is the pen than the keyboard for notetaking? A replication and extension of Mueller and Oppenheimer (2014). Educational Psychology Review, 31(3), 753–780, 2019.