Sprechen
Das gesprochene Wort in der Welt
(Schreiben und Sprechen5)
Besuch bei den Wundern menschlicher Schöpferkraft – Das geschriebene Wort und seine Launen (2) – Handwerk (3) – Das Wort im Kopf und auf dem Weg ins Sprechen (4) – Sprechen (5)
„Wir reden über das Sprechen – zu dem wir über die Sprache Zugang haben. Wie sonst sollte man Gesellschaft konstituieren? Alles Soziale manifestiert sich in interaktiver Aushandlung. Es ist Sprechen, mit dem man eine Situation definiert, einen Status behauptet oder ändert, Beziehungen neu aushandelt oder stabilisiert – bevor man zu den Waffen greift. F. G. Bailey nannte das language of claims. Es sind rhetorische Mittel, mit denen Deutungshoheit beansprucht wird, und es sind rhetorische Mittel, mit denen sie angefochten werden kann. Dissenz gegenüber solchen situativen Definitionen fordert strukturelle Macht ebenso heraus wie materieller Widerstand das täte. Wir haben es mit gemeinsamen Aushandlungsprozessen zu tun, mit denen Menschen ein komplexes soziales Gebilde gestalten und sich darüber einigen, wie sie zusammenleben wollen. Es ist der Kern der Kultur.“
Eine alte Geschichte
Es sieht wohl so aus, als hätten uns die Neandertaler unser vermeintliches Alleinstellungsmerkmal unter den Lebewesen streitig gemacht. Sie waren auch nicht das, was Homo sapiens an diffamierenden Behauptungen über sie in die Welt setzte. Die Neandertaler nähten Kleider, schmückten ihre Behausungen, begruben ihre Toten und konnten sehr wahrscheinlich sprechen. Die anatomische Ausstattung und die entscheidenden Aminosäuresequenzen dazu brachten sie mit. [1] Vielleicht sangen sie auch, womöglich, bevor sie sprechen konnten. Charles Darwin war nicht der einzige, aber er gehörte zu den ersten, die vermuteten, dass die Anfänge des Sprechens dem Singen näher waren als den grunzenden oder äffischen Protosprachlauten, die wir uns fast unwillkürlich vorstellen, wenn sich das Bild des Neandertalers vor unsere Augen schiebt. Und wer weiß. Vielleicht gab es in fernen Weltgegenden andere frühe Menschen, die ebenfalls lange vor uns sprechen konnten. Vieles ahnen wir nicht einmal. Vieles werden wir nie erfahren.
Darwin sollte in puncto Gesang Recht behalten. Heute wissen wir, dass Sprache und Musik im Gehirn so nah beieinanderliegen, dass wir gesprochene Sätze wie Tonfolgen wahrnehmen und Tonfolgen wie gesprochene Sätze. [2] Es arbeitet sich auch leichter, wenn man singt und plappert, befand ein Sprachphilosoph namens Ludwig Noiré. Für ihn war die Entstehung von Sprechfähigkeit und Sprache erst die Voraussetzung für das Denken und beide untrennbar miteinander verbunden. Auch er sollte Recht behalten. Sprache und Denken gehören zusammen, und beide sind als Paket von der Kultur geprägt, in der sie je entstanden. Dabei ist die Art, wie wir denken, in der Muttersprache verwurzelt, die wir plappernd und ganz und gar automatisch lernen, inklusive angewandter (nicht thereotischer) Grammatik.
Verglichen mit dem Sprechen ist Schrift eine ziemlich späte Erfindung, wie gesehen entstanden aus ganz und gar bodenständigen und praktischen Erfordernissen und nicht etwa in den Studierstuben irgendwelcher „kluger Köpfe“. Allerdings fanden Menschen sich wunderbar auch ohne Schrift zurecht, erfanden abertausende Sprachen, gründeten Städte und andere riesige Gemeinwesen, schufen spektakuläre Bauten und trieben internationalen Handel. Fremde Sprachen lernten sie ganz ohne Wörterbuch.
