Das Wort im Kopf
Die unterschätzte Macht der Sprache
(Schreiben und Sprechen4)
Besuch bei den Wundern menschlicher Schöpferkraft – Das geschriebene Wort und seine Launen (2) – Handwerk (3) – Das Wort im Kopf und auf dem Weg ins Sprechen (4) – Sprechen (5)
Dieses Kapitel ist ein Auszug aus einem meiner Bücher desselben Titels, das sich der Frage widmete, was wohl die Wörter so in unserem Kopf treiben. Dass dieses Wissen für das (professionelle) Schreiben und Sprechen von Vorteil ist, erklärt sich von selbst. Was folgt, sind Einleitung und Inhaltsverzeichnis. Einige der hier verhandelten Themen werden Sie auch in diesem Web-Book finden. Logisch. Wer die Geschichte von den Wörtern im Kopf weiter vertiefen möchte, kann das Werk hier oder hier kaufen.
Weiter unten machen wir uns schon auf den Weg zum Sprechen.
Einleitung (wie im Buche)
Ein alter Irrtum namens Lexikon
Nur Wörter?
Kommt ein Wort in den Kopf. Der Bibliothekar, ein alter Mann mit rutschender Brille auf der Nase und einem weiten dunklen Samtmantel, schlurft zum Lexikon. Das Lexikon ist riesig und sehr, sehr alt, der Ledereinband verschlissen. Mühsam wuchtet der Alte das Lexikon auf den Tisch seiner Studierstube und schlägt ächzend den dicken Folioband auf. Die Buchseiten sind ehrenvoll krakeliert. Der Bibliothekar hustet. Der Staub wirbelt in alle Richtungen. „Das Wort … Moment … das Wort … Das Wort heißt ‚Wort’“, sagt er „und ist … ein Wort. Es gibt noch einige Zusammensetzungen. Möchten Sie die auch noch wissen? Nein? Gut.“ Er schlägt das Lexikon wieder zu, mehr Staub wirbelt auf, der Alte hustet.
Die moderne Variante des Lexikons heißt Datenbank. Hier geht alles ein bisschen schneller als in der älteren Variante. Es ist auch nicht so staubig. Da liegt nun also unser Wort gespeichert mitsamt seiner genauen Bedeutung, das Wort an sich sozusagen, genau wie im alten Lexikon auch.
Das Problem ist nur: Wörter haben keine feste Bedeutung, jedenfalls nicht so, wie wir uns das immer vorstellen, obwohl unsere Sprech- und Schreibpraxis uns täglich eines Besseren belehren könnte. Das Lexikonkonzept würde voraussetzen, dass Wort und Ding in einer festen Beziehung miteinander lebten. Tun sie aber nicht. Lesen wir „Schale“ oder „Baum“ und sehen … eben! Wir sehen, was immer in unserem Gedächtnis zu diesen Wörtern liegt, kombiniert mit der aktuellen Situation, ergänzt durch in vielen Jahren erworbene Beiklänge dieser Wörter.
„Ein Wort im Kopf zu haben, heißt nicht nur, es in seinem grammatischen und syntaktischen Kontext zu sehen: Für das Gehirn ist es vielmehr ein Stichwort für alle damit verbundenen Assoziationen“, erklärt der Kognitionswissenschaftler Arthur Jacobs. (fn Jacobs – Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011) Mit anderen Worten: Wörter haben unscharfe Ränder. Die genaue Bedeutung eines Wortes muss im Gehirn in jedem neuen Kontext neu konstruiert oder rekonstruiert werden. Beim Lesen gleicht das Gehirn Bekanntes mit Unbekanntem ab, sucht und findet Strukturen, erinnert sich an Bewegungen, Gerüche oder Klänge, bewertet das Gelesene und weist dann Bedeutung zu, je nach Erfahrungshintergrund.
Wörtlichkeit ist immer die Ausnahme
Das Wort an sich ist also stets nur ein Bruchteil der übermittelten Information. In der Lebenswirklichkeit herrschen die Konnotationen, die Beiklänge mit ihrem verwirrenden Geplapper aus ähnlichen, sich überlappenden oder einander widersprechenden Bedeutungen. Sich darin zurechtzufinden, setzt eine Grundausstattung geteilten Weltwissens und gemeinsamer Sprachpraxis voraus.
Einige Zweige der Kognitionswissenschaft untersuchen diese Prozesse seit einigen Jahrzehnten und können inzwischen sehr genaue Aussagen zum Zusammenhang von Sprache und Denken machen, ein Zusammenhang, welcher der Klassischen Rhetorik seit Jahrtausenden bekannt ist. [1] Auch die Ethnologie weiß schon länger, dass Sprache nie nur einfach Gedanken und Bedeutung von einem Gehirn zu einem anderen transportiert. Sprache ist vielmehr ein System, das im eigenen Kopf die Informationen erst einmal organisiert und darüber hinaus Gedanken im Kopf des Gegenübers auslöst. [2]
Auf den ersten Blick klingt das trivial. Doch Sprache und Denken werden in der Alltagsvorstellung, auch in derjenigen großer Teile der Wissenschaft, irrtümlich als getrennte Systeme angesehen, die nichts miteinander zu tun haben. Erst denke ich, dann spreche oder schreibe ich – so lautet die Theorie. Aber so funktioniert es nicht. Sprache wird nicht einem zuvor Gedachten einfach übergestülpt. Vor allem ist sie kein Instrument einsamen Vor-sich-hin-Räsonierens, sondern ein ganz und gar geselliges Wesen. Doch die romantische Vorstellung eines sprachlosen freien Geistes, der sich gelegentlich dazu herablässt, sich auch einmal in Sprache zu äußern, geistert nach wie vor durch viele „kluge Köpfe.“
[1] Gert Ueding, Klassische Rhetorik, München 2011
[2] Edward T. Hall, Beyond Culture, New York 1976
Bewegung
Zurück zu unserem Wort. Es kommt in den Kopf und entfaltet dort mit seinen Kumpanen unheimliche Kräfte, die uns dazu bringen, beim Lesen die Welt um uns herum zu vergessen. Wie das möglich ist, erklärt Arthur Jacobs. „Beim Lesen wie beim Sprachverstehen sind Prozesse im Spiel, die auf denselben oder ähnlichen neuronalen Mechanismen beruhen wie beim direkten Erleben. Diese mentale Simulation verbal oder schriftlich beschriebener Situationen bewirkt demnach ( … ) eine mit der realen Wahrnehmung vergleichbare, bisweilen sogar stärkere Eindrücklichkeit. Das Schriftbild von Worten und Sätzen stellt dieselbe Art von sensorischen Reizen dar wie Objekte oder Gesichter.“ [1]
Und mehr noch. „Nur“ Wörter sind imstande, das Gehirn auf physische Bewegung vorzubereiten. „Allein an einen Kiesel zu denken, bereitet uns schon darauf vor, die Hand auszustrecken, die Finger zu schließen und mit dem Arm auszuholen.“
Aktiv wird das Gehirn bei aktiver und anschaulicher Sprache, die Komplexität eines Textes spielt keine Rolle. Wird das Gehirn hingegen mit nebelhaften Verschachtelungen konfrontiert, geht es auf Sparflamme und fragt:
Ist das Text oder kann das weg?
[1] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011
Wirkung
Wir lesen und schreiben täglich. Wenn wir nicht wenigstens ungefähr wissen, wie Sprache funktioniert, sind wir allerhand Gefahren ausgesetzt. Wir lesen womöglich etwas in einen Text hinein, was gar nicht darinsteht. Wir handeln auf der Grundlage der Wirkung von Wörtern, die in unserem Gehirn ein Eigenleben entwickeln. Diese Wörter bringen uns womöglich dazu, etwas zu denken, was diejenigen wollen, die um die Wirkmächtigkeit der Sprache wissen und dieses Wissen ausnutzen.
Das gilt auch umgekehrt. Wir glauben nur zu gern, all unsere goldenen Worte kämen so bei Publikum und Gegenüber an, wie wir sie in einem bestimmten Moment und in einem bestimmten Kontext meinten und schrieben. Doch die Konnotationen und die überlappenden Bedeutungen können einander in die Quere kommen. Keine zwei Menschen haben denselben Erfahrungshintergrund, auf dessen Grundlage das Wort im je individuellen Kontext bewertet und eingeordnet wird. Zu glauben, beim allfälligen „mal darüber Reden“ werde das „richtige Wort“ schon die „richtige Reaktion“ hervorrufen, ist magisches Denken – es sei denn, wir sind diejenigen, die die Wirkmächtigkeit der Sprache kennen. In der Regel ist das, was wir hören oder lesen nie 1 : 1 dasjenige, was gesagt oder geschrieben wurde. Bevor das Wort im Bewusstsein ankommt, haben die dafür zuständigen Abteilungen unseres Gehirns es schon einmal bearbeitet und verändert. Diese Vorgänge spielen sich vollkommen außerhalb unserer Kontrolle ab. Es lohnt sich also, ein wenig mehr über die Wege des Wortes im Kopf zu wissen, wenn man vor den gröbsten Missverständnissen und vor dummen Fehlern gefeit sein will.