Trotz dieser überwältigenden Zeugnisse der ungeheuren Schöpferkraft in der Tiefe der Geschichte rissen die späten Schriftkulturen alle Deutungshoheit an sich (wie auch vieles andere), erklärten die Schrift zu einer evolutionären Weiterentwicklung der Schriftlosigkeit, was falsch ist, und tun sich bis heute schwer, die gesprochene Kultur überhaupt als zu schützendes Kulturgut anzuerkennen. Es dauerte ziemlich lang, bis man konzedierte, dass auch Kulturen, die man eilig als „einfach“ oder gar „primitiv“ etikettierte, höchst komplexe Sprachen aufwiesen. Den Kern der Sache hatte man damit aber keineswegs verstanden. Die Erforscher der schriftlosen Kulturen verstanden nicht, dass Sprache sich stets in einer konkreten Kultur und in einer konkreten Situation manifestiert und dass das Sprechen selbst ein kultureller Akt ist. Sie verschrifteten die Sprache nach eigenem Gusto und hatten nichts gewonnen.
Als moderne Medien auf den Plan traten, glaubten Forscher wie Marshall McLuhan, durch sie würde das geschriebene Wort zurückgedrängt. Von einer Renaissance der Mündlichkeit war die Rede und gar, in Anlehnung an einen Begriff von Walter Ong, von einer weltumspannenden sekundären Oralität.
[1] Gehirn&Geist, Nr.7-8/2011
[2] Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Gehirn und Gedicht, München, 2011
Akademische Papageien
Die meisten „klugen Köpfe“ (außer den engsten Fachkreisen) in den heutigen Schriftkulturen wissen immer noch nicht viel über Sprache, die geschriebene nicht und die gesprochene nicht, seit man die Lehrinhalte der Rhetorik aus der Hochschule verbannt hatte. In Tateinheit mit dem lange verinnerlichten Geniekult der Romantik und dem Märchen vom höheren Denken ohne Sprache zeitigt das inzwischen eine geradezu witzige Folge, zu der man nur sagen kann: selbst gewählt oder besser: selbst schuld?
Es ist nämlich der reinste Treppenwitz, dass sich ausgerechnet die „klugen Köpfe sich von toten Maschinen, gebaut von unredlichen Geschäftemachern mit unredlichen Absichten, ins Bockshorn jagen lassen. Man stelle sich vor:
Sie beginnen, wie Maschinen zu reden, und zwar massenhaft. Der eigenen Zombifizierung steht offenbar nichts mehr im Wege. Aber wer weiß? Vielleicht streben sie ja auch das Weiterleben in der Maschine oder gleich ganz als Maschine an. Hinweg mit dem lästigen Körper, der sie doch nur beim Denken stört.
Zig tausende YouTube-Kanäle akademischer Institutionen, 280.000 Videos und hunderttausende Wortmeldungen aller Art bei unzähligen akademischen Gelegenheiten zeigen das ganze Elend. Die „klugen Köpfe“ plappern wie die „stochastischen Papageien“, erbaut aus Diebstahl, Ausbeutung und Gier. Was natürlich nur passieren kann, wenn man dieses Zeug ununterbrochen konsumiert. Spracharmut, Manipulation und Schlimmeres seien die möglichen Folgen, befürchten die Ärmsten, die das alles sichten mussten.
Denken wir es kurz zu Ende. Irgednwann wird das Geplapper ein zusammengeklautes selbstreferentielles System, das sich nur noch mit sich selbst unterhält. Wozu bräuchten wir dann noch „klugen Köpfe“?
Vorbei die Zeiten, als man die Maschinen den Menschen anpasste. Heute machen wir es umgekehrt, damit die Geschäftemacher noch mehr Geschäfte machen können und noch mehr Vielfalt des Sprechens und des Denkens in ihrem Sinne zerstören können. Dass ausgerechnet die „klugen Köpfe“ zu den Speerspitzen dieser Entwicklung gehören. In der Gesellschaft der schreibenden Insider wundert das niemanden.
Während unsere „klugen Köpfe“ sich langsam in Papageien verwandeln, beherrschen die meisten Angehörigen der in ihren Augen „primitiven“ schriftlosen Kulturen (nein, es hat sich daran nichts geändert, auch wenn man es heute gönnerhafter formuliert) in der Regel bis zu vier Sprachen, zwischen denen sie virtuos hin und herwechseln. Dabei wissen sie sehr genau, wie Sprache funktioniert, wie man sie einsetzt, wie man die verschiedenen Uneindeutigkeiten navigiert, ohne den Faden zu verlieren und wie man auch die nächste Fremdsprache ohne Wörterbuch lernt. In Zeiten des „anglozentrischen Nichtwissens“ (Werner Petermann) unter den „klugen Köpfen“ wäre diese kulturelle und sprachliche Virtuosität doch eine prima Alternative.