Versäumnisse der Wissenschaft
Keine Sorge. Dies ist nicht ein weiterer Abgesang auf den freien Willen, die „Rationalität“ und die „Wahrheit“. Es geht auch gewiss nicht darum, den Behauptungen mancher Hirnforscher zu folgen, die uns zu willenlosen Anhängseln isolierter Gehirne machen oder sogar so weit zu gehen wie Mr. Steven Pinker, für den wir unrettbar in der Steinzeit gefangen sind und deshalb Angst vor Menschenmengen haben. Dass wir dennoch lesen und schreiben lernten und freiwillig auf die Kirmes und zu Musikfestivals gehen, müsste uns also zutiefst unverständlich sein. Der Eindruck des Pessimismus entsteht leicht, nachdem die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen außerordentlich wichtigen Dingen in aller Regel eine elitäre Veranstaltung blieb. Mit den praktisch-handwerklichen und lebensdienlichen Notwendigkeiten im Bereich unserer wichtigsten Kulturtechniken, der Sprache und des Schreibens, wollte man in der Wissenschaft nichts zu tun haben und man will es im Großen und Ganzen auch heute noch nicht. Aber es geht noch schlimmer.
Im 20. Jahrhundert begannen die Wissenschaften vom Menschen und von der Sprache für die Naturwissenschaften zu schwärmen, die klassischen Kognitionswissenschaften wurden von der „Programmhypothese“ des menschlichen Geistes heimgesucht. Der Kognitionspsychologe Dietrich Dörner führt das darauf zurück, dass man Prozesse wie Schlussfolgern, Gedächtnissuche oder den Umgang mit Analogien mit Computerprogrammen nachbilden konnte. Wozu sollte man da noch echte Sprache benötigen? [1]
Wie soeben bereits angedeutet, gehört es in den Wissenschaften zum guten Ton, die handwerklichen Aspekte des Sprechens und besonders des Schreibens naserümpfend zu missachten. Besonders in der romantisch verhangenen deutschen akademischen Tradition werden Geniekult, Talentmythen und andere Fantasiegebilde gern gegen Kompetenzen ausgespielt, die man sich schließlich aneignen kann und nicht einfach „hat“. So werden seit jeher unzählige Menschen, die in ihrem beruflichen Alltag schreiben müssen, fahrlässig in Zweifel gestürzt. Die „traditionelle Ablehnung der deutschen Germanistik gegenüber einer ‚Regelpoetik’ [2] setzt sich fort in der Lehrerausbildung. Meldungen über die katastrophalen Auswirkungen im Schulunterricht solcher Absurditäten wie „Schreiben nach Gehör“ haben inzwischen die Feuilletons erreicht – wenn auch nicht die Bildungspolitik – und werfen Überlegungen dazu auf, wie man eine Bildungsnation am besten an die Wand fährt.
Das alles hat eine lange Geschichte. Eine der Ursachen der lang anhaltenden Missachtung des Handwerks, der Rhetorik und des Sprachdenkens ist nach Gert Ueding den „sokratischen Feldzügen“ Platons und seinen Diffamierungen der Rhetoriker zuzuschreiben. Diese Feldzüge wirken so nachhaltig, dass „die Rehabilitierungsbemühungen der neueren Kulturgeschichtsschreibung bis heute wenig gefruchtet haben.“ [3]
Heutige Karriereturbo- und Schlagfertigkeits-Schwundstufen der „Rhetorik für Manager“ und der „Magie der Rhetorik“ vertiefen nur das vernichtende Urteil bei denen, die immer schon wussten, dass alles Niederung ist, wo nicht der „reine Geist“ herrscht. Einen Höhepunkt erlebte die Verachtung der Rhetorik und mit ihr des Sprachdenkens in der sogenannten Aufklärung. Man verurteilte die Rhetorik, da sie nicht mit den Forderungen nach „Rationalität“ vereinbar sei. Auch Frauen und Wilden, bevorzugten Gegenbildern der aufgeklärten Geisteshelden, sprach man die Fähigkeit „rational“ zu sein, rundheraus ab. Gute Sprachbeherrschung und gutes Schreiben gelten vielen „klugen Köpfen“ bis heute als Weiberkram. Ich bin brillant. Was also soll ich mit der Kosmetik? Die formal-rhetorische Artistik kann ich mir zur Not auch sparen, und das Genie sagt sich in rechter Geheimratsmanier: „Es trägt Verstand und rechter Sinn mit wenig Kunst sich selber vor …“ oder à la Einstein: „Wenn du vorhast, die Wahrheit zu beschreiben, dann überlasse die Eleganz dem Schneider.“ Einstein mag durch seine Dyslexie (Lese- und Schreibschwäche) zu dieser Aussage ermuntert worden sein. Bei Goethe aber ist es reine Kokettierie. Der Geheimrat hatte nämlich eine umfassende rhetorische Ausbildung.