Man kommt nicht umhin zu bemerken, dass den klugen Köpfen, die das alles geduldig untersuchten, offensichtlich wichtige Grundlagen fehlen, wenn es ans allgemeine Eingemachte geht (zum Beispiel die Ursache-Wirkung-Kette zwischen Kultur und Medien und Kommunikation und Erfindungen und wieder Kultur) oder sie kommen zu Erkenntnissen, die wir auch vor 100 Jahren schon hatten. Aber was soll’s? Wie so oft beim gesprochenen (oder geschriebenen) Wort: Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem.
[1] Gert Ueding, Moderne Rhetorik, München 2009
Sprechende Kultur
Genug davon. Akademiker, die sich um Spracharmut sorgen, haben schon etwas Komisches, betrachtet man einmal, was sie selbst mit allem, was Sprache ist, angerichtet haben und was sie an eurozentrischem (inkl. Derivate) Nichtwissen so alles an den Tag legen. Sich der Welt als Lösung anzubieten, während man allzu oft selbst ein Teil des Problems ist und bockig andere Wissenskulturen ignoriert und über richtet, ohne sie zu kennen oder gar zu verstehen, war schon für Robert Ranke-Graves eine ziemlich dumme Art der Komplexitätsreduktion. Der große Kenner der alten griechischen Mythologie schalt Sokrates und seine Kumpane „törichte Naturalisten“, weil sie nicht einmal ungefähr Sinn und Zweck der Geschichten verstanden, die Menschen einander erzählten. Das, was diese törichten Leute für bloße Märchen hielten, die keinerlei „Wahrheit“ besitzen konnten, diente nicht nur der gesellschaftlichen und kulturellen Selbstvergewisserung und der Aushandlung politischer Optionen. Sie waren darüber hinaus angefüllt mit nützlichen und notwendigen Informationen, die so von einem Gemeinwesen zu einem anderen, von einer Generation zur nächsten übermittelt wurden.
Es sind Dinge, die bis heute fortbestehen. Ob eine Kultur Schrift und neueste Technologien besitzt oder nicht, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Ein Beispiel von den Kirgisen.
Nicht nur in sogenannten „traditionellen“ Gesellschaften gilt das gesprochene Wort häufig mehr als das geschriebene oder zumindest genau so viel. Es kommt vor, dass eine Vertrauensperson mündlich bestätigen muss, was man zuvor selbst gelesen hat. Ein Wort zu geben, bedeutet in vielen Fällen mehr als eine Unterschrift in einem Dokument. Ich habe Kaufleute erlebt (auch der ganz großen Art), die Verträge nur mündlich schlossen. Ein Dokument zu verlangen, wäre einem schweren Affront gleichgekommen. Das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) sieht grundsätzlich vor, dass Verträge bis auf einige Ausnahmen mündlich geschlossen werden können. Sie sind ebenso rechtlich bindend wie schriftliche Verträge. Tatsächlich ist der mündliche Vertrag sogar die Grundform aller Verträge. Ein Schrifterfordernis gilt nur, wenn es ausdrücklich gesetzlich angeordnet ist (z.B. bei Grundstückskauf- oder Eheverträgen).
Der Bänkelsänger Ihres Vertrauens
Das Vertrauen in das geschriebene Wort ist nirgends mehr sehr groß, sagen die Umfragen, und umso weniger, je mehr der „KI“-Slop sich wie Mikroplastik in alles hineinfrisst. Man fragt lieber die Nachbarin oder demnächst vielleicht eine Neuauflage des vertrauenswürdigen Bänkelsängers, der von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt zieht und uns Geschichten darüber erzählt, was so los ist in der Welt. Womöglich erkennen wir seinen Gesang oder die Moritaten, die er mitbringt, als wichtige und vertrauenswürdige Information, weil wir längst wieder gelernt haben, zwischen den Zeilen zu hören. Ob die Experten das als „sekundäre Oralität“ bezeichnen würden, so wie der Jesuit Walter Ong es über das Radio und das Fernsehen tat, lassen wir im Moment offen.
Sprache ohne Wörterbuch
Lernt man aber eine Sprache in einem natürlichen Kontext und nicht getrennt vom praktischen Leben, notwendigerweise vielleicht, weil es eine schriftlose Kultur ist und es kein Wörterbuch gibt, lernt man nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur und soziale Kompetenz, sich in dieser Kultur zu bewegen. Die Welt ist schon etwas länger „globalisiert“ als es sich „moderne“ Jetsetter so vorstellen. Viele Handelswege sind Jahrtausende alt und überspannten ganze Kontinente und Weltmeere. Sprachen zu lernen und zu übersetzen, gehörte zum Alltag der Reisenden und derjenigen, die vor Ort Handel trieben oder nützliches Wissen austauschten. Lehrbücher spielten da eher keine Rolle. Dieses Miteinander war stets ein Inkubator für neu entstehende kulturelle Praxis und für den Austausch zwischen unterschiedlichen Sprachwelten, Sinnsystemen, Deutungsmustern und Ordnungsvorstellungen.
Lernt man eine Sprache von fern aus einem Buch oder mit einer „App“, kann man sie „verstehen“, ohne sie sprechen zu können. Das Wesentliche aber fällt weg. Der Ethnologe Felix Girke machte bei den Kara in Südost-Äthiopien die Erfahrung, dass man ihm beim Sprechen und Sprachen lernen nur dann half, wenn man erkannte, dass er willens war, auch ihr Leben zu verstehen und dass er sprach, wie holprig auch immer, um das zu zeigen. „Ich kann den größeren kulturellen und sozialen Rahmen nur erfassen, wenn man mir Zugang gewährt und wirklich verstehe, was Leute mir erzählen wollen.“ Felix Girke lernte Kara in einer Kultur, die Walter Ong der Sphäre der „primären Oralität“ zugerechnet hätte. So nannte er eine Eigenschaft von Kulturen, die völlig unberührt von jeglicher Form der Schrift seien. Und man solle sich vorstellen, so Ong, wie das wohl sein könnte, niemals etwas nachschlagen zu können. Für den Jesuiten Ong war Schriftlosigkeit in gewisser Weise ein Defizit. Orale Kulturen besäßen, so meinte er, keine „analytischen Kategorien, die auf Schrift angewiesen seien, um Wissen fern der gelebten Erfahrung zu strukturieren. Sie kennten wenig Statistik oder nur wenige Fakten, die getrennt von menschlicher oder quasimenschlicher Erfahrung seien und sie hätten eben auch diese Werke nicht, in denen sie einmal etwas nachschlagen könnten. Wissen und Wissensvermittlung seien also immer an den Handlungskontext gebunden. Und? Menschen sind mehrere Jahrhunderttausende mit dem Handlungskontext gut zurecht gekommen. Wie sollte das ein Defizit sein?
Für Menschen, die mit Schrift und Büchern etc. aufgewachsen sind und zu den sogenannten gebildeten Kreisen gehören, mag die Vorstellung, keine Schrift zu besitzen, nichts nachschlagen zu können oder eine Sprache ohne Buch lernen zu müssen, eine gewaltige Herausforderung sein. Doch Millionen Menschen lernen seit jeher ganz ohne Bächer ständig neue Sprachen, sei es im Austausch mit Nachbarn, sei es beim Handel, sei es beim Spiel und manche auch auf Reisen, ganz freiwillig, auf der Straße, vielleicht wenn sie den Geschichten der Alten lauschen, in denen so unendlich viel Wissen steckt: über die Dinge der Welt, über die eigene Geschichte, über das wer mit wem, über wichtige Ereignisse in tiefer Vergangenheit, über die Späße der Trickster oder über das beste Rezept für schwarze Bohnen, Wissen, das sie nirgends jemals nachschlagen mussten. Natürlich kennen sie auch die Balladen, die Epen, die Mythen, die Märchen und die heiligen Gesänge auswendig. Sie werden sie vortragen, wenn sie die Zeitung gelesen haben.
Geschichten erzählen
Märchen wie auch viele andere Geschichten wurden seit jeher mündlich überliefert und erst später aufgeschrieben wie in der Sammlung der Gebrüder Grimm oder im Liederschatz, den Achim von Arnim und Clemens Brentano unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ herausbrachten. Es waren Märchen und Lieder, die eigentlich in einer Schriftkultur mündlich erzählt wurden. Aber wer konnte schon lesen oder gar schreiben außer den Mönchen in ihren klammen Skriptorien, die nichts anderes taten als Bibeln abzuschreiben? Einigermaßen flächendeckende Literalität gab es hierzulande erst mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts, niedergelegt in der Weimarer Verfassung von 1919. Mit anderen Worten: In weiten Bereichen des alltäglichen Lebens galt das gesprochene Wort, das inzwischen in vielen Weltgegenden aus unterschiedlichen Gründen eine Renaissance erlebt, sei es, um alte Traditionen und eine bestimmte Form kulturellen Wissens zu bewahren, sei es, um die kulturelle Selbstvergewisserung zu stärken oder sei es, um in einer Sphäre zunehmender Überwachung sein subversives Potential zu nutzen.