[1] Dietrich Dörner, Sprache und Denken, Halle/Saale (Leopoldina) 1976
[2] Otto Kruse, Schreibstrategien des Erzählens. Was man für Geschichten braucht. in: Daniel Perrin, Ingrid Böttcher, Otto Kruse, Anne Wrobel (Hrsg.), Schreiben, Wiesbaden 2002
[3] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2009
Die Kapitel des Buches
Zurück zu den Wörtern. Die Unschärfen der Wortbedeutungen entsprechen dem vielstimmigen Geplapper einer Wirklichkeit, die sich immer wieder Versuchen der Systematisierung und der Uniformierung entzieht. Kapitel 1 und 2 widmen sich Unschärfen der Wörter und der Fähigkeit zur regellosen Verständigung in der Sprachwirklichkeit mit all ihren Metaphern und Uneindeutigkeiten.
Im Geplapper der Wirklichkeit klingen die Aufforderungen, nun einmal „sachlich und vernünftig“ zu reden, immer ein wenig überspannt, denn die „Sachlichen“ haben die Rechnung ohne einen recht alten Teil des Gehirns gemacht, das „Limbische System“. Hier wird unser Wort auf der Grundlage der vorliegenden Erfahrung erst einmal emotional eingefärbt, damit das Gehirn ihm Bedeutung zuweisen kann. „Ungefärbt ist Vernunft auch nur ein Wort“, heißt daher Kapitel 3. Inklusive Ausflug ins Reptiliengehirn (wo der Rhythmus wohnt),
Beißen wir in eine Zitrone, nein, stellen wir uns vor, wie jemand in einen Zitrone beißt, besser: Lesen wir, wie jemand in eine Zitrone beißt – oder Speck brät. Spätestens jetzt haben wir das Gesicht verzogen oder einen kleinen Stich Hunger gespürt – nur wegen dieser paar Buchstaben. Virtuelle Realität funktioniert auch ohne Technik ganz hervorragend. In Kapitel 4 (Maschinenfreie virtuelle Realität) geht es um Konzentration und Gedächtnis und ums (Be)Greifen. Buchstäblich.
Frames und andere Manipulationsversuche (Kapitel 5) auf sprachlicher Ebene funktionieren besonders gut bei denjenigen, die über die Wirkung und das Funktionieren von Sprache wenig wissen und besonders gut auch bei all den klugen Köpfen, die immer schon alles wussten. Ein kleiner Exkurs führt uns ins Reich der „Plastikwörter“.
Zum Thema Frames und Manipulation wird es in diesem Web-Book ein ausführliches Kapitel geben.
(Kapitel 6)
Mit Benjamin Lee Whorf, einem Chemiker aus Massachussetts, beginnt das Kapitel zur Verbindung der Sprache mit dem Denken und dessen Verbindung mit der Kultur. Nachdem eine naturwissenschaftlich orientierte Linguistik die Elemente menschlichen Artikulationsvermögens in Einzelteile zerlegte, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, hat sich inzwischen wieder eine eher ganzheitliche Sicht der Dinge durchgesetzt.
Mister Whorf ist in diesem Web-Book aus gutem Grund prominent vertreten, hat er doch, einer großen wissenschaftlichen Tradition folgend, Unschätzbares zum Verständnis der Sprache und von Sprachen geleistet.
Auf Kapitel 7 können wir hier verzichten. Praktische Hinweise sind an dieser Stelle hier und da verteilt; das Lob der Handschrift, von dem in Kapitel 7 ausführlich die Rede ist, hat hier einen eigenen Abschnitt bekommen (s.o.).
Hier gibt es einen Hintergrundtext dazu.
Anmerkung zu Abwesendem
Es war einmal geplant, hier noch ein ganzes Kapitel „Schreiben und KI“ anzufügen. Bei genauerer Duchsicht des Materials stellte sich allerdings heraus, dass das Thema nicht wirklich ein Stück zum Thema Schreiben wäre. Hinweise und Einschätzungen dazu sind ja über das Kapitel und über das Buch insgesamt verstreut. Aber ein ganzes Kapitel? Nein.
Es wäre ja vielmehr ein Stück darüber geworden, wie das Schreiben beschädigt wird, wie die Menschen, die „KI“ nutzen, ob zum Schreiben oder anderweitig, beschädigt werden, wie die Texte, die auf „KI“-Art enstehen, gar nicht mehr beschädigt werden können, weil sie nicht wirklich Texte sind, da ihnen schlicht und ergreifend eine alles entscheidende Zutat fehlt: Intention. Die Intention nämlich, die eine Verbindung von Mensch zu Mensch schafft und die seit mehr als drei Millionen Jahren ein Evolutionsvorteil ist. Authentizität ist der zentrale Faktor für Vertrauen. Das alles ist hier und da im Buch schon zu finden.
„KI“-Schreiber wissen nicht einmal, was sie produzieren. Das haben wir in vielen Versuchen herausgefunden. Sie erinnern sich an nichts, weil sie nichts gelernt und nichts geschrieben haben. Sie produzieren Unmengen an Belanglosigkeit und Schrott, den niemand lesen will. Auch das haben wir herausgefunden. Warum sollte man auch, wenn jemand sich nicht einmal die Mühe macht, es selbst zu schreiben, uns von seinem Wissen zu künden oder von seiner Vorstellungs- und Schöpferkraft und uns, dem Publikum, die Ehre erweist, es so gut zu machen, wie er kann.
Warum man in der Wissenschaft so gern mit „KI“ schreibt, liegt auf der Hand. Sprach- und Schreibdefizite sind seit jeher an der Tagesordnung und werden seit jeher mit allerhand Ideologien und Märchen vertuscht. Mit kindlichem Staunen begegnet man den Werken ohne Autor, als sei ihre Entstehung die reinste Magie.
Inzwischen ist auch schon das Mündliche angefressen (s.u.). Betrug und Fakes sind an der Tagesordnung, haben wir herausgefunden. Und die Versuchung, nicht mehr wirklich Verantwortung übernehmen zu müssen, wenn einmal etwas schiefgeht, ist einfach zu groß.
Unternehmen fahren mehr als ihren guten Ruf (so vorhanden) an die Wand, wenn sie „teures“ Schreiben durch „KI“ ersetzen. Das Nachbessern des Slops wird stets teurer. Kombiniert mit dem Umstand, dass „KI“-geprüfte Hochschulabsolventen kaum noch beschäftigungsfähig sind, ergibt es Kosten, die man zuvor nicht hatte. Ersetzt man die Juniorpositionen gleich ganz durch Maschinen, ist bald nieland mehr da, der noch irgendetwas gelernt hat. Aber wir haben ja die Maschinen, die uns das alles aus der Hand nehmen.
Die Bullshit-Produktion feiert fröhliche Urständ. Lese ich Text, oder lese ich eine Simulation? Nicht so schwer zu erkennen, wie sich herausstellt. Die Homogenisierung der Sprache schafft Texte mit Glattputz-Makeup (s.o.), grässlich zu lesen. Ja, in der Tat, man erträgt es kaum. Auf größerer Ebene ist all das natürlich ein ziemlich abgefeimtes Kolonialprojekt, indem die „KI“ ihre homogenisierenden Gifttentakel in alle Welt ausstreckt und glatt putzt, was immer sie fressen kann.
Ach ja, und inzwischen „detektiert“ man „KI“ mit „KI“, die über, sagen wir, 20 oder 50 oder 70 Jahre alte Texte oder über Werke der Weltliteratur nassforsch erklärt: Zu 74 Prozent mit „KI“ geschrieben. Möchtest Du, dass ich deinen Text menschlich mache?
Alles in allem ist es völlig klar geworden, dass es beim Thema „KI“ nicht um Schreiben geht. Also hat das hier als Monolith nicht wirklich etwas zu suchen. Vielleicht gibt es irgendwann einmal ein längeres Stück für den Hintergrund.