Geschichten zu erzählen von Mensch zu Mensch ist etwas, was allen Kulturen gemeinsam ist. Berühmt sind die Geschichten der arabischen Welt, die weit mehr sind als gemeinsame Unterhaltung. Sie haben seit jeher einen prägenden Einfluss auch auf die geschriebene Wortkunst. In vielen afrikanischen Kulturen sind Geschichten Lektionen über das Leben, soziale Systeme, politische Optionen, und sie sind immer auch der Austausch von Informationen – alles das, was Sokrates und seine Kumpane in ihrer eigenen Kultur nicht verstanden. Vielerorts dienen sie als Training des Intellekts, des Gedächtnisses und der Vorstellungskraft.
In Albanien gibt es bis heute eine starke orale Tradition, in Irland war der seanchaí der Bewahrer der alten Lieder; in Schottland hieß er seanchaidh. Ihre Aufgabe war es, Wissen über die Geschichte, die Kultur und über die Menschen von Generation zu Generation weiterzugeben. In den asiatischen Schriftkulturen gaben die Erzähler wichtiges Wissen, Mythen und auch den Inhalt alter Schriften mündlich weiter. Um dabei präzise vorgehen zu können, bedienten sie sich wie viele Erzähler unterschiedlicher Mnemotechniken oder bestimmter Ausformungen der Texte. Rhythmische Prosa (wie Homers Epen, die lange nur mündlich vorgetragen und weitergegeben wurden), Reimform oder Wiederholungen sind hilfreich, wenn man sich lange Texte merken muss. Auch sie zu singen, erleichtert die Arbeit. Rhythmus ist der erste Bedeutungsträger (s.o.), und im Gehirn liegen Sprache und Musik direkt nebeneinander. Deshalb nehmen wir Tonfolgen wie gesprochene Sätze und gesprochene Sätze wie Tonfolgen wahr.
Australische Aboriginees erinnern in ihren Geschichten Ereignisse, die Jahrzentausende zurückliegen, und speziell ausgebildete Weise können Abstammung und Erbe über 30 Generationen memorieren, fast 1000 Jahre.
Im Norden Amerikas dienten Geschichten für die Weitergabe elaborierten wissenschaftlichen und technischen Wissens, für den Erhalt von Traditionen, als Basis für die Aushandlung sozialer und politischer Organisation oder für das Weitertragen der verbundenen Geschichte der jeweiligen Nation und des Landes. Aber natürlich gab es auch Geschichten, die allein der Unterhaltung dienten oder dazu, Menschen zum lachen zu bringen, das in vielen Kulturen als heilig angesehen wird. Berühmt wurden die Erzählungen über die Figur des Tricksters, der Spaßmacher, Schöpfer, Zerstörer und soziales Korrektiv zugleich ist.
Anders als zum Beispiel in der arabischen Tradition gab es keine professionellen Geschichtenerzähler. Jeder konnte im eigenen Stil erzählen, alle konnten kommentieren. Diese Art Erzählen mochte ein Wettstreit um Status sein oder der Vermittlung unterschiedlicher Interpretationen der Wirklichkeit dienen, ein Zug, der von den Zuhörern sehr geschätzt wurde. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es Berichte europäischer Reisender über große Redner mit außergewöhnlichen rhetorischen Fähigkeiten, die weithin bekannt waren und eine wichtige Rolle im politischen Leben ihrer Nationen und darüber hinaus spielten. Kandiaronk war einer von ihnen. [1]
[1] David Graeber und David Wengrow, The Dawn of Everything, London 2020)
Wie lernt man sprechen?
An dieser Stelle sollen Experten sprechen. Darüber, wie man sprechen lernt, welche Rolle ein Text dabei spielt oder auch nicht. Darüber, wovon das Schauspiel lebt, oder wie es funktioniert, wenn man jemandem seine Stimme leiht. Auch darüber, wie es kommt, dass die Qualität des Sprechens, z.B. im Radio, so enorm nachgelassen hat und warum Nuscheln und Kinderstimmen so populär wurden.
Und noch so vieles mehr.