In der Gesellschaft der schreibenden Insider denken wir übrigens mitnichten daran zu beweisen, dass wir Menschen sind. Das wäre Kapitulation, und das kommt nicht in Frage. Wir widersetzen uns der Epidemie des Misstrauens und den neuen Hexenjagden- Wir akzeptieren nicht die Last des Beweises.
Erzählen. Auf dem Weg zum Sprechen
„Wer sich vergegenwärtigen will, welch große Bedeutung das Erzählen für den Menschen und das menschliche Zusammenleben hat, der sollte den Versuch unternehmen, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der nicht erzählt wird. Ein entsprechendes Vorhaben stellt unser Vorstellungsvermögen offenkundig vor eine kaum zu lösende Aufgabe.( … ) Erzählt wird nicht nur in allen Gesellschaften, sondern zudem in fast allen Bereichen jeder einzelnen Gesellschaft. Menschen erzählen sowohl in der Dichtung als auch im Alltag, unabhängig davon, ob sie allein sind oder in Gemeinschaft, schon in früher Kindheit und noch in hohem Alter, beim Essen ebenso wie vor Gericht, in Film und Fernsehen, aber auch in Kirchenpredigten oder im Wirtschaftsleben, wenn sie einen Arzt besuchen oder Sport treiben, Kaffee trinken oder die Kinder ins Bett bringen, beim Spazierengehen ebenso wie in der Schule und in den Wissenschaften. Das Erzählen ist eine anthropologische Universalie, die im menschlichen Zusammenleben ein ubiquitäres, also extrem weit verbreitetes Phänomen darstellt.“
Tilmann Köppe, Tom Kindt, Erzähltheorie. Eine Einführung, Stuttgart 2014
Erzählen klingt zuerst meist nach dem Märchen zur guten Nacht, nach Lagerfeuer, nach dem Schwatz auf der Straße, nach sehr alten Geschichten und nach gesungenen Epen. Erst dann fällt uns ein, dass wir auch schreibend erzählen, und noch später denken wir vielleicht über die Unterschiede von Schreiben und Sprachen nach. Geschriebene Sprache, soll sie leserlich und verständlich sein, hat gewissen Regeln zu folgen, denen das Sprechen nicht unterliegt. Satzbau, Wortwahl, Rechtschreibung und Interpunktion, unverzichtbar beim Schreiben, spielen beim Sprechen keine so bedeutende Rolle, und was wir so sprechen, hat häufig mit Sätzen oder mit Text nicht allzu viel zu tun. Deshalb führen Empfehlungen, so zu schreiben, wie man spricht, auch direkt in Teufels Küche, und meistens blamiert man sich damit bis auf die Knochen. Wortwahl und Struktur sind beim Sprechen und Schreiben unterschiedlich.
Geschichten „ordnen“ das fließende Chaos der Ereignisse, indem sie dies oder das dort herausnehmen und zum Ausgangspunkt der Erzählung machen. Ausgangspunkt und Ende können ganz wollkürlich gewählt sein, ebenso wie alles, was dazwischen liegt. Wichtig ist, dass dieses Dazwischen stets ein konsistentes Ganzes ergibt. Auch die Figuren der Geschichte können willkürlich gewählt sein, wenn sie Fiktion sind und nicht reale Personen Bestandteile einer bestimmten Art der Berichterstattung. In der Regel sorgt ein Protagonist für die Perspektive, aus der die Geschichte erzählt wird. Schlüpft eine andere Figur in diese Rolle, wird es eine andere Geschichte.
Geschichten, die das Chaos der natürlichen Existenz ordnen, können Texte sein, die Traditionen begründen und über Generationen weitertragen. Sie können, geschrieben, gesprochen oder gesungen, das Herz einer Kultur in Worte fassen. In manchen Fällen ist der exakt wiederholte Wortlaut von entscheidender Wichtigkeit. In anderen Fällen dienen Variationen von Geschichten als Debattenfeld für die Aushandlung politischer und sozialer Organisation einer Gemeinschaft. Geschichten erklären den Kindern der Gemeinschaft die Welt und ermöglichen es ihnen zugleich, später einmal die entscheidenden Fragen zu stellen.
Geschichten treten in vielerlei Gestalt auf: als Mythe, als Märchen, als Rede, als Novelle, als Drehbuch, als Klatsch, als Witz, als Fabel, als Roman, als Epos, als …
Jahrhunderttausende menschlicher Schöpferkraft stecken in jeder einzelnen Geschichte, gesprochen, gesungen, geschrieben.